Sie sei eine Kreatur einer anderen Ära. "Sie ist obsolet." Diese harten Worte, die Prinz Philip (Jonathan Pryce) formuliert, gelten selbstverständlich nicht seiner Frau Elizabeth II. (Imelda Staunton), sondern der royalen Jacht, die nach 40 Jahren Dienst ausgemustert werden muss. Doch wie so vieles bei Serienschöpfer Peter Morgan, der Subtext gibt den Ton an. Genauso gut könnte er über die Regentschaft Elizabeths Anfang der 90er reden. Denn in dieser skandalumwitterten Periode ist "The Crown" in ihrer fünften Staffel (ab Mittwoch auf Netflix) angekommen. Ist die Monarchie noch relevant? Oder ist sie ein Relikt alter Zeiten?

Ordnung und Tradition, "nie beschweren, nie erklären" waren stets die Leitmaxime der Windsors, doch diese werden nun erschüttert. Über die Jahre 1991 bis 1997, also der Auftakt zum "Annus horribilis" 1992, bis hin zur Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Tony Blair zieht sich der Handlungsbogen. Schloss Windsor brennt ab, drei Kinder der Queen lassen sich scheiden, Diana (Elizabeth Debicki) gibt ihr Martin-Bashir-Interview. Elizabeth II. erkennt die Welt nicht wieder. Die "Modernisieren, modernisieren"-Leier ihres Sohnes Charles (Dominic West) fällt aber auf taube Ohren. Die Senior Royals haben den Anschluss verloren, so Prime Minister John Major (Jonny Lee Miller). Die Junior Royals sind nutzlos und arrogant.

Schmutzwäsche

Diana (Elizabeth Debicki) in ihrem sogenannten Revenge-Dress, bei einem öffentlichen Termin nach der Scheidung von Charles. - © Netflix
Diana (Elizabeth Debicki) in ihrem sogenannten Revenge-Dress, bei einem öffentlichen Termin nach der Scheidung von Charles. - © Netflix

Dass die Royal Family unter King Charles III. nicht viel Liebe für die Netflix Serie übrighat, ist keine Überraschung. Immerhin breitet die Handlung immer weiter seine persönliche Schmutzwäsche aus. Dianas Bruder Charles Spencer äußerte sich ebenso kritisch. John Major streitet es ab, sich privat mit Charles getroffen zu haben. Schauspielerin Judi Dench hatte gefordert, Netflix müsse darauf hinweisen, dass die Serie Fiktion ist. So ein Disclaimer wurde nun tatsächlich nachgereicht.

Hier liegt auch der Stolperstein der fünften Staffel begraben. Ungleich des früheren grundoptimistischen Tons sind die 90er ein Abgrund existenziellen Grauens. Wie eine kaputte Schallplatte klängen die Beschwerden von Diana, einsam und isoliert zu sein, so die Queen. Doch wie eine kaputte Schallplatte wirken auch grobe Abschnitte der Serie. Es ist Segen und Fluch, dass diese Zeitperiode so gut dokumentiert ist. Denn so sieht man vieles zum wiederholten Mal, werden schlafende Hunde erneut geweckt.

Ebenso verliert sich Morgan immer wieder in seinem Handlungsbogen, widmet etwa eine ganze Folge der Vorgeschichte der al-Fayeds, oder den toten Cousins aus Russland, den Romanows. Ebenso übersättigt ist die Dichte an Cameos und Flashbacks zu vergangenen Zeiten und Darstellern. Hier wird Nostalgie betrieben, unter anderem der Gram über die gescheiterte Romanze von Prinzessin Margaret (Lesley Manville) und Peter Townsend neu ausgegraben.

Unstabile Diana

Das soll aber nicht heißen, dass "The Crown" nicht nach wie vor noch begeistern kann. Imelda Staunton, Dominic West und Elizabeth Debicki beweisen, dass sich auch die neueste Generation der "The Crown"-Darsteller nicht verstecken muss. Wobei die große Entdeckung der Serie Mohamed-al-Fayed-Darsteller Salim Daw ist, der seine Rolle mit der perfekten Mischung aus Kauzigkeit und eiserner Kälte anlegt.

Ebenso traut sich Morgan, ein oft naives, egoistisches Porträt von Diana zu zeichnen, die sich blind in eine PR-Katastrophe stürzte. Man gebe hier einer sehr verletzten und unstabilen Frau eine Plattform, äußert sich BBC-Generaldirektor John Birt über das Bashir-Interview unsicher. Ebenso hart wie auch mitfühlend geht die Serie mit Charles um, der zwar nach wie vor arrogant und wehleidig klingt, aber eben auch der Erneuerer ist, der immer zurückgepfiffen wird.

Im Hinblick auf den Tod der Queen ist es aber vor allem ihr Vermächtnis, dem man sich kaum entziehen kann. Wie wird ihr Erbe die Dauer der Zeit überstehen? "Wir haben unsere moderne Monarchie bekommen, nur nicht auf die Art, wie wir erhofft hatten", meint Charles in Hinblick auf die Skandale. "Niemals beschweren, niemals erklären" scheint ausgedient in einem Zeitalter der Yellow Press und zigfachen TV-Kanäle. "Sogar die Fernseher sind Metaphern an diesem Ort", so die Queen meta-ironisch, als Enkel William (Senan West) ihr Kabelfernsehen installiert.

Wir, die Zuschauer, sind Teil dieser Analogie, sichern uns abermals einen Platz in der ersten Reihe der royalen Dramen. Der Kampf um die Deutungshoheit geht weiter, und erstmals fühlt man sich bei der Serie weniger als ein Interessent der Zeitgeschichte, sondern wie ein Voyeur.