Ich habe einen Freund hier in Berlin; viele Freunde habe ich nicht - ich gelte als schwierig. Mein Freund ist Brite und war Mitarbeiter eines US-Geheimdienstes in Berlin. Er war das, was man einen wesentlichen Informanten nennt. Ich war seine Unterhaltung. Heute unterhalten wir uns beide etwa darüber, ob den Deutschen generell zu trauen sei. Und ob diese nicht wieder aus "German Angst" heraus die Welt besiegen und knechten wollen.

Ein Grund, warum mein Brite den Deutschen traut, ist die Presse im Land. Und das Feuilleton, das Debatten anstößt und so zu einem öffentlichen Diskurs beiträgt, der den Edelfederturm der Schreibstuben in Frankfurt, München, Hamburg, Leipzig und Berlin verlässt und danach über Diskussionssendungen öffentlich-rechtlicher Sender auch das Volk erreicht. So einen starken Feuilletonismus, sagt mein Brite, gebe es in London nur gering, in Paris ersetzen Sender wie Arte das Feuilleton und in den USA finde ein schwergewichtiges Feuilleton nur an der Ostküste statt. Mein Brite sagt: Die Deutschen, einst weltverbrennende Barbaren, sind auch aufgrund ihrer tief feuilletonistischen Debatten wieder das Land der Dichter und Denker geworden.

Nur mehr ein Abklatsch

Wie ist das bei euch in Österreich, fragt mich mein Brite? Mit dem Feuilleton? Ich seufze tief. Und sage mal nichts.

Dann sage ich, dass er nicht vergessen solle, dass das deutsche Feuilleton in der Zeit zwischen den beiden großen Weltkriegen von Frankfurt und nach 1933 kurze Zeit von Prag aus tätig war - und dass es damals erst im Eigentlichen entstand. Und dass dieses damals schon brillante Feuilleton nicht verhindern konnte, dass man seine Schreiber und Autoren, nicht nur die jüdischen, nach 1938 endgültig vertrieb und dann internierte, erschlug, aufknüpfte, vergaste oder in Lagern verhungern ließ. All das Dichten und Denken hat die Welt nicht vor der Barbarei Hitlers und seines Volkes bewahrt. Er solle also dem Feuilleton nicht zu viel Macht über den Diskurs zumuten.

Zum österreichischen Feuilleton fällt mir nichts ein. Ich kann ihm darob nichts berichten. Gibt es ein solches? Ja. Und nein. Nein. Und trotzdem.

Es gibt Versuche. Der beste dieser Versuche erscheint in Wien in dem Medium, das Sie gerade lesen und das der Republik gehört. Ist es frei in der Entscheidung der Themenwahl? Das ist es wohl. Erscheint anderswo ein nennenswertes Feuilleton? Ja, die bürgerliche Tageszeitung "Die Presse", deren Chefredakteur jetzt gehen musste, weil er seine Pläne, ORF-Generalintendant zu werden, allzu leutselig intellektuell eher beschränkten Personen verklickerte; dieses bürgerliche Leitmedium, das seit jeher von Einflüssen konservativer Politiker behelligt wird, unterhält ein sehr kleines, aber augenscheinlich freies Feuilleton. Alle anderen, auch der linksliberale "Standard", veröffentlichen unter Feuilleton eher den Abklatsch eines solchen - wenn man jene Blattteile mit jenen vergleicht, die in München, Frankfurt und Berlin erscheinen.

Zu dumm?

Warum ist das so? Sind die Österreicher zu dumm für ein Feuilleton? Oder entspricht erwachsener Diskurs schlicht nicht der Mentalität der Österreicher?

Selbstredend sind die Österreicherinnen und Österreicher klug genug für Feuilleton und Diskurs. Sollten Diskurse nennenswert und in der öffentlichen Aufmerksamkeit wirksam werden - also so, dass die Artikel in anderen Medien diskutiert werden und ihren Fortlauf finden, ihre Bestätigung wie Entgegnung -; sollten Diskurse also als solche erkannt und geführt werden, so werden das viele Bürgerinnen und Bürger als Teil eines emanzipierten Bürgertums erkennen. Das ist aber nicht so, weil die Österreicherinnen und Österreicher echten Diskurs gar nicht mehr kennen. Und das ist deswegen so, weil die Bevölkerung eher das G’schichtl favorisiert als die Geschichte hinter dem G’schichtl. Es ist also eine Mentalitätssache.

Alles für den Hugo

Um so wichtiger ist es, in Österreich ein Feuilleton zu installieren, das deutsches Niveau hat, ohne auch nur eine Sekunde ein deutsches Feuilleton werden zu wollen. Immerhin pflegt man in Wien eine ausführlichere, wortreichere Sprache, die dem in Deutschland eingesetzten Deutsch in Niveau und Ausdruck überlegen ist. Nur ist das, auf gut Wienerisch gesagt, für den Hugo, wenn die Leute in ihrer Infantilität gefangen sein wollen.

Aber ist das tatsächlich so? Wollen die Österreicher und vor allem die Wiener wirklich immer infantile Diskurse führen? Wenn sie nichts anderes kennen, nirgendwo anderes lesen, nie auch richtig Klartext reingesemmelt bekommen, dann ist das nicht nur so, sondern wird so bleiben.

Dazu muss man auch das österreichische Bürgertum in die Verantwortung nehmen, das wie nirgendwo sonst in Europa immer noch der Monarchie und deren Titel- und Geltungssucht nachhängt und Personen wählt, die sich bürgerlich geben, aber die Werte des Bürgertums mit Füßen treten. Das österreichische Bürgertum sollte aber nicht die Monarchie vermissen, was hundertvier Jahre nach deren Untergang nur mehr absurd ist, sondern das Fehlen des ermordeten, für den Diskurs so wichtigen jüdischen Bürgertums beklagen. Aber Moment: Haben die Deutschen ihre jüdischen Feuilletonisten nicht auch ermordet?

Ja, haben sie. Aber viele, die überlebten, sind in das Land der Mörder ihrer Verwandtschaft zurückgekommen, etwa Marcel Reich-Ranicki. Man hat sie nicht willkommen geheißen, aber man hat ihnen jene Möglichkeiten, frei zu arbeiten, zurückgegeben, die sie schon in Weimar vorfanden. Und sie kamen der Liebe zur Sprache wegen. Und deswegen, weil hier in Deutschland Geschichten geschrieben werden. Und keine "G’schichtln einedruckt", wie man im schönen, aber im Unbewussten lebenden Wien so treffend formuliert.

"Jedes Mal, wenn ich aus Berlin wieder runter nach Wien komme, "antworte ich jetzt meinem Briten auf die Frage nach Feuilleton und Diskurs in Österreich, "dann habe ich das Gefühl in einen Kindergarten zurückzukommen." Und jetzt werde ich auch laut. "Ich habe es sooo satt", sage ich ihm, "dass die Bevölkerung eines derart schönen und erfolgreichen Landes freiwillig so verdummt. Und ich habe es sooo satt, dass die Medien meines Mutterlandes kein so richtig wertvolles, österreichisches Feuilleton schreiben und gestalten wollen. Ja, Ausnahmen gibt es, aber die fesselt man an die Politik, wo sie verhungern sollen. Österreich hatte und hat mit dem inzwischen alten Franz Schuh einen exzellenten Feuilletonisten. Hat ihm eine österreichische Tageszeitung je die Leitung eines Feuilletons angeboten?"

"Weiß ich doch nicht", sagt mein Brite. "Aber ich weiß es", schreie ich fast wütend: "Nein, hat man nie!"

Epilog: In einem erwachsenen Land wäre dieser Beitrag jetzt wahrscheinlich der Start eines Diskurses, der Bejahung, aber auch fulminante Ablehnung zur Folge hätte. Aber das wird nicht geschehen, weil die österreichischen Journalisten oft nur ihre eigenen Geschichten lesen (ja, es gibt Ausnahmen). Das liest man raus. Aber das ist eine eigene Geschichte, die man in Wien vielleicht auch mal lesen wird. Lesen wollen wird man sie nicht.