Auf Zehenspitzen tippelt ein grauhaariger Mann nach vorne, hopst mit einem Fuß in die Luft, streckt die Hände wie eine Ballerina zur Seite. Seine drei ähnlich alten Kollegen wippen unterstützend im Rhythmus. Als er sich wieder in die Formation eingeordnet hat, tanzt ein anderer hervor und versucht eine Hiphopfigur. Über dem Kopf blinkt ein gelbes Herzchen auf. Niedlich sind diese Typen, cool, locker, beweglich. Irgendwie jedenfalls. Wobei das alles nicht zusammenpasst.

Videos wie dieses, die seit einigen Wochen auf TikTok zu sehen sind und von denen laufend neue hochgeladen werden, wären unter anderen Umständen kaum etwas Besonderes. Die sozialen Medien sind voll von solchem Material. Zudem kommen diese Protagonisten aus Japan, wo ein latent infantiler, piepsiger und vom Spielkonsolen-affinen Sound der 1990er Jahren inspirierter Auftritt schon seit langem die Popkultur prägt. Allerdings sind diese Tänzer, die neben Anzug und Krawatte je ein buntes Tuch um die Hüften tragen, eben nicht die Typen, von denen man solche Tänze kennt.

Sie sind keine jungen Frauen, sondern ältere Männer, mit denen im ostasiatischen Land kaum Spiel und Spaß verbinden wird, sondern Seriosität. Diese vierköpfige Truppe aber hat es unter dem Namen "Ojiqun" binnen Wochen zu landesweitem Ruhm geschafft. Die rund 60 Videos, die die vor kurzem noch unbekannten Herren bis jetzt hochgeladen haben und in denen sie jeweils mit Choreografien auftrumpfen, die an Teeniepop erinnern, wurden bereits mehr als 16 Millionen Mal angesehen, haben eine Million Likes geerntet. In sozialen Medien herrscht Jubel.

Auf den ersten Blick könnte man die Aktionen als Parodie der japanischen Unterhaltungsindustrie verstehen. Die ist nämlich stark jugendlich geprägt, lässt häufig Frauen in kurzen Rücken, bunten Farben und kindlich-naiver Lebensfreude tanzen. Ältere Herren dagegen tragen zuverlässig Anzug. Dazu passt die Bedeutung des Namens "Ojiqun", der sich aus den Begriffen "Ojisan" und "kyun" zusammen - und so viel bedeutet wie "herzerwärmende Onkelchen".

- © TikTok / screenshot
© TikTok / screenshot

Bloß komische Unterhaltung ist aber nicht das einzige Ziel dieser Männer. Regelmäßig ist in ihren Videos zu erkennen, dass sie aus dem Ort Wake in der südwestjapanischen Präfektur Okayama stammen. Mal tanzen sie vor dem Rathaus, mal vor dem lokalen Supermarkt oder auf einer kaum befahrenen Brücke. Dabei dürften den Mitgliedern von "Ojiqun" allmählich die Kulissen ausgehen. Wake ist nämlich ein kleiner Ort. Nur 14.000 Menschen leben hier. Und nächstes Jahr könnten es schon wieder weniger sein.

Der Ort ist einer von unzähligen in Japan, deren Bevölkerung schier unaufhaltsam abnimmt und altert, weil die Geburtenraten niedrig sind, die Lebenserwartung weiter steigt und es die jüngeren Menschen in Metropolen zieht, sobald sie die Schule verlassen haben. Seit Jahrzehnten werden in Japans insgesamt schrumpfender Bevölkerung die ländlichen Gebiete tendenziell kleiner, während die Ballungsräume wachsen. Wake zählte in den 1960er Jahren noch rund 21.000 Einwohner. Heute ist es um ein Drittel kleiner.

Probleme durch Landflucht

Die Landflucht vor allem junger Menschen, die sich in Städten bessere Jobchancen und ein aufregenderes Leben versprechen, hat auch ökonomische Folgen. Geschäfte schließen, weil die Kunden fehlen. Daraufhin nehmen die Steuereinnahmen ab, womit das Geld für lokale Infrastrukturinvestitionen fehlt. Der 52-jährige IT-Unternehmer Takumi Shirase hat zum Beispiel schon seine Grundschule aus Kinderzeiten verloren. Die Ortsverwaltung schloss sie mangels neuer Schulkinder.

Damit Wake nicht einfach weiterhin an Leben verliert, entschloss sich Takumi Shirase Anfang des Jahres, etwas dagegen zu tun. Mit Freunden aus dem Ort - darunter einem Händler für Tatami-Matten und zwei Mitglieder des Stadtparlaments - wollte er dafür sorgen, dass ganz Japan bemerkt, dass Wake sehr wohl Esprit habe, Witz und Lebensqualität. Und dass es sich um einen Ort handle, der auch mit Jugendlichkeit trumpfen kann. Auch "Onkelchen" können tanzen. Dies wiederum hat man nicht nur in Japan wahrgenommen.

Die Truppe ist mittlerweile ein Medienhit geworden. Die "Times of India" hat in einem Artikel die "merkwürdigen Bewegungen" der Amateurtänzer als Alleinstellungsmerkmal betont. "L’Express" hat sie schon zu Stars erklärt, der kolumbianische "El Espectator" nennt sie "Herzensbrecher". Auch "The Star" aus Malaysia, "20 Minutes" aus Frankreich, die singapurische "Business Times" und die "Khaleej Times" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mögen die neue "Boygroup". In Japan kursiert seit Wochen der Begriff "Oobazu" - was so viel wie "Hype" bedeutet.


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"Von Anfang an ist es mir peinlich gewesen", sagte der 67-jährige Stadtabgeordnete Minoru Yamamoto, einer der "Ojiqun"-Mitglieder, Anfang Juni gegenüber dem TV-Regionalsender RSK, noch bevor seine Choreografien auch jenseits Japans entdeckt wurden. Und der nur ein Jahr jüngere Ryouichi Kanzaki, ebenfalls Lokalabgeordneter, reagierte auf die Frage, ob seine Aktivitäten jetzt einen "Oobazu" erzeugt haben: "Naja, bis vor kurzem kannte ich das Wort überhaupt nicht."

Kindheit für alle!

Jetzt aber wisse er, was gemeint ist, und runterspielen will er den Hype nicht, das wäre kontraproduktiv. Wobei ungewiss ist, inwieweit die Slapsticktänze der älteren Männer auch tatsächlich der Ortschaft Wake helfen und nicht nur dem ulkigen Bekanntheitsgrad von "Ojiqun." Die Kommentare in den sozialen Medien beziehen sich bis jetzt vor allem auf ihr unerwartetes Rollenspiel.

Gerade in Japan, wo je nach Alter und Berufsstand konforme Verhaltensweisen erwartet und wenig Raum für Abweichungen toleriert werden, fallen "Ojiqun" deutlich aus der Norm. Sie widerlegen damit einerseits das Klischee, älteren Männern gehe die Kindlichkeit aus. Damit wiederum fordern sie auch die Popindustrie heraus. Nur ist dies nicht das, was die Männer wollen. Auf ihrer TikTok-Seite fordern sie mit ihren Videos ausdrücklich die "regionale Revitalisierung von Wake". Dafür wolle man "die Welt knuddeln" und Wake sowie das Publikum sollen "aufwachen!" Ob das gelingt? Der erste Schritt ist zumindest gelungen.