Es war im Februar 2011, als ein bis dahin eher nur Nerds bekanntes Soziales Medium schlagartig ins Rampenlicht geriet. Der Volksaufstand gegen den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ging zwar als "Facebook-Revolution" in die Geschichte ein, weil sich die vor allem jungen Aufständischen erstmals überwiegend über dieses damals schon etablierte Soziale Medium mobilisierten. Aber für Twitter, damals noch so quasi der kleine Bruder von Facebook, war der Arabische Frühling der erste große Auftritt. Kommunikation im und über den Aufstand kam über den Kurznachrichtendienst, eine völlig neue, extrem unmittelbare Erfahrung. Eine Innovation der Nachrichtenvermittlung, die in ihrer Direktheit beispiellos war und ganz neue Möglichkeiten eröffnete.

Panzer in Echtzeit

Damals glaubte man noch, das wäre etwas Gutes, etwas Zukunftsweisendes. Letzteres war es zweifellos, Ersteres nicht ausnahmslos. Und elf Jahre später, es war wieder im Februar, konnte man erneut etwas erstmals auf Twitter verfolgen: den Ausbruch eines Krieges, den Angriff Russlands auf die Ukraine. Panzer, die man in Echtzeit begleitet, Bilder von zerstörten Städten, die User Minuten zuvor hochgeladen haben. Doch eines hatte sich geändert: Nun war klar, dass es nicht lange dauern würde, bis man nicht mehr unterscheiden würde können zwischen echten Nachrichten und Propaganda. Denn nicht zuletzt Twitter hatte es auch möglich gemacht, dass man hier einen Krieg auf den Sozialen Medien führt. In der Zwischenzeit hatte Twitter nämlich seine Unschuld verloren.

Es ist deshalb ein bisschen kurios, dass so viele nun beklagen, dass die Übernahme durch den Multimilliardär Elon Musk die freie Meinungsäußerung auf Twitter gefährden werde. Denn eine solche hat es dort schon lang nicht mehr gegeben. Natürlich, sie wurde nicht so plakativ beschnitten wie am Wochenende, als der hochgradig humorlose Musk beschloss, alle Konten, die sich als jemand anderer ausgeben und nicht explizit als Parodie gekennzeichnt sind, zu suspendieren. Es ist auch keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn man für ein blaues Hakerl, das den Prominentenstatus verifiziert, 8 US-Dollar verlangt. Es ist halt einfach nicht mehr gratis, und das Recht auf Etwas-gratis-Haben steht nicht einmal in der Twitter-Verfassung, die sich manche Nutzer zusammenträumen.

Man könnte sogar von einer Demokratisierung ausgehen, wenn dieses Hakerl nun allen zugänglich ist und nicht mehr wie ein geisterhafter Ritterschlag nach wenig nachvollziehbaren Kriterien vergeben wird. Dass es so nicht kommen wird, zeigt allerdings die ermüdende Erfahrung mit Sozialen Medien: Wahrscheinlich werden sich halbseidene Accounts eine Authentizität kaufen, mit der sich allerhand womöglich gefährlicher Unfug treiben lässt. Aber die neuesten Pläne von Musk - ohne Gewähr, sie können sich bei ihm bekanntlich im Stundentakt ändern - deuten freilich in eine noch konsequentere Richtung. Er will nun nämlich nach einem Gratiszeitraum überhaupt eine Art Abogebühr von allen Twitter-Nutzern verlangen.

Damit wird er eine überwiegende Mehrzahl der Kunden verlieren - viele verlassen die Plattform ja schon jetzt unter großem Abschiedsgetöse - und seine 44-Milliarden-Dollar-Investition somit gepflegt zu Grabe tragen. Und wäre man polemisch, könnte man sagen: Das ist gut so. Wäre man noch polemischer, könnte man sagen: War ja auch höchste Zeit. Und dafür gibt es viele Gründe.

Einer davon ist, dass Twitter ein toxischer Ort ist. Ein Ort, an dem bei vielen die Hemmungen, die einem die gute Erziehung und der Anstand gebieten, reflexhaft fallen. Der sogenannte Internet-Mob fühlt sich besonders wohl in diesem Biotop, in dem das schnelle Urteil ein bequemes Ventil ist. Das Wort Shitstorm wurde nachgerade für Twitter erfunden - schon 2013 wurde es in den Duden aufgenommen. Im Extremfall führt der Hass im Netz zum versuchten oder geschafften Suizid von Opfern.

Alltäglich ist auf Twitter - in der österreichischen und in der deutschen Blase, wie man so schön sagt - auf den ersten Blick Harmloses: das beiläufige Heruntermachen, das hämische Lächerlichmachen, die moralische Anmaßung, das Verteufeln statt Zuhören im Echoraum der Meinungstrutzburg. In jüngster Zeit wird auf vereinzelte Stimmen der Vernunft, die darauf hinweisen, man könne doch vielleicht auch auf die Beleidigungen und Herabwürdigungen im Dialog verzichten, von selbstbewusst Uneinsichtigen geantwortet: Diejenigen, über die hier quasi im Vorbeigehen geredet, geurteilt, geschmäht werde, die hätten es ja nicht anders verdient.

Missverständnisse

Das ist Mittelalter-Mentalität. Dieser entmenschlichte Mangel an Differenzierung ist sicher auf gewisse Weise der ursprünglichen Begrenzung der geschriebenen Zeichen auf lediglich 140 geschuldet. Wenige Worte führen zu mehr Missverständnissen, ob unabsichtlich oder absichtlich. Vor fünf Jahren wurde die Menge verdoppelt, aber da hatte sich die dieserart eingeschränkte Geisteshaltung schon durchgesetzt.

Dass Twitter rechtschaffen reformbedürftig ist, ist schon lange klar. Nicht erst, seit man gerade noch rechtzeitig, bevor Ex-US-Präsident Donald Trump dort zum Bürgerkrieg aufrufen konnte, seinen Account dann doch einmal gesperrt hat. Der Umgang mit Hass und mit Fake-News überfordert die Verantwortlichen aller Sozialen Medien. Dass sich das auf Twitter ändern oder gar bessern wird, ist unwahrscheinlich, waren doch ein Großteil jener Mitarbeiter, die Musk in einem ersten Schritt gekündigt hat, solche, die für das Monitoring von Tweets zuständig waren.

Kampf gegen Fake

Auch dem Nachrichtenwesen hat Twitter - anders als einst im Arabischen Frühling erwartet - keinen durchwegs guten Dienst erwiesen. Als Journalistin kommt man um Twitter als Handwerkzeug ähnlich einer Nachrichtenagentur nicht herum. Man ist vor allem damit beschäftigt, die permanent aufwallenden Aufregungswogen zu filtern und abzuwägen, um nicht dem an Relevanz meist armen Genre des Empörungsjournalismus Vorschub zu leisten. Natürlich ist die rasche, unmittelbare Meldung etwa von Kriegsberichterstattern oder die schnelle Info, dass gerade irgendwo etwas Gefährliches passiert, nach wie vor von großem Wert. Niemals war es aber wichtiger, all diese Informationen auch genau zu prüfen.

Denn eines hat Twitter über die Jahre gezeigt: dass es eben nicht als alleiniges Nachrichtenmedium taugt, und dass es den professionellen Journalismus als Gatekeeper nach wie vor dringend braucht.