Es ist ein schmerzhaftes Thema: Was tun, wenn die Ballettkarriere zu Ende ist, wenn der Körper nicht mehr will, oder man aufgrund seines Alters keinen Job mehr findet? Letztgenanntes betrifft wohl vorwiegend Mitglieder des Ensembles und nicht die Stars der Ballettwelt. Sie tanzen, wie etwa Carla Fracci, bis ins betagte Alter, doch ist es dann ihr Ruf von Anno dazumal, der die Theaterhäuser füllt, und nicht mehr die technische oder darstellerische Bravour.

Mit vier Tänzerinnen und Tänzern hat der Kultursender arte in "Dance On! Zwischen Applaus und Abschied" dieses schwierige Thema der Tanzpension beziehungsweise des Abschieds von einer Berufung aufgearbeitet: Die Dokumentation - zu sehen bis 19. Dezember auf www.arte.tv/de - begleitet die Tänzer Friedemann Vogel (Erster Solist, Stuttgarter Ballett), Polina Semionova (Primaballerina, Staatsballett Berlin), William Moore (Erster Solist, Ballett Zürich) und Gesine Moog (zurzeit Tänzerin im Dance On Ensemble). Alle vier Künstler zeigen Einblicke in ihre Tänzerkarrieren und ihre Auseinandersetzung mit dem unvermeidbaren "Ende".

William Moore als böse Fee in "Dornröschen". - © Ballett Zürich / Batardon
William Moore als böse Fee in "Dornröschen". - © Ballett Zürich / Batardon

Arte benennt diesen Bühnenabschied "Zeit des Übergangs". Das mag für nicht Szene-Kenner zwar richtig eingeschätzt sein, doch aus der Sicht der Tänzer ist es eine ziemliche Verharmlosung. Immerhin geht es neben den finanziellen Einbußen, auch um das Aufwachen aus dem Traumberuf. Spätestens ab 40 Jahren ist es soweit, wenn der Körper überhaupt so lange durchhält. "Wenn ein Tänzer als Performer reif ist, dann muss er aufhören", wird immer wieder in dieser Doku betont, doch würde gerade in diesem Alter das künstlerische Potenzial liegen. Dies hat sich etwa der Meisterchoreograf Jiří Kylián zu Nutze gemacht, als er die Kompagnie NDT III für Tänzer über 40 gründete, die aber nach ein paar Jahren ihre Arbeit beendete. Auch gibt es in Deutschland das Ensemble Dance On, das "die Fähigkeit erfahrener Tänzerinnen und Tänzer nutzt, die geistige und emotionale Tiefe des choreografischen Materials zu erschließen". Die 46-jährige Gesine Moog ist einen von ihnen, sie tanzte beim renommierten Cullberg Ballet.

Spitzenniveau erhalten

Aber dann gibt es noch die Stars wie Friedemann Vogel: Er ist 43 Jahre alt und denkt noch lange nicht ans Aufhören. "Sobald man über das Alter nachdenkt, stimmt die Balance nicht mehr", sagt er überzeugt. Um in seinem Alter sein gewohntes Spitzenniveau halten zu können, muss er extrem hart trainieren: "Mein Körper will nicht geschont werden", sagt er in der Doku. Auch die 37-jährige Polina Semionova denkt ungern ans Aufhören: "Es ist schwierig, einen anderen Beruf zu finden, der mich nur annähernd so erfüllt wie der Tanz", weiß die renommierte Tänzerin. "Mir ist egal, was andere denken", fügt sie hinzu. Aber sie hat eine Zukunftsperspektive, denn dann würde sie mehr Zeit für ihre Kinder haben.

Die Dokumentation gibt einen persönlichen Einblick, doch das tiefe Loch, in das viele Ensemble-Mitglieder nach ihrem Tanzende fallen, und welche Gegenmaßnahmen zu setzen sind oder auch
von staatlicher Seite und von Stiftungen gesetzt wurden, wird nicht einmal am Rande erwähnt. Schade.