Im Jahr 2016 ist das eingetreten, was viele nicht für möglich gehalten hätten: Donald Trump wurde 45. Präsident der USA. Dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zuging, ist bekannt. Die Stadt Veles in Mazedonien spielte in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle. In großem Stil wurden hier Fake News von Schülern und Studenten produziert, welche die Wahl in den USA beeinflussten.

Für sein Fotoprojekt "The Book of Veles" reiste der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen zweimal in die mazedonische Stadt. Doch die Fotos von bunten Schwimmtieren, Vogelschwärmen oder Menschen in alltäglichen Situationen sind allesamt gefälscht. Mit spezieller Software kreierte der Fotograf Avatare; das benötigte Wissen hatte er aus YouTube-Videos.

Jonas Bendiksen. - © WestLicht / Christian Skalnik
Jonas Bendiksen. - © WestLicht / Christian Skalnik

Sechs Monate nach Veröffentlichung des Fotobuches enttarnte er sich mit einem fingierten Social-Media-Profil selbst als Falschspieler. Mit seinen Fotos hat er den World Press Photo Award in der Kategorie "Open Format" gewonnen. Die "Wiener Zeitung" hat mit Bendiksen über die Niedrigschwelligkeit, Technologien zur Bildmanipulation zu verwenden, die Verwunderung, dass niemand die Fälschung erkannte und die Notwendigkeit von Änderungen im Bildungssystem gesprochen.

"Wiener Zeitung": Als Fotograf einen Preis mit gefälschten Fotos zu erhalten, ist schon etwas paradox. Hätten Sie gedacht, dass Ihr Projekt solche Wogen schlagen würde?

Jonas Bendiksen: Einen Fotopreis zu gewinnen, war das Letzte, was ich zu Beginn des Projekts erwartet hätte. Alles begann mit einem Experiment: Ich wollte sehen, wie einfach es ist, diese neuen Technologien zu benutzen. Als ich die Software heruntergeladen habe, wusste ich sofort, dass das gefährlich und beängstigend ist. Ich sah, wie leicht es wurde, Technologie zu nutzen, um Fake News und Lügen zu produzieren und wie verletzlich wir in dieser Hinsicht sind. Dies ist etwas völlig Neues, wir haben es mit einer neuen Medienlandschaft und neuen Problemen zu tun. Ich wusste also von Anfang an, dass viele Menschen das problematisch finden würden. Ich beschloss aber, dass es sich lohnen würde.

Warum haben Sie sich in Ihrem Projekt mit Fake News befasst?

Während der Trump-Regierung war ich wie viele Menschen verwirrt und wütend. Ich sorgte mich darum, was mit dem Journalismus passieren würde. Ich beschäftigte mich viel mit den Mechanismen, Algorithmen oder mit Cambridge Analytica. Im Zuge meiner Recherchen stieß ich auf die Geschehnisse in der mazedonischen Stadt Veles. Das war der Ausgangspunkt meines Interesses. Danach fand ich weitere seltsame Parallelgeschichten. Es gibt zum Beispiel die Geschichte über den vorchristlich-slawischen Gott von Veles, einen Gott des Unheils und Chaos, oder über das ursprüngliche Buch von Veles. Das ist ein angeblich uraltes Manuskript, das sich ebenfalls als Fälschung herausstellte. Ich erkannte, dass das alles unwiderstehlicher Stoff ist. Das perfekte Vehikel, um die technischen Möglichkeiten zu erforschen, die heute für die Produktion von Desinformationen zur Verfügung stehen. Ich hätte das nie gemacht, wenn es dabei nicht auch eine gute Geschichte zu erzählen gäbe.

Was ist das Schockierende an den Fotos?

Das Schockierende sind nicht die Bilder selbst. Schockierend ist, dass ich ein halbes Jahr lang keine einzige kritische Frage zu einem dieser Bilder bekommen habe. Jeder dachte, es handele sich um ein seriöses Stück Fotojournalismus. Warum hat das niemand in Frage gestellt? Die Fotos wurden beim französischen Festival für Fotojournalismus "Visa pour l’Image" auf riesigen Leinwänden gezeigt - vor einem Publikum aus Bildredakteuren, Kuratoren und meinen Fotografen-Kollegen. Niemand sagte etwas, die Leute haben es einfach akzeptiert. Wenn man weiß, dass alle Personen auf den Fotos im Grunde genommen Computergrafiken sind, sieht man das sofort.

Hatten Sie auch ethische Bedenken bei dem Projekt?

Natürlich. Ich stellte für mich selbst einige Grundregeln auf: Das Material wurde als Fotobuch unter meinem Namen veröffentlicht, ich teilte das Material auf meinen Social-Media-Kanälen. Ich schrieb nicht wie sonst Magazine und Wochenendbeilagen an, damit sie es veröffentlichen. Über die Leute, die mir auf meinen Kanälen folgen, hatte ich sozusagen die Kontrolle. Ich wusste, dass sie die Folgemeldung erhalten, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Ich wollte nicht, dass Dritte beschuldigt werden, Fake News zu veröffentlichen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach im Umgang mit Nachrichten ändern?

Der Kontext einer Information - also zu wissen, woher eine Information kommt und mit welcher Absicht sie erstellt wurde - wird immer wichtiger. Dies ist nicht nur ein Thema für den Journalismus. Es muss auf vielen Ebenen behandelt werden. Enorme Verantwortung tragen zum Beispiel die Social-Media-Plattformen. Das wichtigste Feld stellt aber die Bildung dar: Wie lernen wir mit dieser Mischung aus Informationen, Fehlinformationen und Desinformationen, die zum Teil von Menschen und von Künstlicher Intelligenz produziert werden, umzugehen? Wie sieht es mit dem allgemeinen Bewusstsein für gesunde Mediennutzung aus? Das sind wichtige Fragen für die Erziehung und Schulbildung. Um Bürger der Zukunft auszubilden, die konstruktive Teilnehmer einer demokratischen Gesellschaft sind, muss diese Bildung bereits ab einem frühen Alter auf ein hohes Niveau gehoben werden.

Was haben Sie im Zuge Ihres Projektes gelernt?

Es war ein Blick in die nahe Zukunft. Dieser "Tsunami" aus Technologie und Desinformation kommt viel schneller, als ich dachte. Es war der letztmögliche Moment, um ein solches Projekt mit der von mir verwendeten Technologie zu machen. Jetzt ist das alles überholt.