Das Ende der Streaminglücke, eine Halbierung der Textmeldungen auf ORF.at und Veränderungen bei Ö1 sowie FM4: Es herrscht Aufregung um den ORF. "Nur wenn man sich klug und strategisch weiterentwickelt, wird man überleben können. Wichtig ist, dass wir alle mitnehmen und es mit Augenmaß machen", sagte ORF-Chef Roland Weißmann im APA-Interview. Dass FM4 zu spitz positioniert sei, sehe er nach wie vor so. Und: "Ö1 ist kein Museum und war das auch nie."

Geleakte angedachte Sparmaßnahmen bei Ö1 und ein Interview mit ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher im "Standard" zur Ausrichtung von FM4 und Ö1 ließen die Wogen in der Kunst- und Kulturszene hochgehen. Sie gipfelten jüngst im Vorschlag von SPÖ-Kultursprecherin Gabriele Heinisch-Hosek, das Programmkonzept der beiden Radiosender in die UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe aufzunehmen. Kurz darauf verkündete die IG Autorinnen Autoren einen solchen Antrag zur Aufnahme des Kultursenders Ö1 gestellt zu haben. "Es ist gut, wenn es verschiedene Inputs gibt. Nur wenn man im Gespräch ist, ist man auch relevant", so Weißmann. Insgesamt müssten sich Medien aber weiterentwickeln - im Falle des ORF vom Broadcaster zur multimedialen Plattform, wie der ORF-Generaldirektor betonte. Dazu befinde man sich mitten in einem Strategieprozess, in dem verschiedenste Maßnahmen diskutiert werden.

Zur Aufregung um Ö1 entschuldigt sich der ORF-Chef. "Ich bin überrascht, dass halbgare Ideen an eine Zeitung gespielt wurden. Diese waren weder mit mir, noch der Radiodirektorin akkordiert und haben Ö1 Schaden zugefügt und die Kunst- und Kulturbranche in Aufregung versetzt. Diese geleakten Ideen gefallen mir auch nicht", so Weißmann. Klar sei für ihn, dass die Einzigartigkeit von Ö1 erhalten bleibe: "Alle Programmfarben bleiben selbstverständlich erhalten, insbesondere auch die Literatur und die zeitgenössische Musik." Es werde aber natürlich eine Weiterentwicklung aus Publikumsperspektive geben. Das Ansehen von Ö1 als Partner von Kunst und Kultur will er nicht verkommen lassen. "Der ORF investiert rund 120 Millionen Euro in Kunst und Kultur - auch kommendes Jahr", kündigte Weißmann an. Die Diskussion um Ö1 sei für dieses Budgetjahr aus seiner Sicht abgeschlossen.

Eine andere Diskussion hat Weißmann selbst wieder in Fahrt gebracht: jene zur von Medienministerin Susanne Raab (ÖVP) angekündigten ORF-Digitalnovelle, von der sich der ORF mehr Spielraum im digitalen Raum erhofft. Bei den Österreichischen Medientagen sagte Weißmann überraschend, die Anzahl an Textmeldungen auf ORF.at zu halbieren. "Das war keine Verzweiflungstat und auch kein Angebot an die Verleger. Es war ein Input in die medienpolitische Diskussion, die in den vergangenen Wochen ins Stocken geraten ist", so der ORF-Chef. Die Transformation hin zu mehr Bewegtbild auf der "blauen Seite" habe man ohnehin vor drei Jahren gestartet. "Die Überblicksberichterstattung wird auch künftig bleiben", sagte er. Und was, wenn es keine Digitalnovelle geben sollte? "Es war eine Ankündigung, zu der ich stehe. Die Medienpolitik hat auch angekündigt, eine Digitalnovelle zu machen. Dieser Schritt wäre Teil einer Digitalnovelle", so Weißmann.

Für Ärger sorgte seine Ankündigung auch bei so manchem in den eigenen Reihen. Redaktionsvertreter beschwerten sich darüber, nicht eingeweiht gewesen zu sein. "Die Führungskräfte waren seit Monaten in die Gespräche eingebunden. Wir haben das unmittelbar danach in einer Betriebsversammlung mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diskutiert. Es war aber eine gewisse Zuspitzung, die Ankündigung auf den Medientagen zu tätigen", gestand der Chef des größten Medienunternehmen des Landes.

Großes Thema für den ORF ist auch, wie dieser mit 2024 an den Großteil seiner Einnahmen kommt. Denn die sogenannte Streaminglücke wurde vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) als verfassungswidrig erkannt. Die derzeitige GIS-Gebühr könnte nun auf weitere Geräte wie Laptops erweitert, eine Haushaltsabgabe eingeführt oder der ORF aus dem Bundesbudget finanziert werden. Weißmann hat zwar ein präferiertes Modell, will dieses aber nicht verkünden. "Es ist wichtig, die Entscheidung dort zu lassen, wo sie zu fallen hat", meinte er. Zeitgerecht habe man aufgrund der VfGH-Frist darauf hingewiesen, dass der ORF "rasch" eine Lösung brauche. Denn es gilt etwa zu klären, wie es für das ORF-Tochterunternehmen GIS weitergeht. "Natürlich gibt es theoretisch auch Varianten, bei denen man nicht mehr auf den GIS-Apparat in seiner heutigen Form zurückgreifen müsste. Auch aus diesem Grund brauchen wir eine zeitgerechte Lösung, damit wir wissen, wie wir uns aufstellen sollen", sagte Weißmann.

Prinzipiell wolle man in diesen "herausfordernden Zeiten" den Gebührenzahlerinnen und Gebührenzahlern jeden Tag beweisen, dass ihre Beiträge ("rund 60 Cent pro Tag") "bestmöglich investiert" sind. "Wir planen eine Kampagne, bei der es darum geht, den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Gesellschaft darzustellen", sagte der 54-Jährige.

Sehr zufrieden ist Weißmann mit dem vor wenigen Monaten in Betrieb genommenen multimedialen Newsroom am Küniglberg. "Er ist ein Jahrhundertprojekt und funktioniert im Großen und Ganzen sehr gut." Die starken Redaktionen des Hauses sollen nun organisch zusammenwachsen. Dann gelte es die multimedialen Fachressorts zu etablieren und deren Leiterinnen und Leiter zu bestimmen. Die Ausschreibung für die Führungsposition werde "aller Voraussicht bis Ende des Jahres" erfolgen. "Nach einer transparenten Auswahl wird es auch ein gutes Zusammenarbeiten geben", zeigte sich Weißmann überzeugt.

Im multimedialen Newsroom findet sich auch ein neues "ZiB"-Studio, das schon bald für das ORF-Publikum zu sehen sein wird. "Die Vorarbeiten laufen auf Hochtouren. Bis Jahresende soll es in Betrieb gehen", sagte der ORF-Chef. Es handle sich um ein Fernsehstudio auf dem modernsten Stand der Technik. "Die eine oder andere Innovation wird es geben, da arbeitet die Redaktion daran", hielt sich Weißmann, der "mehr denn je" für den Job brennt, bedeckt.