Die Gratis-Kultur im Internet ist längst passé, auch wenn die Auswirkungen teilweise immer noch zu spüren sind. Konsumenten sind - in gewissen Ausmaß, das ist der entscheidende Punkt - bereit zu bezahlen und tun dies auch seit geraumer Zeit. Doch nun scheint eine neue Ära anzubrechen: jene des "Was will und was kann man sich denn überhaupt noch leisten?", denn fast alle Streaming-Anbieter erhöhen ihre Preise, teilweise deutlich, und wer noch nicht teurer wurde, wird es wohl bald werden oder setzt in Zukunft auf Werbung.

Immer mehr, immer teurer

Die nächsten vier Wochen sind für Fantasy-Fans in der Welt des Streaming schon einmal eine Herausforderung. "The Sandman" startete gerade auf Netflix, Amazon Prime geht mit "Der Herr der Ringe - Die Ringe der Macht" wieder nach Mittelerde, Sky bringt mit "House of the Dragon" einen "Game of Thrones"-Ableger, und Disney+ lockt bereits mit "Andor", einem weiteren "Star Wars"-Abenteuer. Wer mitreden will, muss diesmal also tatsächlich vier Streaming-Dienste abonnieren, und die Welle der neuen Anbieter aus den USA wird auch bald nach Europa kommen.

Zeitgleich erhöhen fast alle Anbieter ihre Preise, auch beim Musik-Streaming, und so bleibt die Frage: "Wer bitte soll das noch bezahlen?" Spotify kündigte eine Erhöhung seiner Gebühren an, Dazn ist schon vor einiger Zeit empfindlich teurer geworden. Auch Amazon verlangt für sein Angebot Amazon Prime mehr Geld, startete nun aber auch in Deutschland mit Amazon Freevee ein Service, das sich durch Werbung finanziert. Filme und Serien werden ohne zusätzliche Kosten, dafür aber mit Werbeunterbrechungen gezeigt. Zu einem späteren Zeitpunkt soll es Amazon Freevee auch in Österreich geben.

Netflix versucht seit geraumer Zeit, das Thema der geteilten Konten in den Griff zu bekommen, und testet nun, seinen Dienst an nur ein Fernsehgerät zu koppeln, mit einer Ausnahme für zwei Wochen im Jahr, etwa im Urlaub. Zugleich überlegt man aber ebenfalls, werbefinanzierte Angebote auf den Markt zu bringen.

Nicht nur Serien, auch Musik

Experten erwarten zudem, dass bald auch TikTok mit einem eigenen Musikdienst gegen Apple und Spotify antreten wird. Wo liegt die Schmerzgrenze der Kunden? Antworten auf diese Frage gibt eine neue Studie der Strategieberatung Simon Kucher & Partners. Diese zeigt unter anderem, welche Streaming-Dienste bei der Preisgestaltung noch Luft nach oben haben - und dass sich die Anbieter mittlerweile in einem Verdrängungswettbewerb befinden. Laut den veröffentlichten Ergebnissen würde jeder Zweite bei Preisanstiegen von 30 Prozent den Streaming-Dienst kündigen. Der ideale Abopreis liegt zwischen 10 und 15 Euro, so die Studie. Zudem betrachten die Nutzer die Gesamtkosten ihrer Streaming-Abos, und hier beträgt die ideale Preisspanne 17 bis 30 Euro. Es ist ein schmaler Grat für die Streaming-Anbieter, die nun ein ganz neues Level des Verdrängungskampfes erleben.

Die Analysten kommen zu dem Ergebnis, dass Dazn und Sky Ticket das Potenzial bereits ausgereizt, Netflix und Disney+ nur noch einen geringen Spielraum haben dürften und somit noch Amazon eine Erhöhung durchbringen kann und lediglich kleinere Dienste wie RTL+, Joyn oder in Österreich Flimmit an Preiserhöhungen denken können. Neben hybriden Lösungen mit einer Mischung aus Gebühr und Werbung gibt es aber noch eine andere Option, um Kunden zu halten, die die Anbieter aber eigentlich verhindern wollen - die One-Time-Payments: Man zahlt nur für Inhalte, die man auch tatsächlich anschaut. Die Herausforderung ist daher, Streaming-Angebote auf verschiedene Nutzergruppen abzustimmen, ohne das eigene Geschäft zu kannibalisieren. Das kann dann bedeuten, dass es verschiedene Bezahlmodelle parallel gibt. Die Zeit von "One fits all"-Zahlmodellen (ein Preis für alle Nutzergruppen) ist laut der Studie jedenfalls vorbei.

Geldprobleme dürfte es in der Branche aber keine geben. "Die Ringe der Macht" sollen die Milliarden-Grenze bei den Produktionskosten hinter sich gelassen haben, und Warner Bros. erklärte vor einigen Tagen, dass man eine 70 Millionen Dollar teure Verfilmung von "Batgirl" nicht veröffentlichen wird. Da war selbst die restliche Filmbranche überrascht, denn es kommt fast nie vor, dass ein Studio einen schon abgedrehten Film einfach ad acta legt.

Doch nicht nur die Teuerung ist ein Dorn in der Fußsohle. Es wird weiter munter diversifiziert - jedes Filmstudio macht seinen eigenen Streaming-Dienst, und ob die Musikbranche folgen wird (nachdem der Rechteverkauf an Musiktiteln boomt) ist nicht abzusehen; es wäre jedenfalls keine große Überraschung, gäbe es die einen Künstler nur noch auf der einen Plattform, die anderen dann wieder woanders, natürlich mit zusätzlichen Kosten. Ältere Internet-Nutzer werden sich an dunkle, vergangene Zeit erinnern. Damals, als Napster und Co. dafür sorgten, dass man illegal und kostenlos an alle möglichen Inhalte kam. Wie groß war der Aufschrei der Konzerne damals, wie sehr beschwerten sie sich über die Gratis-Kultur - und nun scheint man die Nutzer gerade wieder auf illegale Plattformen zu drängen. Es könnte auch anders laufen, aber vielleicht braucht es bald wieder ein neues Napster.