"Du hast die Macht!", rief der muskelbepackte Typ aus dem Off, stieg hinterm Horizont hervor und streckte seine Faust in die Luft. Die fünf Teenager, die ohne ihn einfach nicht mehr weiterkamen, atmeten erleichtert auf. Der Erschöpfung nahe, hatten sie sich zusammengetan, sich im Kreis aufgestellt, ihre Ringe aufeinander gerichtet. Daraufhin hallte es: "Durch eure vereinten Kräfte bin ich Captain Planet!" Und plötzlich bestand doch wieder Hoffnung, dass die Welt noch gerettet wird.

Kinder der 1990er Jahre dürften sich an diese Szenen noch erinnern. Jeden Samstagmorgen im Fernseher steuerte der Planet auf den Kollaps zu. In der Zeichentrickserie "Captain Planet", die zu den beliebtesten Cartoons ihrer Zeit gehörte, war immer wieder eine Reihe Bösewichte drauf und dran, die Umwelt unumkehrbar zu zerstören. Um dies aber abzuwenden, hatte Gaia, die leidende Mutter Natur, aus allen Erdteilen eine Truppe Auserwählter zum "Planetenteam" ernannt. Nur diese fünf Heranwachsenden konnten die Welt retten - meistens, indem sie Captain Planet riefen.

Zwei Jahrzehnte nach der Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen Anfang der 1990er Jahre ist "Captain Planet" weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei dürfte die Bedeutung dieser Serie kaum zu überschätzen sein. Wohl erstmals in der Geschichte des Zeichentrickmainstreams hatte ein Superheld nicht nur die Aufgabe, die Welt vor dem Bösen zu bewahren, sondern auch den Klimawandel zu bekämpfen. Durch Captain Planet wurden einer Generation von Kindern die Folgen unbegrenzten Konsums erklärt. Entertainment inspirierte den Nachwuchs zum Umweltschutz.

Dürren und Co. in kindgerechten Geschichten

Erfunden hatte die Serie der US-Medienunternehmer Ted Turner, der im Jahr 1980 einen für die US-Regierung bestimmten Report über die Klimatrends der kommenden Jahrzehnte als Ausgangspunkt nahm. Seine Mitarbeiterin Barbara Pyle beauftragte der CNN-Gründer damit, die immer häufiger drohenden Fluten, Dürren und Wirbelstürme in einer kindergerechten Geschichte zu verarbeiten. Pyle hatte bis dahin als Fotojournalistin über soziale Themen berichtet. Fortan wurde sie zur Zeichentrickfilmemacherin, kreierte auf Basis ihrer Reportagen fiktive Charaktere und Plots.

"Captain Planet" war nicht nur deshalb hochpolitisch, weil es um Klimawandel ging und um die Verantwortung der Menschen, diesen aufzuhalten. Außerdem hat der namensgebende Protagonist, ein smart aussehender Topathlet mit ozeanblauer Haut, waldgrünen Haaren und knallroter, knapper Badehose, zwar einerseits Superkräfte. Er ist aber auch eine Art Antiheld. "Ohne die vereinten Kräfte des Planetenteams kann er nicht existieren", erklärte Co-Autorin Barbara Pyle vor Jahren gegenüber der britischen Zeitung "The Guardian". Außerdem ist er nach jedem Kampf schwer erschöpft.

Tatsächlich lässt sich die Serie als Metapher auf den schwierigen Umgang der Weltgemeinschaft mit dem von ihr bewohnten Planeten verstehen. Die fünf auserwählten Planetenretter - der naturverbundene Kwame aus Afrika, der großmäulige Wheeler aus Nordamerika, die schlaue Lenka aus Russland, die tierverliebte Gi aus Südostasien und der gutmütige Ma-Ti aus Südamerika - können nur gemeinsam vorankommen. Von Mutter Erde wurden sie mit je einem Ring ausgestattet, dessen Kraft einem Grundelement entspricht: Feuer, Wind, Erde, Wasser und Liebe.

Natürlich waren die Episoden so überzeichnet, wie man es von einem Cartoon für Kinder erwarten würde. So ist die lebensbedrohliche Umweltverschmutzung oft nicht nur durch Ignoranz oder Habgier vieler Menschen begründet, sondern auch durch bloße Boshaftigkeit der meist volljährigen "Umweltschurken." Zwar verfolgt "Plünder-King" Geschäftsinteressen, "Graf Atomar" steht für die Gefahren der Atomkraft und "Zarm" richtet Schaden durch die Eroberung fremder Länder an. Aber allen Bösewichten ist immer auch große Lust an der Umweltzerstörung an sich anzumerken.

Planetenretter in solarbetriebenen Fahrzeugen

So wurden die jugendlichen Planetenretter - die sich außerdem nur in solarbetriebenen Fahrzeugen fortbewegten - zu noch offensichtlicheren Helden. Und Captain Planet zum großen kommerziellen Erfolg. Der Videospielkonzern Nintendo legte für seine Konsole ein Spiel zur TV-Serie auf, in dem die Gamer nicht nur zusahen, sondern am Controller selbst den Planeten retten mussten. Es kamen auch Overalls auf den Markt, mit denen Kinder in die blaue Haut von Captain Planet schlüpfen konnten. Action-Spielfiguren, Comichefte, Aufkleber, Magnete und T-Shirts waren ebenso zu haben.

Der Superheld des Klimaschutzes war ähnlich cool wie Batman, Superman und Spiderman. So war Captain Planet ab 1996, als den Schöpferinnen und Schöpfern der Serie nach vier Jahren, 113 Episoden und sechs Staffeln die Ideen ausgegangen waren, wohl auch nur vorerst Geschichte. Im Jahr 2013 sorgte die Entertainmentsparte des Multikonzerns Sony für Schlagzeilen, weil sie einen Spielfilm rund um das Sujet plante. Einige Jahre später hieß es, Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio wolle sich am Stoff versuchen. Als Zeitpunkt für die Erstausstrahlung in Kinos kursiert das Jahr 2027.

Aber auch sofern dies nie geschehen wird, hat sich "Captain Planet" nicht nur in den Erinnerungen und womöglich auch Einstellungen einer Generation verewigt. Auf Grundlage der Serie wurde bald die "Captain Planet Foundation" gegründet, die durch Umweltschutzprojekte und Stipendien bis heute den weltweiten Nachwuchs zu Klimaschützerinnen machen will. Das Motto, das vielen Millennials bis heute als Melodie des Jingles von damals in den Ohren klingeln dürfte: "Du hast die Macht."

Die Probleme der Planetenretter im wahren Leben mögen etwas komplizierter sein, auch die übernatürlichen Kräfte fehlen. Die klimatischen Katastrophenszenarien aber, die in den 1990er Jahren als Cartoon gezeigt wurden, zeigen sich heute zusehends in den Nachrichten.