Vom Metaverse zu reden ist nicht schwer, es mit Sinn zu füllen hingegen sehr. Doch kaum kam der Begriff des neuen digitalen Universums als neue Spielwiese für die großen Internetkonzerne auf, finden sich auf einmal an allen Ecken der unendlichen, virtuellen Weiten Avatare.

Jahrzehntelang waren digitale Abbilder ein reines Nischenprodukt, weit weg von dem Durchbruch, den man ihnen vorhergesagt hatte. Doch nun soll die Zeit reif sein. Die Zukunft soll den Avataren gehören.

Shudu als Vorreiterin

Nutzer des sozialen Netzwerks Instagram werden vermutlich schon einmal über Shudu Gram gestolpert sein. Immerhin hat sie nicht nur eine große Fangemeinde, sie hat auch ein aufregendes Modelleben, erlebt ständig coole Abenteuer in New York und Paris und arbeitet für einige der größten Modemarken der Welt. Shudu besteht jedoch nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Codezeilen. Sie ist eine computergenerierte Social-Media-Persönlichkeit, ein Model und ein "virtueller Influencer" - also eine Werbebotschafterin im Internet und wurde im April 2017 von dem Modefotografen Cameron-James Wilson kreiert. Sie ist eine der "Diigitals", "der weltweit ersten rein digitalen Modelagentur" und somit ein großer Teil der Zukunft der Kreativwirtschaft. Den menschlichen Models und Influencern droht also ernsthafte digitale Konkurrenz.

Neben Shudu finden sich Nobody Sausage, Lil Miquela und unzählige andere beliebte Creator und Influencer, die eigentlich animierte Charaktere sind, in den sozialen Medien. Es ist kein neues Phänomen - die Figur Hatsune Miku gibt schon seit Jahren Live-Konzerte, um nur ein Beispiel zu nennen -, aber nun wächst es schnell in allen sozialen Medien. Doch nicht nur in dieser Model-Branche sollen die Avatare für große Veränderungen sorgen. Wer schon einmal die Bühnenshow von ABBA in London gesehen hat, der weiß, wie doch überraschend realistisch das Ergebnis ist und dass diese Technologie in einigen Jahren nicht mehr nur stationär für Unterhaltung sorgen wird, sondern auch Welttourneen von digitalen Künstlern möglich sein werden. Michael Jackson, The Beatles, The Who, Queen oder die Rolling Stones werden womöglich in absehbarer Zeit als digitale Kopien auf Tournee gehen. Ob die Konzertkarten dann auch entsprechend billiger werden, ist nicht bekannt. "Die Übernahme virtueller Elemente, die heute auf Plattformen wie Second-Life verbreitet sind, werden künftig mehr Kunden zum Kauf in Online-Shops bewegen." Diese Aussage ist aus dem Jahr 2009 und illustriert eindrucksvoll, wie sehr man scheitern kann, und zeigt zudem auch, wie vorsichtig man mit den Versprechungen des Metaverse umgehen muss.

Fakt ist aber, dass gerade Instagram eine virtuelle Werbewelt des Dauerkonsums und der Dauerberieselung geworden ist. Influencer oder Content-Creator ist wahrlich ein anstrengender Beruf, aber auch ungemein lukrativ. Und wie bei allen Werbemitteln, so sind auch diese mit großer Vorsicht zu genießen. Nichtsdestotrotz will man nicht mehr nur auf Gesichter aus Fleisch und Blut setzen.

Vom Leben, Lieben und Sterben

Nicht nur das (Konsumenten-)Leben soll sich durch Avatare verändern, auch die Film- und Spielebranche, das Liebesleben und sogar der Tod. Niemals alternde Models und Schauspieler, ganz gewöhnliche Menschen, die auf einmal als virtuelle Statisten mitspielen können. Wie immer ist natürlich auch die Erwachsenenunterhaltung vorne mit dabei und interessiert an den Avataren und deren möglichen Einsatzgebieten. Es zeigt sich nun auch deutlich, wie unterschiedliche Anwendungen zu einem großen Endprodukt verschmelzen: Virtuelle Realität (VR) samt entsprechenden VR-Brillen, Animationen und Scanner und Kameras, die es ermöglichen sollen, einen Menschen digital zu klonen. Für die Unterhaltungs- und Werbebranche ist natürlich interessant, dass sich die Avatare "from Scratch", also ohne Einschränkungen und von Anfang an, so erstellen und formen lassen, wie man es will. Die Biografie wird geschrieben, wie es zur Firmenphilosophie oder Werbelinie passt.

Wer nicht in Computerspielen auftreten und weiterleben will, auch für den gibt es schon Anwendungsmöglichkeiten von Avataren in der Zukunft. Wer sich zu Lebzeiten digital festhalten lässt, kann virtuell ewig leben und als lebensechte Projektion auch Jahre nach dem eigentlichen Tod in den Wohnzimmern der Freunde und Familien zum Weihnachten oder zu Geburtstagen gratulieren, kluge Tipps und weise Ratschläge geben. Und wenn die Verwandten einen doch nicht dabeihaben wollen, müssen sie nur den Aus-Schalter drücken.

Und was beim Menschen beginnt, muss ja nicht dort enden. Das Lieblingshaustier nicht mehr ausgestopft oder in der Urne zuhause, sondern als digitale Kopie, wieso nicht.