Prinz Harry mag Vögel. Seinem Sohn Archie sind sie wurscht. Das ist eine der Erkenntnisse, die die Netflix-Doku "Harry & Meghan" liefert. Aber das sind natürlich nicht die Inhalte, warum man diese Serie ansieht. Zumal der jüngste Sohn des amtierenden britischen Königs und seine Gemahlin in Sachen Drama schon einiges vorgelegt haben. Anfang 2020 beschlossen sie, im königlichen Familienunternehmen zu kündigen. Ein Jahr später gaben sie ein aufsehenerregendes Interview bei US-Talkstar Oprah Winfrey, in dem sie Vorwürfe - unter anderem Rassismus gegenüber Meghan - gegen die Royals erhoben.

Die ersten drei von sechs Folgen erzählen nun also einmal das Kennenlernen der beiden, mit herzerwärmenden Details, wie das Hundeohren-Filterfoto von Meghan, in das sich der Prinz verliebt hat, und Einblicken darin, wie man ein solches Großprojekt an Geheimaffäre, die auch noch Fernbeziehung ist, durchzieht. Biografische Blöcke erklären, wie die beiden zu den Menschen geworden sind, die sie heute sind.

Deals mit Kindern

Bei Harry spielt da vor allem sein Verlust der Mutter in einer ständig unter Beobachtung stehenden Kindheit eine Rolle. Ein bedrückender Ausschnitt zeigt, wie im Skiurlaub William und Harry sowie Prinz Andrews Töchter Beatrice und Eugenie ganz allein zu einem Fototermin durch den Schnee stapfen - Eugenie ist da höchstens vier Jahre alt, aber sie ist nicht das einzige Kind, dem man das Unwohlsein anmerkt. Denn das waren die vier damals: Kinder. Dieser Auftritt war einer der Versuche, Deals mit den Medien zu machen: Ihr bekommt dieses Foto, dann lasst uns in Ruhe. Harry stellt klar: Diese Deals haben nie funktioniert, weder in seiner Kindheit noch später. Tatsächlich wurde es schlimmer: Nachdem die Beziehung mit Meghan bekannt geworden war, wurde ihr Haus belagert und Nachbarn wurden dafür bezahlt, Kameras auf ihren Garten auszurichten. Neu ist das nicht, man erinnere sich nur an Oben-ohne-Fotos von Williams Frau Kate, die in deren Urlaub geschossen wurden - die sind freilich kein Thema hier. Obwohl Harry wohl solche Aktionen meint, wenn er sich beschwert, dass ihm Familienmitglieder gesagt hätten: Da müsse man durch, warum sollte es seiner Frau besser ergehen.

Zündelnde Medien

Und da wird die nachvollziehbarste Agenda der Doku deutlich. Harry gelang es nicht, seiner Familie zu erklären, dass es sich hier nicht um den üblichen Sensationsjournalismus handelt, sondern um Rassismus. Anders als im Oprah-Interview, in dem die beiden nur unkonkrete, anonyme Anschuldigungen erhoben, gelingt es dieser Doku besser, zu vermitteln, wie die britischen Medien bewusst mit strukturellem Rassismus zündeln. Wenn die britische Boulevard-Presse etwa erfand, dass Meghan aus dem Bandenkrieg-Vorort von L.A., Compton, stammt, stapelten sich rassistische Kommentare über "Megass" unter den Artikeln in den Sozialen Netzwerken, Harry wird mit Zielscheibe auf der Stirn als "Race Traitor" bezeichnet. Das führt zu einem Schneeballeffekt des Hasses, eine mediale Dynamik, die gesellschaftlich aber auch weit über das hinausgeht, was die königliche Familie unter Kontrolle bekommen könnte. Das ist ein Fehlschluss von Harry und Meghan.

Ein Textverweis zu Beginn macht klar, dass die Doku im August 2022 fertiggestellt wurde - also vor dem Tod der Queen. Es ist wohl ganz gut, dass sie nicht mehr erlebt, wie sie in einem Drei-Sekunden-Einspieler mit Marschmusik beiläufig mit Sklaverei in Verbindung gebracht wird. Für Diskussionen wird sicher auch noch sorgen, dass hier das Commonwealth als "Empire 2.0" bezeichnet wird.

Die Frage, warum das Paar, das sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte, hier intimste Details zeigt, wird in jenen Momenten halbwegs schlüssig beantwortet, wenn - passend zu Meghans Anwaltsserie "Suits" - ihre Nichte als "Glaubwürdigkeitszeugin" gegen deren eigene Mutter antritt, jene Halbschwester, die Unwahrheiten über Meghan verbreitet haben soll. Tatsächlich unverständlich ist, warum Ausschnitte des von der BBC erschlichenen, berüchtigten Interviews mit Diana gezeigt werden. Die BBC wollte es nicht mehr lizenzieren, dass ausgerechnet Harry es nochmal hervorkramt, erstaunt.

Über ihr Verlobungsinterview sagt Meghan abschätzig, es sei eine inszenierte Realityshow gewesen. Das in einer Sendung zu sagen, für deren Entstehung offenbar seit Anbeginn nichts dem Zufall überlassen wurde - der Einspieler eines Videotelefonats, in dem Meghan einer Freundin mitteilt, dass sie gleich den Antrag bekommt -, in der offenbar in jedem für eine spätere Dokumentation brauchbaren Moment ein Fotografierender anwesend war - etwa wenn Meghan sorgenvoll telefoniert - und für die die beiden im Moment des Abschieds aus der Royal Family mit einem Videotagebuch begonnen haben, ist dann doch ein bisschen heuchlerisch.