Nikon stellt die Produktion aller Spiegelreflexkameras ein und ersetzt diese durch andere, neue Systeme ohne Spiegel. Eine lapidare Meldung aus dem Technikbereich der Kameraindustrie, die aber die Welt bedeutet. Für mich jedenfalls. Aber was ist in Zeiten der Cholera noch weltbedeutend? Und warum soll es ausgerechnet der fehlende Spiegel in der Nikon sein?

Andere Kamerahersteller gehen ähnliche bis gleiche Wege. Und es gibt viele exzellente, weltbekannte Fotografen, die sich nie auch eine DSLR (so die Abkürzung für die digitale Variante der Spiegelreflexkamera) zugelegt haben. Sie hatten dazu keinen Anlass, denn Leica baut ja immer noch seine M-Sucherkamera-Serie - um hier das bedeutendste Kamerasystem ohne Spiegel aufzuzählen. Diese Kameras verkommen zwar immer mehr zum Statussymbol reicher Spinner, aber wenn das hilft, die Produktion der wenigen tausend Kameras jährlich zu retten, dann sollen die reichen Spinner ruhig bluten. Ah, da fällt mir ein: Ein weiteres, immer noch aus gebrauchter Hand erwerbbares, megageiles System war die Makina von Plaubel. Vor allem die geil designten Geräte ab den 1970er Jahren. Doch halt, wir driften in die Insider-Community ab. Und ich habe dem Ressort und dessen Leitung bei einer Pönalstrafe von drei Flaschen Wachauer Top-Veltliner versprochen, dieses Thema hier nicht zu verinsidern.

Verräterisches Geräusch

Der Spiegel ist also weg. Auch bei der Nikon. Der Spiegel, der immer das eigentliche Klickgeräusch machte. Sein Rauf- und Runtersausen und das bisschen Lärm dieses Vorgangs hat in all den Jahren der Kriege und Tödlichkeiten so machen Fotografen und auch Fotografinnen das Leben gekostet. Mich hat der laute Spiegel meiner Nikon F2, 1984, bei den Hainburgprotesten, hinter Gitter gebracht, weil ich im Sperrgebiet, das auch für Journalisten galt ("des Pressegesetz, des is da jetzt oogschofft, des könnt’s eich in de Hoa schmiern" - ein gewisser Neudorfer von der Wiener Polizei damals), beim Anschleichen ans Camp der Aufständischen einmal unbedingt abdrücken musste - das Bild, das später auch erschien, es wäre sonst verloren gewesen. Aber ich schweife wieder ab. Warum also werde ich den verräterischen Spiegel derart vermissen, dass ich mir keine neue Nikon mehr kaufen werde? Nach 40 Jahren und fast 20 Nikons? Ganz einfach: Weil’s nicht mehr authentisch ist. Die Reportagefotografie ohne die Spiegelreflex.

Gut, wegen mir und meiner nicht gekauften neuen Nikons wird Nikon nicht pleitegehen. Die Firma steckt ohnehin seit Jahren selbstverschuldet in der Krise, seit Canon, das war so um 2007 herum, eine DSLR herausbrachte, mit der man auch TV-Beiträge drehen konnte. Etwas, das jede und jeder inzwischen sogar mit allen Smartphones tun kann. Aber ab da hatte Nikon das völlige Nachsehen, eben auch im von Nikon stets favorisierten Profibereich.

Dichter, härter und erklärend

Vor den Spiegelreflexkameras, die Nikon mit dem F-System im 35mm-Fotofilmbereich so um 1964 als quasi endgültiges Kamerasystem für Fotoreporter etablierte, gab es freilich auch gute Fotoreporter und Fotoreportagen. Auch solche, die mit eher untauglichen Vorläufern der Nikon F erstellt wurden, etwa mit der Kodak Retina oder einer Voigtländer. Aber mit der Nikon F wurde die Reportagefotografie ganz schnell unmittelbarer. Das sieht man an den TV-Reportagen aus den frühen Tagen des Vietnamkrieges. Die Fotografen dort sind näher dran am Geschehen, ihre Bilder wurden dichter, härter und erklärten mehr; sind in der Realität viel besser eingebettet und erzählen das Geschehen authentischer als die Fotos von Leica-M-Kamera-Fotografen.

Weil dieser nun abgeschaffte Spiegel, das andauernde Durchschauen durch den Spiegel - eben auch beim Laufen und Rennen, beim Flüchten und Vorwärtspreschen -, weil dieser Kameraspiegel eine andere Realität in der gleichen Realität herstellte und so manche Fotografin und so manchen Fotografen fast wie auf Drogen heftig in Gefahr brachte, war die Spiegelreflexkamera der Reporter nicht nur Werkzeug, sondern auch Flucht vom Geschehen in eine von einem Kameraspiegel an Auge und Hirn übermittelte Wirklichkeit. Und dieser Spiegel und sein Break, das er nach dem Auslösen machte, als er hoch- und niederfuhr, dieser Kameraspiegel wurde zum Kanzler in der Regierung der Fotografen. Er ließ sie (und mich) fern und nah zur gleichen Zeit sein. Du schautest durch und warst drin und raus im gleichen Moment. Wie geil das war! Doch geile Zeiten sind eh passé.

So, trauern, aufarbeiten und durchatmen. Und vor allem gleich eine Antwort an jene schreiben, die sich nun bemüßigt fühlen werden, ihre Sicht auf Kameraentwicklung, Kamerabau und Fotografie einbringen zu wollen. Das sind meistens Männer, die vor dem Systemkamerakauf dutzende Male Youtube-Erfahrungsberichte ansehen, die sie bei von der Industrie lässig supporteten Influencern sehen, und die sie dann prüfen und prüfen und prüfen und dann zuletzt nachplappern. Ich habe absichtlich supportet geschrieben, weil diese Klientel gerne Worte wie supportet fallen lässt, weil sie glaubt, das mache sie zu irgendwelchen Profis von irgendwas.

Ins Gesicht gespuckt

Das Fehlen der Spiegel macht die nun folgenden Nikon-Reporterkameras schlichtweg unnötig. Das Fehlen der Spiegel betrifft nur jenen Bereich der Fotografen, der auch einmal mein Bereich war. Braucht keine Sau. Fotoreporter und Spiegelreflexkamera. Jedes TV-Team kann heute aus gedrehtem Material Fotos erstellen. Und es gilt: Was irgendwo drauf ist, ist da, ist Teil der Erzählungen, die Worte längst als Beiwerk und Ballast hinter sich gelassen haben.

Mit dem Zertrümmern der Kameraspiegel hat Nikon der von ihr mit maximal tauglicher Technik geschaffenen Gilde der Fotoreporter ins Gesicht gespuckt - und der Bedeutung dieser Fotografie. Aber genau diese Fotografen, Fotografen wie mich, die Nikon Jahrzehnte brauchte, braucht Nikon heute nicht mehr. Nikon braucht keine Profis und deren Image, um zu überleben, sondern eine neues, von Influencer-Nachplapper-Bubis, die in ihrem Leben nie auch nur ein bedeutendes Foto machten oder machen werden, mit Lobeshymnen ausgeschwitztes Kamerasystem, für das die und der Fotograf gegebenenfalls wenig können muss: Denn diese neuen Kameras haben tatsächlich so was wie eine Motivklingel.

Fördert Verrohung

Bei World-Press-Photo und anderen obszönen Preisen, die in der Welt kommerziell erfolgreich als Motor von Karrieren benutzt werden, sieht man jedes Jahr mehr und mehr das Leid der Welt ausweidende Bilder, die inszeniert wirken. Daran, weil nun kein Kameraspiegel mehr das Geschehen verinnerlich (aber einen eben auch außen vor lässt), trägt auch der fehlende Nikon-Spiegel Verantwortung, dessen Fehlen die Verrohung befördert, verrohtes Tun nicht mehr so im Visier zu haben, wie es Fotografinnen und Fotografen früher hatten. Auf in neue Zeiten, die der Wirklichkeit einen Polster geben, damit sie nicht zu krass in unser Leben einschlägt. Aber ich schweife ab.