Für Elizabeth Holmes, ein Mädchen aus gutbürgerlichem US-amerikanischen Durchschnitts-Haus, läuft es gut. Gerade hat sie es geschafft, an der Uni in Stanford aufgenommen zu werden - unter den Top Ten ihres Jahrganges. Doch dann schlägt das Schicksal zu: Ihr Vater verliert überraschend seinen Job, muss reiche Freunde um Geld bitten. Die demütigen daraufhin die bildhübsche Schülerin. Sodass in ihr der Wunsch wächst, Self-Made-Milliardärin zu werden. Mit einer bahnbrechenden Erfindung.

So stellt die neue, achtteilige Dramaserie "The Dropout" (neu bei Disney+) den Beginn der Affäre um das Bluttest-Start-up "Theranos" dar. Die Firma und Gründerin gab es wirklich. Holmes sammelte in den Nullerjahren als 19-jährige Milliarden von Dollar bei prominenten Investoren ein, um ein wahnwitziges Versprechen wahr zu machen: Ein Tropfen Blut reicht, um dutzende Unverträglichkeiten und Krankheiten aus dem Lifestyle-Bereich zu diagnostizieren. Ein technologisches Wunder, erfunden von der Studienabbrecherin Holmes selbst. Doch wie das oft so ist mit Wunder: Sie versprechen mehr, als sie halten können. Und die Firma und damit die Milliarden krachen.

Holmes landete vor Gericht. Ihr Prozess endete im Jänner, als sie des Betrugs von Investoren für schuldig befunden wurde. Ihr drohen bis zu 20 Jahre Haft im Bundesgefängnis, plus möglicherweise Millionen an Wiedergutmachung und Geldstrafen. Die Verkündung des Strafausmaßes ist für September geplant.

Der ideale Zeitpunkt also, für eine Serie: Elizabeth Holmes wird furios von Amanda Seyfried gespielt. Sie kopiert die Art und Weise zu sprechen famos und zeigt ein spannendes Rollkragenporträt der verurteilten Betrügerin. Mehr als ein Jahrzehnt, nachdem David Fincher und Aaron Sorkin sich mit den Ursprüngen von Facebook in "The Social Network" (2010) auseinandergesetzt haben, sind Start-up-Geschichten in Hollywood der letzte Schrei. Von "Super Pumped" über Travis Kalanick von Uber bis "WeCrashed" über Adam Neumann von WeWork und jetzt auch "The Dropout". Geht es dem Gründer-Mythos nun also an den Kragen? Eine Zeit lang standen diese Menschen ja hoch im Kurs. Die Öffentlichkeit war auf der Suche nach dem nächsten Steve Jobs. Allen ist gemein, dass sie Ideen aus dem Boden gestampft haben, um die Welt zu verbessern. Und alle zahlten für ihren Höhenflug wie einst Ikarus: mit Verbrennungen an der Sonne des Geldes.

Doch zurück zur Serie: In "The Dropout" sehen wir, wie Elizabeth Holmes eine persönliche und geschäftliche Beziehung mit dem fast doppelt so alten Investor Sunny Balwani (Naveen Andrews ,"Lost") beginnt. Sie bricht ihr Studium ab und überredet ihre Eltern, ihr Studiengeld in Theranos zu stecken, und treibt Personal (darunter auch der großartige Stephen Fry) für das Labor zusammen, während sie Investoren das Blaue vom Himmel erzählt.

Nur zum Betrug geeignet

Das Problem ist: Ihre Technologie funktioniert gerade gut genug, um Hoffnung zu machen, aber vor allem nicht an dem Tag, an dem sie es einem Pharmakonzern zeigen muss. Holmes fälscht die Ergebnisse. Und von da an zerbricht die gesamte Illusion von Folge zu Folge in immer kleinere Stücke.

Bevor der Schwindel 2016 aufflog, galt Theranos als "Einhorn". Es war mit neun Milliarden US-Dollar bewertet. Die Geschichte ist erstaunlich, nicht zuletzt wegen Holmes’ Selbstinszenierung durch ihren notorisch künstlichen, rauen Bariton, den wir Amanda Seyfried im Spiegel üben sehen. Das ist kaum von einem YouTube-Clip der Theranos-Gründerin selbst zu unterscheiden. Sie führte Rupert Murdoch, Henry Kissinger und viele andere hinters Licht. Dabei verglich sich Holmes oft mit Steve Jobs. Sie imitierte den verstorbenen Co-Gründer von Apple sogar in puncto Kleidung: Meist trug sie einen schwarzen Rollkragenpulli.

Showrunnerin Elizabeth Meriwether lässt Holmes ihre messianischen Komplexe ausleben und zeigt Selbstbewunderung und die massiven Kollateralschäden, die ihre Arroganz angerichtet haben. Ein bestechendes Porträt der Start-up-Kultur, die den Schwindel ermöglicht hat.(bau)