Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Montag die beiden renommierten von der Journalistengewerkschaft ausgeschriebenen Auszeichnungen - den Robert-Hochner-Preis und den Kurt-Vorhofer-Preis - verliehen. Dabei setzte es nicht nur Regierungskritik, auch die eigene Branche wurde von den Preisträgern hinterfragt. Ausgezeichnet wurden die stellvertretende "profil"-Chefredakteurin Eva Linsinger, ORF-Journalist Martin Thür sowie das ORF-Korrespondentenbüro in Moskau.

Van der Bellen meinte bei dem Festakt in der Wiener Hofburg, die Verleihung der beide Preise sei ihm eine "Herzensangelegenheit". Denn der Stellenwert von unabhängigem Journalismus für das Funktionieren einer Demokratie müsse mehr denn je ins Bewusstsein gerufen werden. Die Medienwelt erlebe seit einigen Jahren einen Wandel, sehe sich mit redaktionellen und ökonomischen Herausforderungen wie auch Vertrauensverlusten in Teilen der Bevölkerung konfrontiert. "Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür zu kämpfen, dass die Presse- und Meinungsfreiheit besser ausgestaltet wird als bisher", so der Bundespräsident.

Gravierende Glaubwürdigkeitsprobleme

Mit dem Kurt-Vorhofer-Preis, der alljährlich Journalisten aus dem Printbereich ehrt, wurde Eva Linsinger ausgezeichnet. Die "profil"-Journalistin nahm in ihrer Rede nicht nur die Politik, sondern auch die eigene Branche in die Pflicht. Beide hätten "gravierende Glaubwürdigkeits-Probleme". "Die Justiz ermittelt, der Korruptions-Untersuchungsausschuss sucht politische Verantwortung, aber wo bleibt die Aufarbeitung der Mitschuld mancher Medien, die auch in den Chats vorkommen?", fragte sich die Innenpolitik-Ressortleiterin in Hinblick auf die Inseratenaffären. Nähe zu politischer Macht könne für manche Medien verführerisch sein, führe aber zum Verlust von Glaubwürdigkeit.

Linsinger nützte ihre Rede, um die Trockenlegung der "Inseratensümpfe" zu fordern. Auch gehöre die Unsitte beendet, "Herrschaftswissen nach Gutdünken, willkürlich wie einen Gnadenakt zu gewähren". Ein Informationsfreiheitsgesetz, das Abhilfe verschaffen könnte, werde aber mit Ausreden blockiert, erinnerte die Kurt-Vorhofer-Preisträgerin. Ein Dorn im Auge war ihr auch, dass die Parteienförderung der Presseförderung mittlerweile "davongaloppiert" sei. Als Konsequenz müssten Medien sparen, während PR-Abteilungen der Regierung wachsen. "Die vierte Macht gerät ins Hintertreffen", warnte sie und plädierte für eine Transparenzoffensive der Politik und eine Qualitätsoffensive des Journalismus.

Auch ORF-Journalist Martin Thür, der mit dem Robert-Hochner-Preis für politische Berichterstattung in Radio und Fernsehen ausgezeichnet wurde, hatte so manches kritisches Wort für die eigene Branche parat. "Eine Heerschar an Plüsch- und Polsterpersonal in den Presseabteilungen hüllt mittlerweile Spitzenpolitiker auf Steuerzahlerkosten in eine Wohlfühlblase voller angeblicher Zustimmung. Journalistinnen und Journalisten sind dazu da, die Luft wieder rauszulassen. Das funktioniert in den letzten Jahren aber nicht mehr so, wie es soll", meinte der "ZiB 2"-Anchorman und machte dafür etwa sinkende Ressourcen für Recherche verantwortlich. Das Publikum werde Journalisten in Zukunft nur vertrauen, wenn glaubwürdig, unbeeindruckt und auf Augenhöhe berichtet werde.

"Raus aus der Komfortzone"

Die Branche müsse sich modernisieren. Traditionelle Medien hätten es sich lange viel zu bequem in den "Schrebergärten der alten Gattungsbegriffe" gemacht. "Wir müssen raus aus der Komfortzone, in der wir die Gegenwart verwalten", sagte der Robert-Hochner-Preisträger. Dazu müsse auch Scheitern erlaubt sein. Derzeit fehle es in den Redaktionen an Widerspruch, Debatten und an einem Wettstreit von Ideen. Beim Alten müsse jedoch bleiben, dass sich Journalistinnen und Journalisten unbequem - auch gegenüber dem eigenen Arbeitgeber - verhalten, raus gehen, die richtigen Fragen stellen, alle Beteiligten hören und Fakten einordnen, so Thür.

Ein zusätzlich vergebener Sonderpreis wurde an die ORF-Journalistinnen und -Journalisten Paul Krisai, Carola Schneider und Miriam Beller für ihre Arbeit unter widrigsten Bedingungen im Korrespondentenbüro in Moskau verliehen. Krisai erinnerte daran, dass man mittlerweile Geld- und Haftstrafen in Russland für die Verbreitung von angeblichen "Falschinformationen" über den Krieg riskiere. Nicht einmal unter dem Sowjetregime habe eine solche konkrete Strafandrohung bestanden, so der Büroleiter.

Scheider merkte an, dass sie selbst keine Angst hätten, dort eingesperrt zu werden. Sie würden wohl eher des Landes verwiesen werden. Vor Ort sei man nicht geblieben, um Mut zu beweisen, sondern um über Themen zu berichten, die von außen unmöglich beleuchtet werden könnten und um mutigen Russinnen und Russen eine Stimme zu geben. "Wir müssen uns die Frage stellen, wie Europa und Österreich mit diesem Regime in den vergangenen Jahren umgegangen ist", sagte Beller. Nicht erst seit dem Ukrainekrieg wisse man, dass unter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Bevölkerung unterdrückt und die Unabhängigkeit anderer Staaten mit Füßen getreten werde. "Kritische Distanz zu wahren ist immer wichtig, im Falle von Putins Regime umso mehr", sagte sie und kündigte an, dass die drei Moskau-Korrespondenten das Preisgeld Opfern des russischen Angriffskriegs spenden werden.
Beide am Montag verliehene Auszeichnungen werden von der Journalistengewerkschaft in Kooperation mit dem Verbund vergeben. Sie sind mit je 7.500 Euro dotiert. Die Sonderpreisträger dürfen sich über 5.000 Euro freuen. Die Entscheidungen traf eine von der Gewerkschaft ernannte Jury.

Für mehr Medienförderung und die "Wiener Zeitung"

Der Präsident der Journalistengewerkschaft Eike Kullmann forderte in seiner Rede erneut eine Erhöhung der Pressefrderung auf "mindestens 150 Millionen Euro plus jährliche Valorisierung". Diese müsse sich "klarerweise und endlich nach klaren Qualitätskriterien richten". Zudem machte sich Kullman für ein Weiterbeseteh der "Wiener Zeitung" stark. "Die Bundesregierung als Eigentümervertreterin der Republik Österreich ist hier in der Pflicht, die Zukunft der Wiener Zeitung sicherzustellen. Und zwar in gedruckter Form. Hören sie daher umgehend damit auf, darüber zu sinnieren, diese nur noch online erscheinen zu lassen. Dies wäre aus meiner Sicht nur ein Tod auf Raten", so Kullmann.