"Wiennerisches Diarium, enthaltend alles Denckwürdige / so von Tag zu Tag" ist auf der heutigen Titelseite der "Wiener Zeitung" zu lesen. Die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt erinnerte am Tag nach der Ankündigung der Regierung, das Geschäftsmodell der Zeitung auf einen Monatstitel samt Onlineberichterstattung zu ändern, an die 1. Ausgabe aus dem Jahr 1703. Dass sie ihr 320-jähriges Bestehen am 8. August 2023 als Tageszeitung erlebt, ist nicht sicher.

Denn ab Mitte 2023 wird das Geschäftsmodell des im Eigentum der Republik stehenden Mediums wohl adaptiert. "Ausgedruckt" titelte die Zeitung dazu am Donnerstag. Die Pflichtveröffentlichungen im gedruckten Amtsblatt fallen weg - und damit ein großer Teil der bisherigen Einnahmen. Das Amtsblatt wird künftig ausschließlich digital erscheinen und zu einer "elektronischen Verlautbarungs- und Informationsplattform des Bundes" (EVI) ausgebaut. Gleichzeitig wird die "Wiener Zeitung" zu einem Aus- und Weiterbildungsinstitut für Journalismus ausgebaut.

Die Alarmglocken schrillen

Das lässt beim Presseclub Concordia die Alarmglocken schrillen. "Ausgerechnet das Bundeskanzleramt will zum obersten Schirmherr journalistischer Kompetenzvermittlung werden", stellt der Club in einer Aussendung fest. "Das ist demokratiepolitisch gefährlich, denn es widerspricht direkt dem wohl wichtigsten Kriterium für qualitätsvollen und kritischen Journalismus: politischer Unabhängigkeit", so der Presseclub Concordia, der zudem eine "Verstümmelung" der "Wiener Zeitung" ohne Not ortete.

Medienministerin Susanne Raab (ÖVP) versicherte in der "ZiB 2" am Mittwochabend, dass die Redaktion wie auch Lehrredaktion "selbstverständlich" zu 100 Prozent unabhängig agieren könnten. Im Zentrum stehe, Journalistinnen und Journalisten zu unterstützen. Sie zeigte sich überzeugt, dass es sich bei der "Wiener Zeitung" um eine "qualitativ gute Zeitung" handle. Doch müsse man auch die Fakten auf den Tisch legen: Sie habe lediglich 8.000 Leserinnen und Leser, so Raab. Das stelle eine betriebswirtschaftliche Herausforderung dar.

Viele Medien orientieren sich derzeit verstärkt in Richtung Online-Markt. "Wir wollen die Zeitung in diese Richtung transferieren und hoffen, dass es so mehr Leserinnen und Leser gibt", meinte die Medienministerin. Gegenüber der APA hielt der Redaktionsbeirat der "Wiener Zeitung" fest, dass die Tageszeitung werktags eine Auflage von rund 20.000 Stück habe. Am Wochenende seien es rund 40.000 Stück.

Der Anfang vom Ende

Die Österreich-Sektion der "Vereinigung der Europajournalistinnen und -journalisten" (AEJ Austria) bedauerte die Pläne für eine Einstellung der täglichen Printausgabe der "Wiener Zeitung", die als historisch bedeutsames Kulturgut zweifellos gepflegt werden müsse, hieß es in einer Mitteilung. Eine Umstellung auf eine monatliche Erscheinungsweise könnte ein erster Schritt in Richtung völliger Einstellung sein, befürchtete die AEJ. Dies würde der Presse-, Medien- und Meinungsvielfalt sowie der journalistischen Qualität in Österreich einen schweren Schaden zufügen. "Selbstverständlich entsprechen Online-Medien dem Zeitgeist, doch darf der Wert des Printjournalismus nicht gering geschätzt werden", hielt die Journalistenvereinigung fest. Mit entsprechender verlegerischer Kompetenz müsse es möglich sein, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das den Erhalt der täglichen Printausgabe der "Wiener Zeitung" gewährleiste, meinte die AEJ.

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) bedauerte die Entscheidung der Regierung. "In der 'Wiener Zeitung' gibt es wertvollen Raum für verschiedene Meinungen und differenzierte Berichterstattung, auch zu Wissenschaft und Kultur", hielt sie in einer Aussendung fest. "Ich schätze sie als wichtige Stimme." (apa)