König zu sein in Westeros ist nicht leicht. Der Krieg der fünf Könige hatte 2019 in "Game of Thrones" gerade erst sein Ende genommen, da schlagen Autor G.R.R. Martin und der Sender HBO ein weiteres Kapitel im Kampf um den "Iron Throne" auf. Die Handlung basiert auf dem 2018 erschienen Roman "Fire & Blood": 179 Jahre vor Daenerys Targaryen ist es die Geschichte des sogenannten "Tanz der Drachen". Ein familiärer Zwist der Targaryens, angestoßen durch die alte patriarchale Ordnung, dass eine Frau nicht den Thron erben darf.

Dabei ist Rhaenyra (zuerst Milly Alcock) nicht die erste Frau in der Familie mit Anspruch. Im ersten Jahrhundert der Herrschaft der Targaryens, in dem die Drachen noch zahlreich und die Macht fast unbegrenzt war, war es Rhaenys (Eve Best), der einst der Thron zugunsten ihres Cousins und Rhaenyras Vater Viserys (Paddy Considine) entsagt wurde, obwohl sie die Tochter des älteren Sohnes des Königs war.

Frauen an die Macht?

Diese Tatsache mag bereits die Wiege des Konflikts sein. Rhaenys und ihr Mann Corlys Velaryon (Steve Toussaint) haben einen männlichen Erben, Viserys nur Rhaenyra. Ehefrau Aemma (Sian Brooke) hatte zu viele Fehlgeburten, die letzte kostete sie ihr Leben. Dies hinterlässt Spuren in Rhaenyra. "Meine Mutter wurde gezwungen, Erben zu zeugen, bis es sie umbrachte. Ich werde mich nicht demselben Schicksal aussetzen." Als Erwachsene (nun Emma D’Arcy) wird sie sich dennoch in einer politischen Ehe arrangieren müssen, um ihr Recht am Thron zu stärken.

Ehe heiße auch nicht, dass man "aufhören muss mit dem, was man will", lehrt sie ihr Onkel Daemon (Matt Smith), selber lange in der ersten Reihe für die Thronfolge. Doch für die "Hand des Königs", Otto Hightower (Rhys Ifans), ist er zu brutal und ein möglicher Tyrann. Und von denen hatten die Targaryens schon zu viele gezeugt. Um Daemon zu verhindern, gilt Rhaenyra als das geringere Übel.

Doch Rhaenys weist sie darauf hin, dass sie immer noch von einem männlichen Erben verdrängt werden könnte. "Männer würden eher das Reich abfackeln, als eine Frau auf den Eisernen Thron steigen zu sehen." Und sie hat recht. Otto Hightower hat seine blutjunge Tochter Alicent (zuerst Emily Carey) auf Viserys angesetzt. Die Hochzeit treibt nicht nur einen Keil zwischen die einstigen Freundinnen, sondern stößt auch im Haus Velaryon auf Unverständnis, da man ebenfalls eine heiratsfähige Tochter parat hätte.

So nehmen die Spieler ihre Ausgangspositionen ein. Daemon, der Rebell, schmiedet mit den Velaryons Allianzen, da er sich übergangen fühlt. Rhaenyra lebt in Angst, von ihrem Erbe verdrängt zu werden. Alicent (nun Olivia Cooke) will ihre eigenen Söhne auf dem Thron sehen, da sie dies als die einzige Option für deren Sicherheit sieht.

Kein Warten auf Bücher

Bei der Vermittlung ihrer feministischen Botschaft strauchelt die Serie gerade in der Darstellung weiblicher Figuren. Alicent, die in Martins Vorlage viel gerissener ist, wird hier eher als Opfer ihrer Umstände inszeniert. Fast wirkt es, als wollten die Serienmacher dienen Ryan J. Condal und Miquel Sapochnik eine weitere Cersei Lannister vermeiden oder sich nicht trauen, eine Frauenfigur negativ anzulegen.

Matt Smith hingegen wandelt Daemon vom Aggressor zunehmend zu einer Persönlichkeit, die nah am Volke ist. Er kennt dessen Lebensweise, und versucht, sie auch Rhaenyra zu vermitteln. Doch die Vertrautheit, die die beiden miteinander teilen, wird im Laufe des Konflikts nur noch weiter die Fraktionen befeuern.

Für die Buchleser sollten die weiteren Entwicklungen keine großen Überraschungen mehr darstellen. Immerhin hat "House of the Dragon" eine in sich abgeschlossene Handlung. Die Showrunner müssen nicht wie bei "Game of Thrones" auf Infos von noch nicht geschriebenen Büchern warten. Gleichzeitig ist die Rahmenstruktur der Geschichte vage genug, dass man frei darum herum basteln kann.

Dennoch will die Serie ihre Existenzberechtigung zu oft aus einer Nostalgie für "Game of Thrones" schöpfen. Doch mit dessen hastigem Ende, unterlaufenen Erwartungen und Kommentaren der Showrunner David Benioff und D. B. Weiss, wie etwa Daenerys habe einfach "die eiserne Flotte vergessen", katapultierte sich "Games of Thrones" selber aus einem kulturellen Moment, den es 2011 geschaffen hatte, ins Aus.

Viserys schärft Rhaenyra wiederholt ein, dass "der Prinz, der versprochen wurde" noch viel wichtiger sei als der Thron selber. Dass dieser Prinz vermutlich Jon Snow war, eine der größten vergebenen Charakterentwicklungen, ist kein Fanservice, sondern eine schmerzhafte Wunde. Genauso wirken die "Schau mal"-Momente von altbekannten Orten eher bemüht als nostalgisch.

Für die nächsten drei oder vier Staffeln wäre es besser, die Show würde sich eine eigene Identität suchen. Eine Geschichte von Krieg, Gier und Macht erzählen. Und dabei auch nicht vor der Idee zurückschrecken, dass Frauen diese Werte immer wieder selber verfolgen.