Es ist kompliziert. So viel sei vorweggenommen, wenn es um das Verhältnis zwischen unserem Blatt und der jeweiligen Obrigkeit geht. Es wurde gefordert, gefördert, ausgebaut, kleingehalten, infrage gestellt, gerettet, vertröstet, fallen gelassen etc. So geht es, in wechselnder Reihenfolge, seit 1703. Immer wieder hing die Gazette "zwischen Himmel und Erde", wie es in einer zum 200. Jubiläum erschienenen Festschrift über die Lage der "Wiener Zeitung" 1848 hieß. Doch diese Formulierung passt nur allzu oft in der 319-jährigen Geschichte der Institution.

Johann van Ghelen baute jene Offizin auf, die unser Blatt 1722 (Titelblatt r. oben) bis 1857 druckte, zuletzt im "Verlag der Edlen v. Ghelen’sche Erben" (Ausschnitt unten). WZ-Collage; Wien Museum / B. & P. Kainz 
- © WZ-Collage; Wien Museum / B. & P. Kainz

Johann van Ghelen baute jene Offizin auf, die unser Blatt 1722 (Titelblatt r. oben) bis 1857 druckte, zuletzt im "Verlag der Edlen v. Ghelen’sche Erben" (Ausschnitt unten). WZ-Collage; Wien Museum / B. & P. Kainz

- © WZ-Collage; Wien Museum / B. & P. Kainz

Heute ist die "Wiener Zeitung" gemeinhin als Staatsblatt bekannt. Dabei wird häufig vergessen, dass sie privat gegründet wurde und es mehr als eineinhalb Jahrhunderte blieb. Das Wort "privat" sollte man eigentlich unter Anführungszeichen setzen. Denn in der Feudalgesellschaft des damaligen Habsburgerreichs konnte ein Betrieb nicht im heutigen Sinn nach eigenem Gutdünken wirtschaften, sondern war vom Wohlwollen des absoluten Herrschers abhängig.

Briefmarke der Staatsdruckerei mit "WZ"-Sujet aus 1954. - © OeSD
Briefmarke der Staatsdruckerei mit "WZ"-Sujet aus 1954. - © OeSD

Als Zeitungsherausgeber traten in der Frühen Neuzeit Buchdrucker auf den Plan. Im Falle des "Wien(n)erischen Diariums", wie die "WZ" bis 1779 hieß, waren es Johann Baptist Schönwetter und später, ab 1722, Johann Peter van Ghelen. Um überhaupt eine Zeitung herausgeben zu dürfen, benötigten sie, wie andere Unternehmen auch, ein kaiserliches "Privilegium", was nichts anderes als eine Erlaubnis war. Diese wurde, vergleichbar mit einer Pacht, für eine gewisse Zeitspanne vergeben. Sie musste immer wieder erneuert und konnte natürlich auch entzogen werden.

Kaffee und Blutsauger

Ein "privilegiertes" Unternehmen hatte keine besonderen Vorrechte gegenüber seinen Konkurrenten, sondern schlicht die Bewilligung der Obrigkeit. Mit k.k. Privilegium wurden nicht nur Zeitungen, sondern auch Blutegel, Schraubenmuttern oder später Rasenmäher verkauft. Das "Diarium" erhielt also keine spezielle Förderung durch den Hof. Es hatte mit diesem jedoch vereinbart, gewisse Informationen bzw. Einschaltungen exklusiv publizieren zu dürfen.

Über die früheste Ära des Blattes unter Schönwetter ist wenig überliefert. Eines steht fest: Das Zeitungsgeschäft war von Anfang an hart. Die Produktion war teuer, der Kreis potenzieller Leserinnen und Leser klein, die Zensur streng. Als Schönwetter 1721 die Herausgabe der Zeitung aufgrund neuer Abgaben nicht mehr stemmte, kam ein anderer Betrieb zum Zug. Es handelte sich um die angesehene Offizin einer aus Antwerpen stammenden Buchdrucker-Dynastie. Der Firmenpatriarch Johann van Ghelen war zwar 1721 kurz vor Übernahme des "Diariums" verstorben, er dürfte aber noch maßgeblich an den Verhandlungen mit dem Hof beteiligt gewesen sein. Sein Sohn Johann Peter van Ghelen - von ihm ist im Gegensatz zum Senior kein Porträt bekannt - übernahm die Druckerei, die ab Jänner 1722 auch das "Diarium" herstellte.

Aus den folgenden Jahren sind einige Schriftstücke erhalten, aus denen hervorgeht, dass sich van Ghelen nach Kräften um die Zeitung bemühte. Eine seiner Beschwerden wirkt heute kurios, bezieht sie sich doch auf eine "Unsitte", die wir nun stolz als Kaffeehauskultur bezeichnen: Wien sei nämlich "mit Cavé-Häusern fast an allen Ecken angefüllet". Und in allen liege eine Ausgabe des "Diariums" auf. Die Gäste würden "lieber einen Groschen umb ein Cavé-Schalen" bezahlen und "dabey die Zeitung umbsonst" lesen als diese um den hohen Preis von sieben Kreuzern selbst zu erwerben. Deshalb sei unvermeidlich, klagte der Verleger, dass "das Diarium einen traurigen Abgang haben muß". Heute wissen wir indes: Das Kaffeehaus war nicht der Tod der Zeitung.

Dass van Ghelen ein strategisch denkender, zuweilen kühl rechnender Geschäftsmann war, stellte sich 1724 heraus, als er das Konkurrenzblatt "Mercurius" übernahm, nur um es einzustellen.

Nach dem Tod Johann Peter van Ghelens 1754 wurde die Druckerei von seinen Nachfahren - sie nannten sich später die "Edlen v. Ghelen’schen Erben" - weitergeführt. Um das zeitweise stark wankende Unternehmen durchzubringen, ließ man sich manches einfallen. Zum Beispiel eine Beilage für "Gelehrte Nachrichten" für ein wissenschaftlich interessiertes Publikum. Dass diese aufklärerische Initiative nicht die Massen anlockte, dürfte den Herausgebern von vorn herein bewusst gewesen sein, merkten sie doch in einer Ankündigung an: "Leser, deren Beruf es nicht ist, sich mit den Wissenschaften abzugeben, können den Artikel von gelehrten Sachen überschlagen", also getrost ignorieren.

Gerupfter Adler

Neben solchen teils kurzlebigen Experimenten übernahm das Blatt auch immer mehr Verlautbarungsaufgaben für den Staat, ab 1812 mit einem vom redaktionellen Teil abgetrennten "Amtsblatt".

Das Revolutionsjahr 1848 bedeutete den Anfang vom Ende der Ghelen’schen Herausgeberschaft. Die liberal eingestellte Familie ließ bei der "Wiener Zeitung" Leute werken, die verschiedenste Stimmen zu Wort kommen ließen und auch für Demokratie sowie Pressefreiheit eintraten. Als an einem Tag als Zeichen des Protests sogar der kaiserliche Adler auf dem Zeitungskopf fehlte, schlug es dem Fass den Boden aus. Die Obrigkeit setzte die Ablöse der verantwortlichen Blattmacher durch und regierte ab nun direkt in die Redaktion hinein. Die Ghelen’schen Erben verloren jeglichen Rückhalt vom kaiserlichen Staat. Auch wirtschaftlich ging es bergab. Einige Jahre konnten sie sich noch halten, bevor sie unter der Schuldenlast zusammenbrachen.

Am 17. Dezember 1857 standen die Ghelen’schen Erben das letzte Mal im Impressum, dann übernahm der Staat das Ruder. Ab nun sollte die "WZ" in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei verlegt werden. Die 1804 gegründete Offizin, eine der größten Europas, war glänzend ausgestattet und konnte fundierte Werke in verschiedensten, vor allem asiatischen Sprachen drucken. Chinesische oder japanische Bücher stellten zum Beispiel kein Problem dar. Doch die Produktion einer täglichen Gazette samt Abendausgabe stand auf einem anderen Blatt. Der Druck einer Tageszeitung erfordert Schnelligkeit und Flexibilität, dafür war man nicht gewappnet. Bis die "WZ" 1860 eine eigene Druckerei erhielt, hatte sie mit etlichen (technischen) Problemen zu kämpfen.

Unter den Fittichen des Staates und den Augen des Monarchen - Kaiser Franz Joseph las "sein" Blatt täglich - entwickelte sich ein eigener redaktioneller Stil: Hochseriöse Politikberichterstattung in gemessener Sprache und ein lebendiges Feuilleton, das vor allem in der weniger streng beäugten Spätausgabe Platz fand. Das Rezept bewährte sich: Die "Wiener Zeitung" wurde zum geachteten Kulturorgan, unter dem ab 1872 amtierenden Chefredakteur Friedrich Uhl und darüber hinaus.

Gebändigter Ehrgeiz

Natürlich war nicht alles eitel Wonne unter staatlicher Ägide. Das Blatt stand auch in Zeiten der Republik vor ganz eigenen Herausforderungen. Als ein junger Chefredakteur ab 1925 die Ärmel hochkrempelte, um mithilfe von Werbung und Vertrieb die Abonnentenzahl zu erhöhen, wurde er ermahnt und dann, als die Auflage weiter stieg, zum Kanzler - Ignaz Seipel - zitiert. Er habe gefälligst "seinen Ehrgeiz zu bändigen". Ein größerer Erfolg der Zeitung sei unerwünscht, da sich andere Blätter über die Konkurrenz beschwerten. Der getadelte "WZ"-Chef, es war Rudolf Holzer, sollte nicht der einzige bleiben, der sich über die "völlige Interesselosigkeit" der Eigentümer an ihrem Blatt wunderte.