Es ist in der Tat schwierig, Geschichten, die jeder kennt, neu zu verfilmen. Kaiserin Elisabeth, bekannt als "Sisi", die glück- und rastlose Gemahlin von Kaiser Franz Josef ist noch immer ein Mythos. Ein Mädchen, das jeder durch Verkürzung des Namens zu einer niedlichen Person reduziert, die von ihrem Franzl erwählt wird und ihm seitdem hinterher schmachtet. So haben wir es in den Filmen der 50er und 60er Jahre gesehen (in denen sie unkorrekt "Sissi" genannt wird). So haben wir in den Parodien der Neunziger über sie gelacht und so haben wir Absurditäten genossen, wie jenen Roman vor einigen Jahren in der die süße Sisi zur mutigen Vampirjägerin mutiert.

Was will man da noch neues erzählen? Über eine Frau, deren reales Leben sich als ganz und gar unromantische, permanente Flucht vor ihrem eigenen Hofstaat abspielte, gefangen in einer unglücklichen Papierehe und in eine Rolle gepresset, die sie nicht wollte. Dutzende Male gesehen, öfter noch gelesen. Und dennoch unternahm Netflix seinen eigenen Versuch, sich dem Kanon der Produktionen mit einer sechsteiligen Serie anzuschließen, die nun im Streamingdienst abrufbar ist.

Man muss der Produktion vorausschickend zugute halten, dass sie für einen weltweiten Markt gedacht ist und nicht ausschließlich für das Romy-gestählte heimische Publikum. Es ist für Wiener absurd, Sisi vor einem beliebigen (offenbar deutschen) Schloss stehen zu sehen und eine Figur sagen zu hören "Das ist Schönbrunn". Ist es natürlich nicht! Und man sieht das überdeutlich, was bei den vielen Außenaufnahmen mehr irritiert, als man annehmen sollte.

Wie auch immer. "Die Kaiserin" legt dieselbe weit jenseits des "Sissi! Franzl"-Kitsch an und das ist gut so. Elisabeth (Devrim Lingnau) gibt eine Elisabeth, die ihren Kosenamen Sisi nicht leiden kann, und wächst äußerst ländlich als Herzogin in Bayern auf. Während ihre Schwester Helene (Elisa Schlott) ganz den Erwartungen entspricht, ist Elisabeth ein Wildfang, aufmüpfig und eher der Natur denn dem Nachmittagstee verbunden. Dass sich der österreichische Kaiser Franz Joseph (Philip Froissant) ausgerechnet in die "falsche" Schwester verschaut, bringt die Handlung ins Rollen.

Grober Klotz bei Hofe

Elisabeth kommt also jung an den Hof und wird dort als grober Klotz gesehen, der erst einmal zurecht geschliffen werden muss, was Elisabeths neue Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie (herrlich herrisch: Melika Foroutan) übernimmt. Lichtblick ist der Frauenheld und Kaiserbruder Maximilian (Johannes Nussbaum), der dem Kaiser die Meinung sagt, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, fragwürdige, sagen wir, Begegnungen abzuhalten. Wie immer wurde an nichts gespart. Die Ausstattung ist pompös, Szenen mit vielen Statisten stehen an der Tagesordnung. "Die Kaiserin" versucht, die Linie zwischen einer Bewahrung des Mythos und einer Transformation der Geschichte ins Heute zu ziehen. Historische Akkuratesse bleibt dabei logischerweise auf der Strecke.

Letztlich steht naturgemäß das Ensemble im Mittelpunkt. Hier erweist sich "Elisabeth" Devrim Lingnau als Glücksgriff. Sie bringt die Zerrissenheit der Monarchin nach anfänglicher Verliebtheit bestens rüber. Der Tonfall, als sie ihrer Mutter verbietet, sie Sisi zu nennen, zeigt: Hier ist jemand dabei, die Messer zu wetzen. Philip Froissant als junger Kaiser ist durchwegs glaubwürdig. Als er sich gegen die biestige Mutter für Elisabeth entscheidet, hat er das Publikum längst auf seine Seite gezogen.

In Summe wird "Elisabeth" im Monolith des "Sisi"-Mythos keine allzugroßen Risse hinterlassen. Aber für erfreuliche royale Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt.