Spannender kann man einen Song Contest in Zeiten wie diesen nicht machen. Denn fast sah es so aus, als ob das Märchen, das so viele erwartet oder zumindest erhofft hatten, doch nicht in Erfüllung gehen würde.

"And our twelve Points go to . . . Ukraine", hätte es Land für Land heißen sollen im finalen Voting beim 66. ESC. So zumindest hätten sich das viele vorgestellt. Und auch die Buchmacher sahen das ukrainische Kalush Orchestra mit ihrer Mischung aus Folklore und Rap klar an der Spitze. Die nationalen Jurys der 40 teilnehmenden Länder - von denen 25 ins Finale gekommen waren - hielten sich jedoch nicht daran. Mit 283 Punkten lag der britische Vertreter Sam Ryder mit seiner zwischen Falsett und Reibeisen pendelnden Nummer "Space Man" nach Jury-Punkten klar vor der schwedischen Sängerin Cornelia Jakobs mit dem berührend-authentischen "Hold Me Closer" (258 Punkte), während die Ukraine zwar viele Solidaritätsbekundungen bekam, aber mit 192 hinter Spanien auf Platz vier landete.

Doch dann war das TV-Publikum in Europa und Australien am Wort - und katapultierte mit seinen Anrufen und SMS zuerst Serbien in Führung und dann die Ukraine mit 439 Punkten tatsächlich auf Platz eins: 631 Gesamtpunkte konnten weder der Brite noch die Schwedin mehr einholen. "Slava Ukraini!" ("Ruhm der Ukraine!"), riefen die Ukrainer in der Turiner Halle Pala Olimpico in ihrem Freudentaumel ob des Sieges.  

Der Song Contest und die Politik

Die Musikshow schwankte an diesem Samstagabend zwischen bunter Party, der Erleichterung, praktisch alle Corona-Beschränkungen hinter sich gelassen zu haben, und den Schatten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Nicht von ungefähr war das ukrainische Kalush Orchestra als Topfavorit in die Endrunde gegangen. Die Grundfrage an diesem Abend lautete also: Würde Europa für Solidarität oder musikalische Qualität voten? Klare Antworten darauf gaben sowohl die Jurys als auch die Zuseher daheim.

Bei den nationalen Jurys lag der Brite Sam Ryder weit voran. 
- © afp / Marco Bertorello

Bei den nationalen Jurys lag der Brite Sam Ryder weit voran.

- © afp / Marco Bertorello

Die Weltpolitik war in diesen vier Stunden Song Contest omnipräsent. Auch, weil das Siegerlied "Stefania" des Kalush Orchestra durchaus politisch gesehen wurde. Der 27-jährige Frontmann Oleh Psiuk betonte zwar im Vorfeld gegenüber österreichischen Medien, dass es sich bei "Stefania" um eine Hommage an seine Mutter, nicht um ein Kriegslied handle: "Das Lied wurde lange vor dem Kriegsausbruch geschrieben. Er beinhaltet kein Wort über den Krieg." Aber selbstredend lesen seit der russischen Invasion viele anderes in die Textzeilen hinein, wenn man etwa an die Passage denkt: "Ich werde immer einen Weg nach Hause finden, selbst wenn alle Straßen zerstört sind."  

"Bitte helfen Sie Asow-Stahl!"

Und das Kalush Orchestra hat nach seinem Auftritt auf offener Bühne um Hilfe für die Ukraine gebeten. "Bitte helfen Sie der Ukraine, Mariupol, helfen Sie Asow-Stahl jetzt!", wandte sich Sänger Oleh Psiuk am Ende des Songs "Stefania" ans Publikum. Es war eine Gratwanderung, die kurzzeitig die Frage aufkommen ließ, ob die European Broadcasting Union (EBU) das Kalush Orchestra nun sanktionieren werde. Denn dezidiert politische Äußerungen sind auf der Bühne des Song Contest laut Regelwerk der EBU ausgeschlossen.

 

Ausgeschlossen wurde heuer übrigens auch Russland ob des Krieges, der nun verständlicherweise auch für die enorme Solidarität der TV-Zuseher sorgte, die für die Ukraine voteten. Sichtbare Solidarität gab es von Beginn an auch in der Turiner Halle Pala Olimpico: Während auf der Bühne und via Einspieler "Give Peace a Chance" gesungen wurde, hielt man im Publikum blau-gelbe Fahnen hoch. Und auch die EBU übte sich in Solidarität und kündigte noch während der laufenden Show, als noch kein einziger Punkt vergeben wurde, gegenüber der dpa an, von Sanktionen abzusehen: "Wir verstehen die starken Gefühle, wenn es dieser Tage um die Ukraine geht, und betrachten die Äußerungen des Kalush Orchestra und anderer Künstler zur Unterstützung des ukrainischen Volks eher als humanitäre Geste und weniger als politisch."

Wo findet der Song Contest 2023 statt?

Alles andere wäre wahrscheinlich letztlich peinlich geworden für die EBU, zumal nach dem märchenhaften Sieg der Ukraine. Der nun eine ernsthafte Frage aufwirft: Wo wird der 67. Eurovision Song Contest im Jahr 2023 abgehalten? Im Interview mit österreichischen Medien zeigte sich Kalush-Flötist Tymofii Muzychuk vor der Show zuversichtlich: "Wenn wir gewinnen, bin ich sicher, dass wir den Song Contest 2023 in einer unabhängigen, glücklichen Ukraine feiern können." Ob das die EBU angesichts der unklaren Weltlage im kommenden Jahr auch so sehen wird, bleibt abzuwarten. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete sich nach dem Triumph seines Landes entsprechend zu Wort: "Unser Mut beeindruckt die Welt, unsere Musik erobert Europa! Im nächsten Jahr empfängt die Ukraine den Eurovision! Zum dritten Mal in unserer Geschichte", so Selenskyj auf Telegram. Er glaube daran, dass dies nicht der letzte Sieg sei.

Die Ukraine hat jedenfalls ein paar Monate Zeit, um zu entscheiden, ob eine Austragung des ESC 2023 im eigenen Land möglich sein wird. Der russische Angriffskrieg hat nun einen weiteren Nebenaspekt.