Es sind Zahlen, zu deren Größenordnungen normale Menschen längst den Bezug verloren haben. Da hilft auch kein Umrechnen in Badewannen oder Fußballstadien: Die 44 Milliarden Dollar, die Tech-Unternehmer Elon Musk ("Tesla", "SpaceX") für Twitter zahlen will, sind auch für ihn ein Vermögen. Rund die Hälfte davon will er selbst beibringen, der Rest wird über Finanzierungsinstrumente abgewickelt. Viele Experten bezweifeln jedoch, ob dieses Investment wirklich profitabel sein wird. Denn ob Twitter, das seit seiner Gründung vor 16 Jahren immer wieder bei den Einnahmen hinter anderen Online-Riesen wie Facebook oder YouTube hinterherhinkt, das Geld tatsächlich einspielen wird, muss bezweifelt werden.

Möglicherweise vertraut Musk darauf, dass es nur seines unternehmerischen Geschickes bedarf, um auch Twitter zu Gold zu machen. Womöglich sind es aber auch ganz andere Interessen, die der Tech-Guru verfolgt. Denn Twitter ist eine Art Obsession des Tesla-Eigentümers, der es zweifelsohne mit seinen Autos geschafft hat, der Elektromobilität einen gewissen Coolness-Faktor zu verpassen. Nicht nur, dass Musk zu den Menschen mit den meisten Followern gehört, sein Wort hat in seiner Fangemeinde Gewicht. Wie um Apple haben sich auch um Musk wahre Jünger geschart, die nur bereitstehen, seine Kämpfe für ihn auszufechten.

Elon Musk (50), Tesla-Chef, kürzlich in Berlin Brandenburg wo ein Werk für Europa entsteht. - © apa / Patrick Pleul
Elon Musk (50), Tesla-Chef, kürzlich in Berlin Brandenburg wo ein Werk für Europa entsteht. - © apa / Patrick Pleul

Musk kritisiert seit Jahren heftig, das Twitter die Meinungsfreiheit einschränke. Dass umstrittene Tweets zu Covid-19 oder der US-Politik "Fact Checks" unterzogen werden oder gar gelöscht werden, ist ihm ein Graus. Die Sperre von Ex-US-Präsident Donald Trump, als dieser die Aufstände gegen seine verlorene Wahl lobte, ging Musk zu weit. Nun keimt also die Hoffnung in der Republikanischen Partei, dass Musk die Moderation bei Twitter massiv einschränken wird. "Free Speech is making a comeback", twitterte etwa folgerichtig der konservative US-Abgeordnete Jim Jordan. Er ist nur einer von vielen, die seit Montag aus dem Jubeln gar nicht herauskommen. Gut möglich, dass Musk Twitter somit zu seiner privaten Kampfarena ohne Regeln umgestaltet, bei der alles möglich ist.

Eine umstrittene Figur

Musk hatte bereits in der Vergangenheit seine Differenzen mit Twitter. So forderte er seit längerem die Möglichkeit, Tweets zu ändern. Das ist derzeit nicht vorgesehen, man muss sie löschen und neu schicken. Eine Umfrage unter seinen Followern ergab, dass drei von vier Usern das befürworten. Seine Forderung, dass der Algorithmus von Twitter Open Source, also frei einsehbar sein soll, dürfte wohl vom Tisch sein. Immerhin hat Musk gerade satte 44 Milliarden dafür bezahlt; seine Investoren würden sich wohl schön bedanken, würde er dieses Gut nun einfach so preisgeben.

Doch es gibt auch eine leise Gegenbewegung. Der britische "Independent" publizierte noch in der Nacht auf Dienstag eine Anleitung, wie man seinen Twitter-Account angesichts dieser Übernahme löschen kann. Etliche prominente Figuren aus dem Entertainment-Bereich kündigten bereits das Aus für ihre Twitter-Präsenz an. Noch ist das freilich vereinzelt. Man kann aber nicht ausschließen, dass die Bewegung Fahrt aufnimmt und es zu einem Trend wird, Musks Twitter den Rücken zu kehren.

Tatsächlich gilt der mittlerweile reichste Mann der Welt als durchaus umstrittene Figur. Mit Bill Gates etwa liegt er im Dauerclinch und schreckt selbst vor persönlichen Beleidigungen nicht zurück. Tatsächlich zieht sich Hass gegen Menschen, die ihm nicht uneingeschränkte Bewunderung zollen, wie ein roter Faden durch seine Historie. Als sein Unternehmen begann, sich für Nasa-Aufträge zu interessieren, warnten prominente Astronauten öffentlich vor einer Privatisierung dieses Bereichs. In einer TV-Doku sah man kürzlich, dass Musk, der schon als kleiner Bub weltraumbegeistert war, dieser "Verrat" durch seine Helden Jahre danach noch immer psychisch naheging.

Standpauke nach Mitternacht

Legendär schlecht ist auch sein Verhältnis zu Mitarbeitern, denen er wenig Respekt zollt. Erst kürzlich berief er bei SpaceX eine Mitarbeiter-Vollversammlung ein, bei der es eine Standpauke setzte, weil das Unternehmen seiner Meinung nach mit gewissen Zielen in Verzug ist. Dafür zitierte Musk alle Mitarbeiter am Sonntag um ein Uhr nachts ins Werk. TV-Dokumentationen berichten von einem Klima voll Angst und Leistungsdruck in Musks Unternehmen.

Derer gibt es mittlerweile viele. Glanzstück ist sicher das Autounternehmen Tesla. Entgegen der landläufigen Meinung hat Musk Tesla übrigens nicht gegründet, sondern übernommen, dann jedoch zum Erfolg geführt. Sein erstes Start-up, den Bezahldienst Paypal, hat Musk mit Geld seiner Familie finanziert, die einen Smaragdhandel in Südafrika hatte. Weiters besitzt er Neuralink. Das Gehirnchip-Startup wurde 2016 gegründet und soll Menschen und Computer über Implantate miteinander kommunizieren lassen. Letztlich will Musk Neuralink-Chips in menschliche Gehirne implantieren. Tierversuche sind bereits erfolgt, der Erfolg soll ausbaufähig sein.

Nicht weniger Science Fiction darf man bei Musks Boring Company erwarten. Mit dieser 2017 gegründeten Firma will Musk den Transport mittels Tunneln revolutionieren. Das Ziel sind sogenannte Hyperloops (Vakuumröhren), in denen er Fracht wie auch Passagiere transportieren und so die Verkehrsbelastungen in Metropolen reduzieren will. Zur Finanzierung der Projekte hat die Boring Company Flammenwerfer verkauft.

Den größten Erfolg hatte Musk wohl mit SpaceX. Das Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen versorgt die Internationale Raumstation ISS und bietet die derzeit stärkste Trägerrakete an. Inzwischen befördert SpaceX auch Privatpersonen ins All und betreibt mit Starlink ein Satelliten-Internet. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen laut CNBC mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet. Das große Ziel ist nicht weniger ambitioniert wie ihr Chef: den Mars zu besiedeln und die Menschheit ins Weltall zu führen.

Bei so hohen Zielen fragt man sich: Warum jetzt also etwas so Erdiges wie Twitter? Eine Frage, die uns Musk wohl bald durch seine Taten beantworten wird.