Für viele erwachsene Comic-Fans sind "Clever & Smart" eine Kindheitserinnerung. Die großformatigen Comic-Alben prägten in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine ganze Generation von heranwachsenden Comic-Fans mit ihrem schrägen Humor, ihrem aberwitzigen Slapstick und ihren herrlich tollpatschigen Aktionen. Ihre Figuren vom Verkleidungskünstler Fred Clever, dem jähzornigen Agenten Jeff Smart über "den Boss" Mister L und den verrückten Wissenschafter Dr. Bakterius wurden zum Kult.

Vor genau 50 Jahren, Ende 1972, erschien das erste Heft der spanischen Comic-Reihe auf Deutsch. "Die Asphalt-Safari" (im Original die Nummer 3) war das erste Heft, dem viele, teilweise in mehreren Auflagen bis zur Einstellung der Reihe in den Nullerjahren folgen sollten. Wie viele Hefte in Deutschland verkauft wurden, weiß heute keiner mehr so genau. Schätzungen gehen von bis zu 50 Millionen Alben aus, die über den Ladentisch in ungeduldige Teenager- und verschämte Erwachsenen-Hände gelangten. Nur um kurze Zeit später den neuen Besitzer in lautes Wiehern ausbrechen zu lassen.

Francisco Ibáñez im Selbstporträt. Der Zeichner taucht immer wieder in den Comics auf. - © Francisco Ibáñez / Carlsen Verlag
Francisco Ibáñez im Selbstporträt. Der Zeichner taucht immer wieder in den Comics auf. - © Francisco Ibáñez / Carlsen Verlag

Es ist kein subtiler Humor, der hier auf den Leser einprasselt. Hier wird nicht mit dem humoristischen Florett, sondern mit dem Vorschlaghammer agiert. Und zwar sprichwörtlich. Die beiden Geheimagenten Clever & Smart starten in fast jedem Heft eine unglaubliche Serie an Pleiten, Pech und Pannen. Sei es durch Unvermögen, den überzogenen Ansprüchen ihres Bosses Mr. L, den irren Erfindungen von Dr. Bakterius, die sie testen müssen: Am Ende müssen Fred Clever und Jeff Smart es stets körperlich ausbaden. Sie fallen von Klippen, werden in die Luft geschossen, geplättet, geteilt oder sonst wie verletzt. Und das alles zur Empörung von Mr. L, der allzu oft ebenso daran glauben muss.

In der Regel endet jeder Handlungsstrang damit, dass ein bis an die Zähne bewaffneter Mr. L die beiden Agenten suchen geht, die sich wieder einmal in einer von Freds Verkleidungen getarnt haben. Nur ganz selten endet ein Heft harmonisch, etwa in einer Weihnachtsedition, in der die Belegschaft am üppig mit einem Sauschädel gedeckten Tisch ein Weihnachtslied anstimmt: "Oh Du fröhliche, oh Du selige, Schweinskopf bringende Weihnachtszeit. Wir sind erschienen, uns zu bedienen . . .", heißt es da im Text.

Ein Schenkelklopfer

Und das soll lustig sein? Ja, das ist es. Es ist sogar ein echter Schenkelklopfer. Die vielen Fans der Hefte warten schon mit Vorfreude darauf, was Clever & Smart diesmal wieder passiert. Denn was Donald Duck als sympathischer Pechvogel in den Disney-Geschichten erlebt, erleiden Clever & Smart in vielfacher Hinsicht. Dieses Motiv wird potenziert und das macht die beiden einfach grundsympathisch. Steffen Haubner, Textredakteur der Neuauflage im Carlsen Verlag, bringt es auch den Punkt: "Der Unterschied zur permanenten Selbstdarstellung auf der einen und der ätzenden Häme auf der anderen Seite, die heute millionenfach die sozialen Medien überfluten: Wenn Fred Clever und Jeff Smart von einem Unheil ins nächste stolpern, dann tun sie das stellvertretend für uns." Dass das Schicksal einem mitunter die perfidesten Fallen stellt, ist eine Erfahrung, die schließlich jeder schon einmal gemacht hat. Clever & Smart finden sich somit in der mehr als zwei Jahrtausende alten Tradition der Katharsis der griechischen Tragödie.

Bis zur Einstellung der deutschen Veröffentlichungen in den Nullerjahren im Condor und ConPart Verlag sind bis zu 450 unterschiedliche Hefte erschienen, manche Alben sogar in drei oder mehr Auflagen. Da man sich über die Rechte am neuen Material nicht einig werden konnte, erschien ab einem gewissen Zeitpunkt immer nur altes Material in neuer Auflage. Das macht Veröffentlichungsgeschichte der bis dato 219 Original-Alben zum reinsten Chaos.

Das alles änderte sich 2018, als der Carlsen-Verlag sich an eine Neupublikation machte. Nicht nur werden alle Alben beginnend mit der Nummer 1 neu veröffentlicht, auch das neue, im deutschsprachigen Raum bislang unveröffentlichte Material kommt als Sonderband heraus. Zudem wird eine neue Kolorierung verwendet und die Übersetzung näher am Original gehalten, was aber den einen oder anderen guten Gag, den die deutschen Redakteure um Wolfgang M. Biehler dazugetextet hatten, leider verloren gehen lässt. Authentischer ist das jedenfalls. Und die Haptik der Carlsen-Hefte ist über jeden Zweifel erhaben.

Höchste Zeit also, den genialen Schöpfer des "Clever & Smart"-Kosmos vor den Vorhang zu bitten: Seit 1958 zeichnet der spanische Künstler Francisco Ibáñez die Reihe, die im Original "Mortadelo y Filemón" heißt. Zuerst eine Parodie auf Sherlock Holmes, später, der eigentliche Beginn der Erfolgsgeschichte, auf James Bond, eroberten "Mortadelo y Filemón" den spanischen Markt in millionenfacher Auflage. Ibáñez (Jahrgang 1936) ist trotz seines Alters noch aktiv. Soeben erschien ein neues Heft zur Fußball WM in Katar. Aus seiner Feder stammen auch "Tom Tiger + Co.", "Mein Gott Walter", "Fischstraße 13" und "Die Trixer". Seine Hefte erscheinen in mehr als 35 Ländern.

Er selbst schreibt sich manchmal eine kleine Rolle in den Comics oder durchbricht als Zeichner die vierte Wand. Sein Markenzeichen sind kleine Kuriositäten in den Bildern: Sei es ein Dinosaurier, der von einem Hochhaus abbeißt, ein durch die Stadt hoppelnder Wal oder die kultige Ibáñez-Spinne - ein schwarzer Punkt mit sechs Beinen - die von der Decke hängend Geige spielt. In Zimmerecken finden sich manchmal Auberginen, oft greifen diese auch in die Geschichte ein, als Schlagwaffe oder Wurfgeschoss. Ebenso gehören Zigarettenstummel zu jedem Bild.

Die Fantasie des Zeichners erwies sich manchmal gar als prophetisch: So erschien im Heft "El 35 Aniversario" (1993) ein Flugzeug, das rauchend in einem der Zwillingstürme des World Trade Centers steckt. Acht Jahre vor 9/11. Im Heft "Die V-Grippe" (2010) traf die Figuren eine Virus-Pandemie. Bei den Simpsons würde man da schon Wissen eines Zeitreisenden vermuten.