Ein Film kommt raus. Das passiert viele Male im Jahr. Weil es Streaming-Kanäle wie Netflix gibt, werden zudem mehr Filme und Serien produziert als je zuvor. Man kann des vielen Filmdrehens schon etwas überdrüssig werden, zudem die Filme und Serien eh meistens nur Interpretationen alter Themen sind. Also Zombies, Aliens, Science-Ficion-Müll, Naturkatstrophen und all der Scheiß.

Früher war ein Regisseur ein Herr und eine Regisseurin eine Dame. Und beide waren unbestritten die Diktatoren am Dreh, uneingeschränkte Herrscher, die sich lediglich mit den Studiobossen streiten mussten, wenn den Schreibtisch-Spießern wieder mal alles zu kreativ und zu Avantgarde wurde. Heute ist ein Regisseur (Frauen sind mitgemeint) oft nur ein mittel- bis schlechtbezahlter Knecht der Sender, Produzenten und Medien. Und gegen diese Leute, die Verwalter der Filmkunst, bringen die Regisseure, so höre ich, auch kaum mehr Einwände vor, wenn diese den Durchschnitt loben und das Besondere verlachen. Regie ist jetzt bloß Business as usual. Und usual fad ist dann das meiste aus diesem Kessel Buntes.

Dann kommt es auf einmal und unerwartet, dass gleich zwei Produktionen bei Netflix auftauchen, die beide absolute Kunstwerke sind. Erstens "Dahmer", die Serie über den wahrscheinlich bekanntesten Serienmörder der Welt. Und dann "Blonde", die quasi Verfilmung des gleichnamigen Romans von Joyce Carol Oates über das Leben und Sterben der Marilyn Monroe. Dahmer und die Monroe: Das sind jetzt auch wieder nur "aufgwarmte G’schicht’n". Trotzdem ist es beiden Produktionen gelungen, etwas Singuläres aufzuführen; etwas, das man schon lange nicht gesehen hat: Filmkunst, die fordert. Dieses Mehr an Aufmerksamkeit, das Fordern vom Publikum meist nur Sundance-Filme oder der intellektuelle Regie-Gigant Christopher Nolan, ein bisschen ein Nachfolger von Stanley Kubrick; der, und jetzt wird’s bald auch mal langweilig mit ihm, seinen Komplex auslebt, niemals Wissenschafter geworden zu sein. Aber was man von ihm sieht, das hat Anspruch und Güte.

Ein giantisches Werk

Bei Dahmer muss man nicht so irre viel denken; es reicht, die Stimmung der Serie wirken zu lassen - Antidepressiva vorbereiten, oder einen Joint. Bei "Blonde" ist es anders. Der Film ist ein gigantisches Werk, hat eine überbordend kreative und präzise Kamera, jedes Detail stimmt, sogar die vielen Fotografen-Statisten, die die Pressefotografen der 1950er-Jahre in Hollywood darstellen, wissen jeden Handgriff, den man für die alten Speed-Graphic-Kameras benötigt. Da hat eine Produktion Professionalität unter Beweis gestellt. Und es gibt euphorische Kritiken. Ich will den Kritiker meines Vertrauens zitieren, nämlich Christian Fuchs vom Radiosender FM4. Fuchs schreibt: "‚Blonde‘-Regisseur Andrew Dominik nähert sich in "Blonde" der Hauptfigur auf entgrenzte Weise an, geht dabei aber noch einen Schritt weiter. Völlig auf eine konventionelle narrative Struktur verzichtend lässt er Momentaufnahmen aus dem kurzen, tragischen Leben der Monroe aufeinanderprallen, beschränkt sich auf halluzinogene Vignetten. Ein wild durcheinandergewürfelter Szenenreigen, berauschend visualisiert, inhaltlich durchgehend erschütternd."

Stimmt! Aber Fuchs ist einer der wenigen Filmkritikerinnen und Kritiker, die das Werk positiv sehen.

Natürlich muss nicht jede und jeder über Blonde positiver Meinung sein. Man kann auch Meisterwerke als Dreck erkennen. Und beim Meisterwerk "Blonde" sind es sehr viele, die den Film und Andrew Dominiks Arbeit als Dreck erkennen - darunter nicht gering Kritiker und Regisseure.

Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass ein derart brillanter Film, der noch dazu so genau und so technisch überragend gedreht wurde, wo jede Kamerabewegung Sinn macht, wo man verstörende und dann verstörend schöne Bilder sieht, wo überhaupt alles da ist, dass man den Film so schnell nicht vergessen wird, weil man ihn eh noch viele Male im Leben sehen will und muss; wie ist es möglich, dass "Blonde", Dominik und Brad Pitt - jener war mit seiner Firma Plan B der Produzent des Vorhabens -; wie ist es möglich, dieses grandiose Stück Kino, in dem auch zweitgeilsten Dreier der Filmgeschichte (den geilsten hat Bertolucci gedreht, in diesem Paris-Film, der nicht "Der letzte Tango" war) die primären Geschlechtsmerkmale zu Bewegungen anregt - wie ist es möglich, dass "Blonde" von einer Mehrheit der Kritiker tatsächlich als schlechter Film gebrandmarkt wird?

Jede Menge Empörpotenzial

Die Antwort ist einfach. "Blonde" liefert sofort Empörpotenzial. Feministinnen und Feministen beklagten gleich, dass die von Ana de Amas dargestellte Monroe im Film eine sympathische, aber grundnaive und sich selbst schlecht beratende Frau ist, die zudem auch noch fast ein Fünftel des Fast-Drei-Stunden-Werkes herum flennt, dass es ein Erbarmen ist. Diese Monroe ist nicht die Monroe, die sich die Kritiker gewünscht haben. Und diese Monroe ist auch nicht die Monroe der US-Feministinnen, die beklagen, dass dies ein recht banaler Männerfilm sei.

Andrew Dominik, Brad Pitt und Nick Cave (von dem kommt die Filmmusik), alle so um die 60 Jahre alt: Das ist natürlich die Generation Mann, die die Jakobiner und Jakobinerinnen von Woke, die ersten linken Faschisten der Social-Media-Zeiten, in die Tonne treten wollen. Dann liest man bei einer Berliner Theaterregisseurin, einer erfolgreichen Frau, dass die Monroe in Wirklichkeit eine starke Feministin gewesen sei. Auf meine Frage, ob sie denn Zeitzeugin gewesen sei und die Monroe gekannt habe, folgte die übliche CIS-Mann-Schimpftirade, die nicht mal mehr ein Gähnen auslöst. Was unterscheidet diese Diskussionskultur von jenen der Rechtsextremen? Genau gar nichts.

Ja, man kann darunter leiden, wie flach und banal und verstörend hilflos Dominik die Monroe zeichnete. Aber die Details stimmen, weil sie in diesem Film einfach gut recherchiert sind. Die Stimme, Tonlage und Ausdruck stimmen, die Traumatisierung der Monroe ist korrekt, und so weiter. Das Einzige, was ich Regisseur Dominik vorhalten würde, ist, dass die Vergewaltigungsszene am Beginn des Films etwas zu spielerisch und lässig daherkommt.

Ein typischer Männerfilm?

"Blonde", so lese ich nicht nur bei den Fackelträgern der neuen Linken; "Blonde" sei eben ein typischer Männerfilm, der ein typisches Männerbild der Monroe abliefere. Und nicht das Bild der wagemutigen Feministin, die sie war. Männerfilm also!

Ich kenne keinen Film der vergangenen Jahre, in dem Männer so schlecht wegkamen wie in "Blonde". Sogar der Schriftsteller Arthur Miller, der zweite Ehemann von Monroe, erscheint auf der Leinwand als das, was er war: ein selbstverliebter Halbautist, unfähig, das Leid der Frau an seiner Seite zu erkennen. Und unfähig zudem, ihr eine eigene Kreativität zuzugestehen. Der Männerfilm, der Männer als brutal, dämlich und sozial inkompetent vorführt - das ist "Blonde". Vor Jahren hätten Feministinnen gejubelt.

Und dann das Wichtigste: Andrew Dominik hantiert hier mit einer Schablone, die der Monroe und die des blonden Dummchens, die er eigentlich nie zu einem Bild formt. Anstelle dessen nötigt uns Dominik mit seiner Schablone, über unsere Schablonen nachzudenken. Und das bedeutet, dass "Blonde" absichtlich unbequem ist. Aber wo endet Kritik, wenn sie die Interpretation des Regisseurs gleich vorweg als frauenfeindlich brandmarkt (was diese genau gar nicht ist)? Wie geht es weiter, wenn Leute, die den Film nicht gesehen haben, und wenn sie ihn gesehen haben, so gar nicht verstanden haben, wie die tatsächlich ahnungslose Filmkritikerin des "Stern", über ein Werk herfallen, nur weil das darüber Herfallen Bonuspunkte in Sachen Hetze und Hass bringt.

"Blonde" gilt jetzt als schwieriges Werk, als Film, der beim intellektuellen Milieu durchfiel. Das bedeutet, und so läuft das eben, dass irgendwer in den Studios bei einem ähnlichen Projekt die Finanzierung verweigern wird. Weil eine Kamarilla dauerempörter Kleinstalinisten bestimmt, wer was tun darf. Dieser jetzt unscheinbare Fall "Blonde" wird die Filmlandschaft verändern - besser gesagt werden das die bösen Geister, die niemand rief.