Am Anfang war das Internet. Davon könnte man ausgehen, wenn man von Online-Dating und Dating-Apps spricht, die zwei - oder mehr - Suchende miteinander verbinden sollen. Doch liegen die Anfänge der computer- beziehungsweise algorithmusgestützten Partnersuche bereits im Jahr 1965. Wer hätte damals glauben können, dass eines Tages praktisch jede Person ein kleines Gerät in der Tasche hat, mit dem spontan Sexpartner in der Nähe aufgespürt werden können.

Vor fast 60 Jahren starteten zwei Harvard-Studenten (US-Unis dürften ein Nährboden für entsprechende Tools sein, dazu später mehr) in den USA die erste computerbasierte Partnerschaftsvermittlung unter dem Namen "Operation Match". Für 3 Dollar und die Beantwortung von 75 Fragen war man Teil des Netzwerks.

Eine neue Zeitrechnung

Das Internet läutete dann eine völlig neue Ära des Kennenlernens ein. Im Jahr 1995 (das Internet war 1993 für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden) startete die weltweit erste Online-Dating-Seite namens Match.com, die heute der größte Anbieter entsprechender Apps ist. In Österreich gehörte etwa Love.at zu Ende der 1990er zu den meistbesuchten Websites. Was viele nicht mehr wissen: Auch Facebook startete 2004 in Harvard als "Hot or Not"-Bewertungsspiel für Studierende. Wieder eine neue Zeitrechnung wurde mit der Einführung des iPhones samt entsprechenden Apps eingeläutet. 2009 startete die erste Dating-App Grindr - ein Kofferwort aus Guy (Kerl) und Finder - für homosexuelle Beziehungen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. 2011 gründete Grindr in Zusammenarbeit mit Badoo das heterosexuelle Pendant Blendr, das jedoch nicht den gleichen Erfolg hatte.

Doch als im September 2012 Tinder (englisch für Zunder) in die App-Stores dieser Welt kam, wurde das virtuelle Kennenlernen erneut komplett verändert. Die App benutzt ein Swipe-System (englisch für streifen, durchziehen), bei dem Nutzer die Profilfotos und -infos anderer Nutzer in ihrer Nähe ansehen können. Gefällt dem Nutzer eine Person, so wischt er das Bild nach rechts. Gefällt sie ihm nicht, wischt er nach links. Wenn beide Nutzer ihre Bilder gegenseitig nach rechts gewischt haben, entsteht ein Match, und man kann fortan mit dieser Person über einen Chat kommunizieren. Tinder gehört zum Unternehmensnetzwerk von Match.com, das mehr als 45 Soziale Netzwerke und Single-Börsen, darunter Meetic, OkCupid, Hinge, PlentyOfFish, Ship und OurTime, betreibt.

Zum zehnjährigen Tinder-Jubiläum ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick. Tinder als die digitale Renaissance der freien Liebe der Hippies? Für viele heterosexuelle Menschen hat die App in puncto Offenheit einiges ermöglicht. Tinder hat die sexuelle Revolution der ewigen Verfügbarkeit ausgelöst. Man muss nur auf dem Handy nach rechts wischen und sich zum Sex verabreden. Nahezu jede und jeder dort habe "mehrere Eisen im Feuer", wolle nur die vermeintlich Besten treffen, heißt es. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: oberflächliche Fleischbeschau, das Bewerten einer Person innerhalb von Sekunden nach einem Foto und die scheinbare endlose Masse an Menschen, die sich suchen und finden wollen. Und stets der Glaube: Vielleicht bringt der nächste Wischer den perfekten Lebensmenschen.

Doch dieser Sichtweise widersprechen auch immer wieder Experten: Das Klischee, es sei eine oberflächlichere Form des Kennenlernens und eine Ökonomisierung des Intimlebens, werde dem Phänomen nicht gerecht. Da viele Anwender mit Bildern und Texten ganze Geschichten erzählen und genau verkünden, was sie wollen und eben nicht wollen, sei es durchaus eine reflektierte Form der Partnersuche.

Die Zukunft der Fleischbeschau

Es gibt zwar eine Reihe von Studien, in denen Leute schildern, dass sie Tinder wie einen Katalog zum Durchblättern oder gar wie eine Fleischbeschau empfinden, an der man nascht und wählt, aber mit der Realität hat das meist wenig zu tun. Man kann nicht einfach eine Person haben wollen, und das funktioniert dann auch. Es handelt sich vielmehr um ein Spiel, in dem alle versuchen, ihre eigene intime Wertigkeit zur Geltung zu bringen.

Die Zukunft des Online-Datings wird von den aktuellen Hypes geprägt sein - Künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und Metaverse. Nutzer werden bereits von der App besser eingeordnet und somit mit treffenderen Matches verbunden. Die Menschen sollen sich im virtuellen Raum mit ihren realistisch aussehenden Avataren treffen können. Das Zusammentreffen in der Realität erfolgt dann wirklich nur noch dann, wenn man sich attraktiv findet. Hintergrundchecks, Altersnachweise und auch eine Form von Bewertungssystemen sollen die Schattenseiten minimieren und die Trefferquoten erhöhen. Nur eines wird auch in absehbarer Zeit nicht möglich sein: den Wunschpartner zu riechen - dafür muss man sich dann in der Realität treffen.