Sie ist unter den österreichischen Influencerinnen eine fixe Größe: Christl Clear ist aus Österreichs Content-Creator-Szene nicht mehr wegzudenken. Sie versorgt auf ihrem Instagram-Account über 40.000 Menschen täglich mit Themen, die die Welt beschäftigen - mal mehr, wenn es um gesellschaftliche Fragen geht, mal weniger, wenn es um modische Fragen geht - und gibt Einblicke in ihr Leben.

Für Christl Clear ist es ein Privileg, auch einmal nichts zu sagen, wenn ihr alles zu viel wird. - © Xenia Trampusch
Für Christl Clear ist es ein Privileg, auch einmal nichts zu sagen, wenn ihr alles zu viel wird. - © Xenia Trampusch

Neulich hat sie das Hörbuch zu ihrem Band "Let Me Be Christl Clear" veröffentlicht. Wieso es kein Selbsthilfebuch ist und warum sie sogar in privatesten Dingen "Christl Clear", also total offen sein wollte und warum sie trotzdem nicht will, dass ihr jeder seine gut gemeinten Ratschläge schickt, erzählt sie im Interview.

"Wiener Zeitung": Mit Aufnahmen und Mikrofonen haben Sie ja schon Erfahrung - durch Ihren neuen Podcast "Treffen sich Drei" mit Thomas Brezina und Michi Buchinger. Wie war im Vergleich dazu die Aufnahme Ihres Hörbuchs "Let Me Be Christl Clear"?

Christl Clear: Das habe ich im Studio gemacht innerhalb von drei Tagen. Da wird man schon damisch im Kopf, wenn man sein eigenes Buch laut liest.

Sie sagen zu Beginn es sei kein Selbsthilfebuch. Wieso nicht?

Ich wollte nicht noch ein Selbsthilfebuch schreiben. Vor allem nicht für andere Menschen. Für mich selbst war es das aber, weil ich viele Themen aufgearbeitet habe, indem ich sie niedergeschrieben habe. Ich wollte Menschen Einblick in mein Leben geben, aus einer Perspektive, die viele Menschen nicht haben. Ich bin nicht "normschön", ich bin schwarz, ich bin weit über 30 und bin für viele Menschen schon zu alt für die Dinge, die ich mache. Ich wollte Einblicke in mein Leben geben, auch damit Menschen besser verstehen, dass ihre Perspektive sehr privilegiert und einseitig sein kann. Es ist auch eine Art Ventil à la "Ich habe es versucht zu erklären und ihr wollt mich nicht hören." Vielleicht versteht man es besser in einem Buch - schwarz auf weiß.

Als Schwarze Frau haben Sie es in Österreich schwerer als der Durchschnitt. Wie geht es Ihnen damit, "nicht gehört" zu werden?

Es ist anstrengend, aber ich konzentriere mich auf Positives. Auf die Leute, die hören und Verbündete sein wollen. Meine Botschaft an die weiße Mehrheitsgesellschaft heranzutragen, ist Teamarbeit. Im Falle der Black-Lives-Matter-Bewegung ist es zum Beispiel ein Privileg, zu sagen, ich mache nicht mit, da es mich nicht betrifft. Meistens ist es notwendig, bewusst zu fühlen, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden, um zu verstehen, wie es sich für andere anfühlt. Und nicht mal dann funktioniert es oft.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Buch oder Ihrer Instagram-Plattform auch nicht-betroffenen Personen einen Anstoß geben können?

Ja. Man hat das bei Black Lives Matter gesehen, als mein Account signifikant gewachsen ist. Viele Menschen hatten keine Ahnung, weil sie keine Berührungspunkte hatten. Ich habe persönlich aber nicht immer Lust, meine Rassismuserfahrungen zu teilen, da das trotzdem traumatisierend ist. Aber ich rede eben viel über Dinge, die manche Menschen nicht am Radar haben - aber eben aus einer anderen Perspektive. Das kann auch die Augen öffnen.

Sie reduzieren Ihre Gesprächsthemen nicht auf Ihre Person, sondern sprechen unter anderem soziale und politische Themen an. Erhalten Sie dafür Kritik?

Ja, durchaus, auch wenn ich mich zu gewissen Angelegenheiten nicht äußere. Aber ich bin kein News Outlet, also kein Nachrichtenmedium. Ich spreche über Dinge, die ich im Moment wichtig finde, wie gerade zum Beispiel den Iran oder Alltagsdiskriminierung. Ich mache das nach Gefühl, nicht nach geografischer Nähe. Manchmal mache ich es auch gar nicht, weil es mir zu viel wird. Weltschmerz ist ein sehr valider Schmerz. Ich höre dann einfach auf, mich in dem Moment damit auseinanderzusetzen. Ein riesengroßes Privileg.

"Ich bin Schwarz mit großen S" schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie reagieren Sie auf Menschen, die nicht politisch-korrekte Begriffe verwenden?

Es ist mir lieber, sie fragen mich, wenn sie sich nicht sicher sind. Das ist besser, als es falsch zu machen oder uneinsichtig zu sein. Keiner von uns kann alles wissen, deshalb ist nachfragen wichtig. Beispielsweise erkundige ich mich auch bei meinen muslimischen Freundinnen, ob ich gewisse Dinge richtig mache.

Gibt es Situationen, die belastend sind, wenn man nicht Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft ist?

Ich habe letztens ein Interview gegeben. Eine Frage war: "Was würdest du deinen österreichischen Mitbürger*innen mitgeben wollen?" Das ist eine mit Mikroaggression gestellte Frage. Das bedeutet, du siehst mich nicht als Österreicherin. Es sind Kleinigkeiten. Der harte Rassismus, wie ich ihn nenne, ist schlimm. Was wir unterschätzen, ist der Alltagsrassismus. Das verstehen viele nicht. Menschen denken bei Rassismus an Springerstiefel, an das N-Wort oder sonst was. Es sind die Mikroaggressionen, die viel ausmachen. Du schaust anders aus, wieso sprichst du deutsch. Es sind die Mikroaggressionen, die dich immer daran erinnern, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft dich oft nicht als ein Teil davon sieht. Obwohl wir alle ein Teil der Gesellschaft sind. Das bekommt man immer zu spüren.

Sie sprechen Themen an, die vielleicht auch im Jahr 2022 nicht unbedingt selbstverständlich sind. Das letzte Kapitel Ihres Buches handelt von künstlicher Befruchtung (IVF). Wieso haben sie beschlossen, auch dieses persönliche Anliegen mit Ihrem Publikum zu teilen?

Ich wusste bis zum Schluss nicht, ob ich es reingeben will. Wenn ich es inkludiere, was passiert dann? Ich habe mit meinem Mann darüber gesprochen und bin in mich gegangen. Ich mache ein Buch über "Let me be Christl Clear" - diesen Teil meines Lebens nicht zu behandeln, wäre nicht sehr Christl Clear. Dann habe ich beschlossen, es zu machen, und wusste lange nicht, wie. Wie schreibst du das? Wo beginnst du? Aber es war mir wichtig, es anzusprechen. Nicht mal meine Mutter wusste anfangs Bescheid. Als das Buch fertig war, habe ich es ihr gegeben und gemeint, es gibt ein Geheimnis, dass ich dir nicht erzählt habe. Sie hat sich Sorgen gemacht. Aber dann war sie gleichzeitig so stolz darauf, dass dieses Buch rausgekommen ist. Ich glaube, es war eine Achterbahn der Gefühle.

Von Ihrer Offenheit bei diesem oft immer noch als Tabu wahrgenommenen Thema profitieren sicher viele Frauen.

Ich glaube, es profitieren sehr viele davon. Aber es ist anstrengend. Die Geschichte hat ein offenes Ende. Ich mache dazu sehr wenig auf Instagram, da ich oft nicht darüber reden möchte. Man will nicht ständig erklären, was passiert. Man will die mitleidigen Blicke nicht. Ich habe im Buch explizit geschrieben: "Bitte versucht, wenn es geht, mich nicht dazu anzuschreiben. Ich will eure Tipps nicht." Ich habe beschlossen, Sachen zu teilen, wenn ich bereit bin, mit den Reaktionen umzugehen. Die sind immer sehr viel - positiv wie negativ. Aber man darf nicht vergessen, Instagram ist ein kleiner Bruchteils des Lebens einer Person.