Wenn Menschen deine Vergangenheit erwähnen, dann sag ihnen: Jesus hat die Anklage fallen gelassen." Das steht auf einer heruntergekommenen Leuchtreklametafel. Ein anderes Bild zeigt eine Marienstatue, in die ein Getränkeautomat eingebaut wurde - mit demütig gefalteten Händen. Oder: Ein T-Shirt mit einem herzförmigen Aschenbecher-Motiv: "Hast du das gewusst? Eine Zigarette zu rauchen, bringt dich 11 Minuten näher dran, Gott den allmächtigen Vater zu treffen" steht darauf. Ein Baby wird in einem Taufbecken aus Stein mit einem Monster-Energy-Drink getauft. Über dem Bild von einem Mädchen steht: "Ich bin Gottes Luder-Tochter UND sein schwuler Sohn".

Es sind absurde Memes, die auf dem amerikanischen Instagram-Kanal INEEDGODINEVERY-
MOMENTOFMYLIFE gepostet werden. Auf Deutsch: Ich brauche Gott in jedem Moment meines Lebens. Meinen die das erst? Ist es eine Parodie? Ironie? Grenzt das nicht schon an Blasphemie?

New York ist eine kulturelle Welthauptstadt - was eine künstlerische und intellektuelle Avantgarde hier treibt, findet später oft andernorts Nachahmer. Im Stadtteil Brooklyn entstand Anfang der 2000er Jahre etwa eine Gegenkultur, die später als "Hipster" weltweit bekannt wurde. Popkulturelle Versatzstücke daraus beeinflussten sämtliche Bereiche der Globalkultur.

Eines der Memes des überraschend gottesfürchtigen Instagram-Accounts "INEEDGODINMYLIFE". - © Kyle Hide
Eines der Memes des überraschend gottesfürchtigen Instagram-Accounts "INEEDGODINMYLIFE". - © Kyle Hide

Später verhalf ein linkes, intellektuelles Milieu aus Brooklyn Politikern wie Bernie Sanders oder Alexandria Ocasio-Cortez zu Wahlerfolgen. Seit der Corona-Pandemie gibt es ein neues Trendviertel im benachbarten Manhattan. Genannt wird es "Dimes Square", in Anlehnung an den berühmten Times Square. Die Nachbarschaft ist kein realer Bezirk, sondern ein Ort, der vor allem durch Online-Diskussionen bekannt wurde. Er wird als die erste "Meme-Nachbarschaft" der Welt bezeichnet.

Teil einer Gegenkultur

Seit der Pandemie passiert hier etwas Ungewöhnliches: Junge Menschen wenden sich spirituellen und religiösen Inhalten zu - und entdecken den Katholizismus. In den USA ist dieser eigentlich eine Minderheitenreligion. Das Land ist stark vom Protestantismus geprägt. Warum interessieren sich die Influencer für den Katholizismus? Woher kommt das Interesse an einer Kirche, die seit Jahren Mitglieder in Scharen verliert? Geht es ihnen eigentlich darum, im protestantisch-geprägte Amerika zu provozieren und Teil einer Gegenkultur zu sein? Oder ist es einfach nur ein oberflächlicher Modetrend?

Kyle Hide ist Anfang 30 und lebt in Brooklyn. Er hat an der renommierten New York University zunächst Film und Fernsehen studiert, dann Performance Studies. Er sieht sich selbst als eine Art Video- und Performance-Künstler. Seit seinem Studium interessiert er sich für das Performative im Alltagsleben und das Zusammenwirken zwischen der religiösen und der säkularen Welt.

Der Instagram-Kanal INEEDGODINEVERYMOMENTOFMY-
LIFE entstand 2018. Eine Gruppe von Freunden schickte sich regelmäßig Gottes-Memes. Irgendwann sagte jemand, dass sie die eigentlich auch öffentlich posten könnten. "Es gab einen Schneeballeffekt. Wir erwarteten nicht, dass die Seite auf so großes Interesse stoßen würde", erzählt Hide. Bereits Ende 2019 hatte ihre Instagram-Seite 10.000 Follower, in der Pandemie wuchs das Interesse an den Gottes-Memes noch einmal erheblich. Derzeit hat die Seite 97.000 Follower.

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Hide meint, dass das Interesse an den Memes vor allem auf einem allgemeinen Mode- oder Popkulturtrend basiere. Viele Menschen spreche einfach die Optik der katholischen Ästhetik an - man erinnere sich etwa an den Madonna-Look in Musikvideos der 1980er Jahren. Derzeit erlebt dieser Modetrend ein Revival - mit Faltenröcken und Kreuzkettchen. Gleichzeitig, glaubt Hide, steckt hinter dem Trend auch eine verstärkte Sinnsuche: "Ich glaube, es gibt mehrere Gruppen. Eine interessiert sich für die oberflächlichen Darstellungsformen des Katholischen. Andere stoßen durch diese oberflächliche Annäherung auch auf etwas, wo sich eine größere Tiefe entwickelt", meint er.

Er vermutet, dass sich viele junge Menschen in der Pandemie mit der eigenen Sterblichkeit beschäftigt haben. "Ich glaube, da sind viele für Spiritualität und nicht-logische, mysteriöse Dinge wie Religion zugänglicher geworden", sagt er. Als anderes Beispiel nennt er die Astrologie, die viele junge Menschen begeistert.

Nihilismus überwinden

Viele im "Dimes-Square"-Milieu misstrauen der amerikanischen Fortschrittserzählung. Sie zweifeln daran, ob ihr Leben durch Wirtschaftswachstum und technische Innovation tatsächlich besser wird. Einstige Unterstützer haben sich von der amerikanischen Linken abgewandt, sie sind enttäuscht von einstigen Hoffnungsträgern wie Bernie Sanders. Eine Sinnsuche macht sich breit. Bei den Religionsexperimenten gehe es nun darum, diesen "Nihilismus zu überwinden", wie manche in der Szene sagen. Überraschend ist das Interesse am Katholizismus - immer wieder griffen US-Medien den Trend in den vergangenen Monaten auf. In der "New York Times" erschien im August sogar ein Gastbeitrag mit dem Titel "New York’s Hottest Club Is the Catholic Church".

Bei all dem zweifelhaften Humor und der Doppeldeutigkeit seiner Memes wirkt Hides Interesse am Katholizismus dennoch aufrichtig. Zwar nimmt er es mit dem Fasten nicht so ernst, aber er besucht gelegentlich gerne Gottesdienste. Für ihn ist die Kirche ein Sehnsuchtsort der eigenen Kindheit, etwas das ihn mit seiner katholischen Familie verbindet: "Meine Großmutter und ich können gemeinsam in die Kirche gehen und ich fühle, dass dort Geschichte erhalten geblieben ist. Diese fehlt mir im heutigen Leben oft. Mir gefallen die Rituale und Formalitäten, die es in der Kirche noch gibt", erzählt er. Er lehnt eine zu dogmatische Kirche ab und unterstützt die Idee des zweiten Vatikanischen Konzils einer Kirche, die offen für alle ist: "Wir sind alle Gottes Kinder, damit vibe ich" sagt er. Und: "Ich möchte den Menschen zeigen, dass sie eine persönliche Beziehung zu Gott haben dürfen, ohne sich dafür zu schämen, dass sie es nicht richtig machen".

Lateinische Messen

Nicht alle "neuen" Katholiken sehen das so wie er. Die Internet-Subkultur der "TradCaths" (Traditionellen Katholiken) wünschen sich eine Katholische Kirche vor dem zweiten Vatikanischen Konzil zurück. Sie besuchen lateinische Messen und nehmen die Gebote und die Eheschließung ernst - und sie inszenieren diese Haltungen demonstrativ in Sozialen Medien. Hide hat nichts gegen die "TradCaths". Er sieht im gegenwärtigen Amerika für beide Einstellungen Platz. Auch anderen religiösen Ideen gegenüber zeigt er sich aufgeschlossen. Auf der Instagram-Seite sind sie präsent. Er sagt: "Wir scheuen uns nicht davor, in Ideen von verschiedenen Traditionen einzutauchen. Es geht nicht darum, eine bestimmte Idee zu unterstützen, sondern mehr um die Entdeckung. Das grundlegende Bedürfnis von Menschen, Antworten zu suchen oder Trost zu finden."

Aber auch von einem rein "ästhetischen" oder modischen Standpunkt aus ist der Katholizismus-Trend nachvollziehbar. In der Alternativszene gibt es ein großes Bedürfnis nach eigenen Ausdrucksformen - Stichwort Cultural Appropriation. Wie kann man sich von der Masse abgrenzen, ohne sich bei fremden Kulturen zu bedienen? Was gibt es in der Geschichte der eigenen Familie, das man neu entdecken könnte? Vor gut zehn Jahren etwa war es cool, sich bei Musikfestivals mit Federkronen zu schmücken - dafür bedienten sie sich an der Kultur der Native Americans, weitere Beispiele sind Elemente aus der afroamerikanischen Kultur wie die geflochtenen Braids. Solche Dinge werden heute nicht mehr geduldet. Katholische Ausdrucksformen provozieren, weil sie ungewöhnlich sind. Zugleich sind sie oftmals auch Teil der eigenen Familiengeschichte - so wie in Hides Fall.

Für Omas und Rebellen

Trotz aller Aufrichtigkeit ist Hides Projekt doch vor allem eines: ein Kunstprojekt, das provozieren darf und will. Die Auseinandersetzung des Publikums steht im Vordergrund. Wer reagiert wie darauf? Die Memes sollen Menschen auch zum Nachdenken über eigene Standpunkte anregen: "Wie die Leute darauf reagieren, sagt etwas über sie aus. Darüber, wie sie über Religion, Glaube und Gott denken", meint er. Hide und seine Freunde drucken ihre Sprüche auch auf T-Shirts. Wie reagieren die Leute in der Öffentlichkeit auf die Sprüche? Hide erzählt von Omas, die die Shirts von ihren Enkeln bekommen - sie finden einfach Gefallen an Bibelversen, Engeln und Herzen. Andere Shirts werden wiederum von Teenagern getragen, die sich damit eine subversive, aneckende Identität schaffen wollen. Und wenn die lustigen Sprüche dem einen oder anderen doch zu weit gehen? Dann entgegnet Hide einfach: "Wenn sich jemand angegriffen fühlt, sage ich: ‚Ich liebe Gott, genauso wie du es tust!‘"