Seit Jahreswechsel ist Ingrid Thurnher als Radiodirektorin des ORF im Amt. In dieser Funktion hat sie die Aufgabe, die Audio-Inhalte des ORF möglichst breit im kommenden Streaming-Angebot des ORF-Players anzubieten. Andererseits will auch die erfolgreiche Radioflotte bestehend aus Ö1, Ö3 und FM4 gepflegt und den neuen Hörgewohnheiten vor allem des jungen Publikums angepasst werden. Ein Spagat zwischen der modernsten und der ältesten Technologie des ORF.

"Wiener Zeitung": Als ORF-Radiodirektorin sind Sie für alle bundesweiten Audio-Inhalte zuständig. Wo ist das größte Veränderungspotenzial?

Ingrid Thurnher: Das größte Veränderungspotenzial liegt in dem neuen, digitalen Angebot, das wir gerade erarbeiten. Das Angebot heißt "Sound". Hier werden künftig alle Audio-Angebote des Hauses an einem digitalen Ort gebündelt. Da spreche ich nicht nur von den Live-Streams der einzelnen Sender, sondern auch etwa von Podcast-Angeboten der Fernsehsender, zum Beispiel der ZiB Podcast. Das ganze Audio-Angebot des ORF wird in diesem Modul online gebündelt und völlig neu aufbereitet. Die Sender werden sehr präsent sein, aber das Angebot gruppiert sich in Themenclustern. Da heißt, alle Audio-Inhalte zu einem bestimmten Thema finden sich an einem Ort. Das zielt vor allem auf das junge Publikum und seine Hör- und Sehgewohnheiten ab. Das junge Publikum kennt das von Spotify oder YouTube und wir müssen diesen neuen Konsumgewohnheiten von Audio-Inhalten entgegenkommen. Das Projekt ist derzeit in der Zielgeraden und wir hoffen, dass wir im Sommer starten.

Ist das rechtlich auch ohne die Novelle des ORF-Gesetzes möglich?

Für dieses Angebot, wie wir es jetzt erarbeiten, haben wir die rechtlichen Rahmenbedingungen, da wir vorerst keine Online-First und Online-Only-Inhalte planen. Wir arbeiten mit Angeboten, die schon einmal im Radio waren, und bündeln sie zu neuen Content-Clustern. So sind sie für die User viel leichter auffindbar. Ein Beispiel: Wir können etwa unter "Kulinarik" alles zum Thema zusammenfassen von "Moment - Kulinarium" auf Ö1 bis zu den Kochsendungen in den Landesstudios. Dann können wir den Leuten sagen: "Wenn Sie das interessiert, interessiert Sie vielleicht auch das", und können so die User-Journey neu zusammenstellen. Wir können aber auch Audio-Musikangebote machen, die schon einmal auf Ö3 oder FM4 gelaufen sind. Es wird eben durch das neue Kuratieren ganz anders aussehen als die jetzige Radiothek.

Sie dürfen derzeit von Gesetzes wegen Inhalte online nur sieben Tage lang anbieten. Spielt das eine Rolle?

Leider spielt das nach wie vor eine große Rolle. Aber wir hoffen sehr, dass das endlich fallen wird. Das sieht man beispielsweise an den "Diagonal"-Städteporträts von Ö1, die sehr aufwendig gemacht sind. Das ist wertvoller hochqualitativer Content, aber nach sieben Tagen müssen wir ihn entfernen. Dabei ist ein schönes Lissabon-Porträt natürlich immer interessant und nicht nur bis sieben Tage nach der Sendung. Es interessiert mich ja vor allem dann, wenn ich hinfahre. Aber wir müssen es dennoch löschen. Das kann doch nicht Sinn der Sache sein. Da blutet unser Herz und wir hoffen, dass wir bald mehr Bewegungsspielraum bekommen.

Das heißt, es wird mit den Brands der Sender gekennzeichnetes Material geben, das aber thematisch neu zusammengestellt wurde - im Rahmen des jetzigen Gesetzes.

Genau, weil das dürfen wir ja. Ein Beispiel: Die erste "Lane" im Modul wird "News" heißen. Dort findet man zum Beispiel alles zum Thema Regierungsumbildung. Das Journal von Ö1, aber auch der neue Landwirtschaftsminister im ausführlichen Interview bei Radio Tirol. Das kommt alles in den Cluster - übersichtlich aufbereitet als Themenpaket.

Werden da auch Soziale Medien eingebunden, auf denen man Inhalte auf dem Player teilen kann?

Das wäre schön, ist aber noch einen Schritt zu weit gedacht. Natürlich bewerben wir unsere Inhalte in den Sozialen Medien, das ist klar. Aber wie wir die Sozialen Medien integrieren, ist noch eine offene Frage, die wir derzeit in einer Arbeitsgruppe in der ORF-Generaldirektion erarbeiten.

Ein weiteres Großprojekt ist der Umzug auf den Küniglberg für Ö1 und Ö3. Das soll ja auch im Juni so weit sein. Ihre Erwartungen?

Der Umzug wird in drei Schritten erfolgen. Am 20. Juni wird die Radio-Information erstmals aus dem neuen, multimedialen Newsroom senden. Am Wochenende davor findet die Übersiedlung statt. Dieser Termin ist in Beton gegossen, weil wir einen gewissen Vorlauf brauchen. In fünf Wochen ist es also für 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so weit, dass sie in den großen Newsroom mit den Kollegen von der ZiB und ORF On ziehen. Das wird bei aller intensiver Vorbereitung ein gewisses Abtasten nötig machen, wie wir unsere Abläufe gemeinsam gestalten können, dass es für alle passt. Das wird eine spannende Aufgabe und ein großer Schritt. Er wird uns auch Learnings liefern, wie wir bei der trimedialen Integration weiter vorgehen. Als Nächstes übersiedelt Ö1 Ende August ins neue Ö1-Haus. Zuletzt folgt Ö3, das Ende September übersiedeln wird. Anfang Oktober sind dann fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Küniglberg. Unser Kulturstandort mit dem RSO Wien und dem RadioKulturhaus bleibt im Funkhaus.

Was haben die Hörer von diesem Investment?

Ich denke, dass man das sehr bald in der Information spüren wird, dass die trimediale Zusammenarbeit Früchte trägt. Aber auch da sind wir von der Digital-Novelle des ORF-Gesetzes abhängig, ob wir zusätzliche Angebote machen dürfen.

Ein Problem des klassischen Radios ist, dass es große Teile des jungen Publikums an Streaming-Dienste wie Spotify oder TikTok verloren hat. Was muss passieren, um dieses Publikum noch fürs Radio zu gewinnen?

Flapsig gesagt: Auf welchem Endgerät die jungen Menschen unsere Audio-Inhalte konsumieren, ist mir egal, Hauptsache sie konsumieren sie. Und unsere Antwort darauf ist ebenso "Sound". Wir haben europaweit gesehen, dass man mit diesen Technologien auch bei den jungen Menschen punkten kann. Zudem werden wir die ORF-Angebote auch auf den Radioplayer stellen, eine Anwendung, die in vielen neuen Autos fix verbaut ist. Das stellt sicher, dass unsere Inhalte dort auf der Startseite verfügbar sind. Damit fällt das Switchen zwischen Radio und digitalen Inhalten weg.

Es gab vor einigen Monaten Debatten über Reformbedarf bei FM4. Was ist dabei Stand der Dinge?

Die neue Senderchefin Doroteja Gradištanac hat im Jänner übernommen und einmal in einem intensiven Prozess auch mit einem externen Beratungsunternehmen eine Bestandsaufnahme gemacht. Wie wird dort gearbeitet? Was können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders gut? Wie sind die Herangehensweisen ans Programm? FM4 ist sehr gut aufgestellt. In Zukunft werden wir versuchen, manche Dinge, die besonders gut gehen, weiter zu stärken. Wir haben auch das erste Mal seit fünf Jahren eine große Music-Mapping-Studie beauftragt, die gerade ausgewertet wird. Wir erhoffen uns dabei Erkenntnisse, welche Art von Musik die Menschen auf so einem Sender besonders gerne konsumieren möchten und mit welchen Angeboten wir noch besser punkten können. Die Repräsentanz der österreichischen Musik ist natürlich ein unverzichtbarer Teil dessen, was FM4 macht. Das ist auch ein großes Anliegen der Musikwirtschaft, dass wir diesem Pfad treu bleiben. Es ist auch Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrages, jungen Künstlern zum Durchbruch zu verhelfen. Wir wollen diese Erkenntnisse Step by Step umsetzen. Ergebnisse dieses Prozesses auf dem Sender erwarte ich im Herbst.

Ist das ein ergebnisoffenes Verfahren oder gibt es ein Briefing von oben, wohin die Reise geht?

(lacht). Sagen wir so: Wir sind uns über die wesentlichen Punkte einig. Wir wollen, dass sich auf FM4 die Lebenswelt des jungen Publikums abbildet. Jung heißt in diesem Fall beispielsweise Existenzgründung, Familiengründung, Berufswahl oder Orientierung in der Gesellschaft. Themen, die für junge Leute wichtig sind wie Klimaschutz, Diversität oder Gleichberechtigung sollen sich auf diesem Sender gut wiederfinden. Jetzt suchen wir gemeinsam die richtige Form und das richtige Maß. Wenn wir mehr Möglichkeiten durch die Digitalnovelle erhalten sollten, sind wir darauf vorbereitet, was besser im linearen Radio und was besser online aufgehoben ist. Das ist eine sorgsame Abwägung und damit ist das Team intensiv beschäftigt.