Die vierte Staffel der dänischen Erfolgs-Politserie "Borgen - Gefährliche Seilschaften" geht am 2. Juni 2022 auf Netflix online. Und man startet gleich blutig. Die Kamera filmt einen toten Wal, der an der Küste Grönlands liegt und von Fischern zerteilt wird. Ein Hubschrauber fliegt an ihnen vorbei, landet vor einer Mine. Ein Mann steigt aus, geht geradewegs auf eine Gruppe von Minenarbeitern zu, nimmt einen kleinen, schwarzen Klumpen entgegen und mustert ihn. Er sagt einen Satz, der alles verändern wird: "Glückwunsch, Sie haben Öl gefunden!"

Die Fernsehwelt trifft damit auf die wirkliche Welt. Grönland, die größte Insel der Welt - immerhin achtmal so groß wie Deutschland -, ist nicht nur reich an Eis, sondern auch an Rohstoffen wie Erdöl, Eisen und Seltenen Erden. Die Vorkommen sind kaum erschlossen, und die Frage stellt sich, wie und ob der Bergbau mit nur 58.000 Einwohnern bewältigt werden kann.

Ein zwiespältiger Schatz

Mit denkbar knapper Mehrheit (15 zu 14 Stimmen) hatte im Herbst 2013 das Parlament in Grönland ein seit Jahrzehnten geltendes Förderverbot für die Ausbeutung radioaktiver Bodenschätze wie Uran gekippt. Das Gesetz erlaubte nun Unternehmen künftig die Gewinnung von Metallen, bei denen Uranerz als Nebenprodukt anfällt. Die in Grönland bisher entdeckten Vorkommen an Seltenen Erden würden rund ein Fünftel des Weltbedarfs abdecken. Der Abbau Seltener Erden wäre aber mit massiven Umweltbeeinträchtigungen verbunden.

Ganz konkret geht es dabei um den 690 Meter hohen Berg Kvanefjeld nahe dem Ort Narsaq an der Südspitze der arktischen Insel. Die mögliche jährlichen Ausbeute wird mit rund 40.000 Tonnen Seltenen Erden veranschlagt. Rund ein Fünftel würde darüber hinaus als Uranerz als Nebenprodukt anfallen. Diese Menge würde Grönland mit einem Schlag unter die Top-Zehn der Uranerzförderer weltweit katapultieren. Damit verbunden ist jedoch neben den zu erwartenden Umweltproblemen auch eine Reihe von rechtlichen und politischen Unwägbarkeiten. Aufgrund der staatsrechtlichen Sonderstellung Grönlands ist weder die Kontrolle noch die Verbreitung der so gewonnen radioaktiven Stoffe geregelt. Ende 2021 hat die nun neu gewählte grönländische Regierung neuerlich in einer knappen Abstimmung eine Art Gesetz zum Uran-Abbau beschlossen: Wo Uran vorkommt, aber unterhalb eines bestimmten Grenzwertes, dürfen andere Rohstoffe abgebaut werden.

Grönland ist seit über 300 Jahren Teil Dänemarks, das Verhältnis zum Mutterland unterlag jedoch insbesondere in den letzten Jahrzehnten massiven Veränderungen. Seit 1953 ist die Insel gleichberechtigter Teil Dänemarks mit zwei Abgeordneten im dänischen Parlament. Seit 1979 besitzt Grönland eine "innere Autonomie", das heißt eine weitgehende Selbstbestimmung innerhalb des dänischen Staates. 2009 wurde zudem die "Selbstverwaltung" eingeführt, Grönland erhielt unter anderem das Recht an den eigenen Rohstoffen. Lediglich Außen- und Sicherheitspolitik werden von Kopenhagen bestimmt.

Als ob das alles nicht schon an Besonderheiten genug wäre, besitzt Grönland auch noch einen Sonderstatus gegenüber der Europäischen Union. Als Dänemark 1973 Mitglied der Europäischen Gemeinschaft wurde, wurde auch Grönland Teil der EG. 1985 entschloss sich Grönland jedoch, die Mitgliedschaft in der EG wieder aufzugeben. Seither regelt ein eigener Grönland-Vertrag das Verhältnis zur EU. Damit einher gehen jährliche Zahlungen aus Brüssel nach Grönland - einerseits, um Fischereirechte abzugelten, in den Vorjahren aber auch zunehmend zur Finanzierung der Entwicklung Grönlands. Im aktuellen siebenjährigen EU-Budget sind auf diese Weise 220 Millionen Euro für Grönland vorgesehen. Diese Einnahmen sowie die großzügigen jährlichen Budgetzuweisungen aus Kopenhagen bilden das Rückgrat der grönländischen Selbstverwaltung.

Angesichts dieser Situation - große unerschlossene Rohstoffvorkommen, geringe Bevölkerungszahl, keine eigene tragfähige Wirtschaft - ist es verständlich, dass Grönland zunehmend in den Fokus geopolitischer Akteure gerät. In der realen Politik wie eben auch in der fiktionalen Fernsehwelt.

Schon vor zwei Jahren ist die schwedisch-isländisch-grönländische Serie "Thin Ice" der Frage nachgegangen, was passiert, wenn man vor der grönländischen Küste ein vielversprechendes Ölfeld findet. Von der erfolgreichen Umsetzung dieses Vorhabens konnte man sich übrigens vor einigen Wochen auch bei uns überzeugen, als die Serie im deutschen Free-TV lief. In der Serie prallen die aktuellen Fragen Klimawandel, Grönlands Weg in die Unabhängigkeit, Arktis-Schutz und -Ausbeutung aufeinander. Die schwedische Außenministerin versucht darin, den Arktischen Rat davon zu überzeugen, dortige Ölförderung zu verbieten. Ihr politischer Berater ist an Bord eines schwedischen Forschungsschiffes vor Grönland, auf das ein Terroranschlag verübt wird.

Fiktion trifft Realität

Besonders interessant ist auch hier die Verbindung von TV-Fiktion und tatsächlicher Politik. Ist doch der "Arktische Rat" das real existierende regionale Forum der arktischen Staaten, das sowohl der Kooperation als auch Koordination einer gemeinschaftlichen Arktispolitik dient.

Mit Grönland greift also die jetzt startende neue "Borgen"-Staffel nicht nur aktuelle politische Fragen auf, es ist auch eine Rückkehr zu den eigenen Anfängen. Die Beziehung zwischen Dänemark und Grönland war ja schon in der ersten Staffel Thema. Damals ging es um Fotos von einem CIA-Flugzeug mit Gefangenen aus Afghanistan, das auf Grönland zwischengelandet war. Die darin befindlichen angeblichen Terroristen stellten sich als unschuldige Bauern heraus, die die CIA verschleppt hatte. Da sag noch einer, realpolitisches Geschehen könne vom Fernsehen nicht spannend aufgegriffen und thematisiert werden.