Debatten im Netz entgleiten, gezielte Desinformation, Hass und Hypersensibilität verunmöglichen konstruktiven Austausch. Für Bernhard Pörksen sind das im besten Fall Auswüchse einer digitalen Pubertät. Ein Gespräch am Rande des Philosophicum Lech über aktuelle Erregungsbewirtschaftung, überhitzte Kommunikation und warum Digital Detox keine Lösung ist.

"Wiener Zeitung": Sie attestieren der digitalisierten Welt einen kommunikativen Klimawandel. Wo stehen wir da?

Bernhard Pörksen: Wir stehen in der Übergangsphase einer Medienrevolution, die durch ein Paradox charakterisiert ist: Auf der einen Seite eine gigantische Öffnung des kommunikativen Raumes. Jeder kann sich zuschalten, selbst zum Sender werden. Das ist eigentlich eine großartige Nachricht; wir, die man früher das Publikum genannt hat, sind medienmächtig geworden. Und auf der anderen Seite gibt es eine totale Vermachtung des öffentlich Raumes. Ganz wenige häufen ungeheure Reichtümer an. 2022 wird das erste Jahr sein, in dem nur drei Digitalunternehmen - Google, Meta und Amazon - mehr als 50 Prozent aller Werbeeinnahmen weltweit für sich verbuchen können. Das ist die Situation, die wir strukturell erleben.

Bernhard Pörksenist Medienwissenschafter an der Uni Tübingen. Zuletzt erschien von ihm: "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" sowie mit Friedemann Schulz von Thun: "Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik". - © Peter-Andreas Hassiepen
Bernhard Pörksenist Medienwissenschafter an der Uni Tübingen. Zuletzt erschien von ihm: "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" sowie mit Friedemann Schulz von Thun: "Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik". - © Peter-Andreas Hassiepen

Und jenseits der Struktur?

Atmosphärisch existieren wir - schon aufgrund des permanenten Aufeinanderprallens unterschiedlicher Ideologien, Perspektiven und Standpunkte - in einem Zustand der großen Gereiztheit, sind konfrontiert mit einer Überdosis Weltgeschehen, sehen zu viel, zu schnell, zu direkt und das alles auf einem einzigen Kommunikationskanal. Das Banale, das Bestialische, das Berührende.

Generell gibt es also erfreulich mehr öffentlichen Raum. Wo wird diese gute Nachricht zu einer schlechten?

Wir erleben den Aufstieg von populistischen Gruppierungen in ganz Europa und darüber hinaus. Wir sind konfrontiert mit Großkrisen - von der Pandemie bis zum Klimawandel und dem Ukrainekrieg. Wir erleben eine multiple Krisenverdichtung, die eines unbedingt nötig macht: transnationale Kooperation und kollektive Strategiebildung von Gesellschaften. Und genau diese Prozesse der Konsens-Bildung werden geschwächt und blockiert durch die populistische Dissens-Produktion, durch Desinformation, Spektakelpolarisierung und eine rein ökonomisch begründete Erregungsbewirtschaftung, die zu einer Überhitzung des Kommunikationsklimas führt. Die Strategiefähigkeit ganzer Gesellschaften wird so unterminiert - mit gewaltigen Folgekosten.

Warum scheitert in Sozialen Netzen selbstregulierende Schwarmklugheit?

Die ersten Sozialen Netzwerke wie The Well haben ganz gut funktioniert. Man kann an diesen Onlinegemeinschaften der ersten Stunde studieren, was heute schief läuft, welche falschen Abzweigungen man genommen hat. Was haben die Computer-Hippies von damals anders gemacht? Es gab eine sehr entschiedene Moderation, um sogenannte flame wars, eine Frühform des Shitstorm, einzuhegen. Die frühen Online-Gemeinschaften waren überdies nie größer als 15.000 Mitglieder. Man setzte darüber hinaus auch auf die direkte Begegnung, sogenannte flesh meets, Feste in der analogen Welt. Es existierte eine gewisse kulturelle Homogenität, aber vor allem setzte man auf ein anderes Finanzierungsmodell, nämlich in Form von Abonnements der Mitglieder. Es gab also keine Werbung, kein Datamining, keine Verwandlung des Users in ein Objekt der Ausspähung, um dann dessen Sehnsüchte und Wünsche meistbietend an die Werbeindustrie zu verkaufen.

Also ist das Geld Schuld?

Jedenfalls ist eines sehr sicher: Eine Änderung der Finanzierung - weg von der Werbefinanzierung hin zu einem Abomodell - würde unser Kommunikationsklima radikal sehr schnell verändern. Wir versuchen ja derzeit unsere demokratischen Diskurse in einem Universum, das total kommerzialisiert ist, zu organisieren. Das bedeutet: Man hat es mit Fehlanreizen zu tun, gegen, die man selbst im besten Bemühen rational zu argumentieren, nicht ankommt.

Die jüngsten Meinungsblasen bilden sich in geschlossenen Räumen wie Telegram, sind selbst gewählt statt algorithmisch gebaut. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Eine zwiespältige. Einerseits verabreden sich hier radikale Gruppen, stacheln sich auf. Aber solche Plattformen sind aktuell im russischen Angriffskrieg essenziell, um Mensch etwa in der Ukraine noch zu ermöglichen, mit ihren Familien in Russland in Kontakt zu bleiben und sie mit der Wahrheit des Krieges zu konfrontieren. Medientechnologie an sich ist ja weder gut, noch böse, noch neutral, hat der Technologiehistoriker Melvin Kranzberg einmal gesagt. Ich würde hinzufügen: Sie wirkt verschärfend - und zwar entlang der Zwecke und Ziele, die wir haben. Und diese Zwecke und Ziele sind es, die gut oder böse sein können. Es können sich Menschen treffen und vernetzen, die an einer seltenen Krankheit leiden und einander Halt geben. Aber auch die Giftzwerge des Universums sind nun in der Lage, sich in ihren Selbstbestätigungsmilieus zu versammeln.

Zerfallen Öffentlichkeit und Information damit in parallele Mikroblasen?

So extrem würde ich nicht argumentieren. Aber durchaus mit Jürgen Habermas darauf verweisen, dass hier die Kraft verloren geht, einen Fokus zu bilden. Die zentrierende Geste verliert an Einfluss, das Leuchturm-Prinzip Öffentlichkeit wankt. Aber das Problem des Rückzuges in ein Selbstbestätigungsmilieu würde ich anders beschreiben. Wir können uns in unsere eigene Wirklichkeitsblase hinein googeln, ja; wir können uns einigeln, aber unter vernetzten Bedingungen der Konfrontation mit anderen Meinungen nicht ausweichen. Positive Filtersouveränität ist möglich, negative nicht. Die Folge ist der permanente Filterclash, das Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten. Eben das macht gereizt, produziert die Stimmungslage eines fragilen Fundamentalismus.

Was macht das mit einer Gesellschaft?

Die Gefahr ist, dass demokratische Gesellschaften ihre Strategiefähigkeit verlieren. Diese setzt ja wesentlich auf funktionierenden Diskurs. Es regiert dann, befeuert durch Desinformation oder das Nonsens-Spektakel des Moments, eine Art Kult der Kurzfristigkeit, es fehlt die lange Linie des Denkens und der Konzeptbildung. Doch genau die bräuchte es im Umgang mit den Krisen der Gegenwart.

Woher kommt der Rückzug in immer kleinere digitale Räume?

Er resultiert aus der menschlichen Bestätigungssehnsucht. Und die gegenwärtigen Medienbedingungen erlauben etwas, was man eine Entfesselung des Bestätigungsdenkens nennen könnte. Man kann sich genau die Gruppe suchen, die die eigenen Ansichten bestätigt, aber kann eben den anderen Auffassungen doch nicht ausweichen. Aber diese Sehnsucht nach Rückzug resultiert auch aus einem Zusammenspiel von Ereignis- und Vernetzungseffekten. Krieg, nukleare Bedrohung, Klimakrise, Pandemie - wir sehen all dies sehr unmittelbar auf einem Kommunikationskanal. Da macht sich dann Nachrichtenmüdigkeit breit, aber es wird auch ein Digital-Detox-Spießertum populär, das sich vollkommen ausklinkt.

Digital Detox ist also keine Lösung?

Nein. Für mich geht es um ein Ringen um Weltzuwendung und Weltabwendung und das richtige Maß aus Kontemplation und Partizipation auf dem Weg zu engagierter Zeitgenossenschaft. Um es mit dem Publizisten Nils Minkmar zu formulieren: Es gibt kein Recht auf ein von der Geschichte unbelästigtes Leben.

Im besten Fall erleben wir die Neuorganisation der Information. Wie könnten da sinnvolle Strukturen aussehen?

Idealerweise ist dies alles eine Übergangsphase im Prozess einer Medienrevolution, eine digitale Pubertät vernetzter Gesellschaften, aus der wir - nach den Exzessen, der Verwundung, dem Stierblick auf die letzten Dinge - gut heraus gelangen. Das Problem ist jedoch: Offene Gesellschaften haben im Umgang mit den Mächten der Desinformation viel zu lange eine eigentümliche normative Mutlosigkeit gepflegt. Sie haben die Fragmentierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes viel zu leichtfertig geschehen lassen, ohne mit der nötigen Entschiedenheit auf eine Neuorganisation der Informationswelt zu drängen.

Wie kommen wir da wieder heraus?

Pessimismus ist Zeitverschwendung, muss ich mir gelegentlich selbstkritisch zurufen. Mir selbst helfen Schlüsselerlebnisse der Ermutigung, die zeigen, dass kulturelles Lernen gelingen kann. Mir machen Initiativen von Journalistinnen und Journalisten Hoffnung, die in die Schulen gehen, den Umgang mit Desinformation unterrichten, das Erkennen von Fake-News trainieren. Die Transformation des Bildungssystems über neuartige Lehrpläne oder eigene Fächer dauert zu lange, scheint mir. Nötig wäre eine Graswurzelbewegung zur Stärkung der Medienmündigkeit, die aus dem Journalismus kommt. Denn in den Idealen und Maximen des guten Journalismus - Quellen hinterfragen, die Gegenseite hören, sich an Relevanz und Proportionalität orientieren - liegt eine Ethik für die Allgemeinheit, davon bin ich überzeugt.

In Zeiten von Hass und Hypersensibiltät kein leichtes Unterfangen - nicht einmal für Journalistinnen.

Vorsicht, Hass und Hypersensibilität - das ist mitnichten schon das ganze Bild der aktuellen Kommunikation. Wir leben, kommunikationsanalytisch betrachtet, in einer Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten. Es gibt unerträglich viel Hass und manchmal eine übertrieben wirkende, bloß moralisierende Hypersensibiltät. Aber es gibt in Unternehmen, Redaktionen oder Universitäten längst auch ein Bemühen um den wertschätzenden Austausch und den wirklichen Dialog. Kurzum: Es gilt, die Hater als die kleine boshafte Minderheit darstellen, die sie empirisch gesehen sind. Man sollte nicht zulassen, dass die Beschreibung der Kommunikationsrealität von den Rändern her bestimmt wird.