Es gibt Serien, die wollen auf den letzten Kilometern noch einmal so richtig aufs Gas treten. "Peaky Blinders"-Schöpfer Steven Knight verwehrt sich diesem dramaturgischen Knall. Und er muss es wissen. Der gebürtige Brummie, eine Bezeichnung für die Bewohner Birminghams, adaptierte 2013 Legenden der Straßengangs seiner Heimatstadt zu einer Dramaserie, die erst auf BBC Two startete, aber durch Netflix weltweite Erfolge erzielte. Nun ist mit Staffel 6 - und einem in naher Zukunft erscheinenden Langfilm - Schluss.

Doch wie endet man angemessen? Knight nimmt sich das Schicksal der realen Peaky Blinders zum Vorbild. Sie verschwanden einfach. Waren zeitlich und gesellschaftlich überholt. Die sechste Staffel ist somit gleichzeitig ein letzter Hoch- aber auch Abgesang auf die Gang rund um Tommy Shelby (Cillian Murphy), die die Straßen schon vor langer Zeit in Richtung politische und wirtschaftliche Macht verlassen hatte.

Das hatte in Großbritannien, wo die Episoden bereits liefen, Fans dazu verleitet, die letzte Staffel als langweilig zu bezeichnen. Doch die "Peakys" können nicht ewig die Nachbarschaften Birminghams unsicher machen. Tommys Bruder Arthur (Paul Anderson) kann nicht bis ans Ende seiner Tage Leute zusammenschlagen. Und ein Krieg wurde zum Ende der fünften Staffel ja versprochen. "Einer von euch beiden wird sterben," hatte Polly Gray (Helen McCrory) Tommy und ihrem Sohn Michael (Finn Cole) - Tommys Erzfeind - vorausgesagt.

Ein letzter Feldzug

Tommy ist es zunächst einmal nicht. Hatte er sich im Finale von Staffel 5 nach dem vereitelten Anschlag auf den Faschisten Oswald Mosley (Sam Claflin) noch eine Pistole an die Schläfe gehalten, so muss er nun feststellen, dass sein Bruder vorher die Kugeln entfernt hatte. Somit heißt es zurück in seinen Job als britischer Abgeordneter sowie zu seinen Peaky-Blinder-Geschäften. Dieses unerwartete Überleben ist aber nicht der Auftakt für eine Wiedergutmachung, sondern für noch mehr Qualen.

Ein letzter Deal, verspricht er seiner Frau Lizzie (Natasha O’Keeffe) zum wiederholten Male, dann ist er wirklich raus. Tommy ist nach all den Jahren noch immer süchtig nach Macht. Nur das viele Trinken hat er aufgegeben. Mosleys Überleben war Pech, aber diesmal will er ihn wirklich unschädlich machen. Die Motivation mag nobel sein: Die Verhinderung eines weiteren Krieges aufgrund der Faschisten. Darunter Mosleys Verlobte, die eiskalte Lady Diana Mitford (Amber Anderson). Die seelischen Narben von Tommys Zeit im Ersten Weltkrieg sind noch immer nicht verblasst.

Doch bevor er seinen letzten Feldzug starten kann, gilt es Tante Polly zu beerdigen. McCrory war vor den Dreharbeiten an Krebs verstorben und musste aus der Serie herausgeschrieben werden. Die berührende Beerdigung ist ein weiterer Beweis für Knights dramaturgisches Talent. Nicht nur ist sie ein Tribut an McCrory, Pollys Tod fungiert auch als geistig-moralischer Kompass für Tommy. Dennoch - "keine Polly, kein Tommy", observiert Lizzie die verloren gegangene Dynamik.

Pollys Tod dient auch Michael, der mit seiner Frau Gina (Anya Taylor-Joy) in den USA wohnt, als Motivation, sich erneut gegen Tommy zu stellen. Doch eigentlich liegt der Antrieb bei Michael ebenso in seiner Lust an Macht. Ungleich dem Cousin fehlt dem jungen Mann aber in puncto Abgebrühtheit noch die Erfahrung. Tommy lässt sich dennoch auf einen Opium-Export/Import-Deal mit Michael, Gina und deren Onkel Jack (James Frecheville) ein, was unweigerlich eine neue Welle an Kriminellen nach Birmingham spült.

Politischer Showdown

Auf seinen Bruder Arthur kann er diesmal nicht zählen. Dieser ist in seiner Opium- und Alkoholsucht nur mehr ein Schatten seiner selbst. Bruder Finn (Harry Kirton) ist zu sensibel für den Job und Bruder John (Joe Cole) schon lange tot. Es sind somit Schwester Ada (Sophie Rundle) sowie Lizzie, die in pointierter Vertretung von Polly die Geschäfte am Laufen halten müssen. Vor allem Adas Konfrontation mit Lady Mitford trägt den schnippischen Geist ihrer Tante.

Neben dem politischen Showdown ist Staffel 6 aber vor allem eine ruhige, düster gehaltene Charakterstudie von Tommys Seele. Den Opfern, die er für seine Ambitionen bringen musste. Jahrelange Gewalt und Bandenkriege, die ihm persönliche Verluste einbrachten und auch in dieser Staffel wieder einbringen - was bleibt da noch von einem Menschen? Ist das alles poetische Gerechtigkeit? Oder, wenn er einfach loslässt, der Weg zu innerem Frieden?

Das unterscheidet diese letzten sechs Episoden von den energischeren Staffeln 3 und 4. Aber das ist auch gut so. Denn Knight gelingt, was vielen anderen Serie nicht gelang. Ein bewegender, intimer, filmisch umwerfend inszenierter Abschied von seinen Figuren. Eine Saga, deren Kreis sich schließt.