Das Internet liegt im Sterben. Der Punkt ist überschritten, an dem es noch zu retten gewesen wäre. Kein Stromausfall, keine gekappten Unterseekabeln oder Naturkatastrophen haben das Internet, wie wir es kennen, getötet, sondern Kommerz, Konsum und Bots. So sieht es zumindest der niederländisch-australische Medientheoretiker, Internetaktivist und Netzkritiker, Geert Lovink. Seines Zeichens Leiter des Institute of Network Cultures an der Hogeschool van Amsterdam und Associate Professor für Media Studies an der Universität Amsterdam

Punkt ohne Wiederkehr

In seinem neuen Essay "Extinction Internet", gehalten als Antrittsvortrag, sieht der Professor für Kunst- und Netzwerkkulturen an der Universität Amsterdam das Internet auf einen "Punkt ohne Wiederkehr" zusteuern. Das weltweite Netz ist vom Aussterben bedroht. Die Reparatur unmöglich. Ähnlich wie beim Klimawandel auf der Erde gebe es auch beim Internet einen bestimmten Zeitpunkt, an dem eine Rückkehr zu den aktuellen Bedingungen nicht mehr möglich wäre.

Laut Lovink ist das Ende einer Ära eingeläutet. Der Kampf der Internetverfechterinnen und -verfechter in den Neunzigerjahren um ein dezentrales Netzwerk für alle ist somit jedenfalls verloren gegangen. Stattdessen hätten Konzerne ("Big Tech") das Regime übernommen, denen individuelle Rechte oder die Gesellschaft als Ganzes ziemlich egal seien. Bis vor kurzem war Lovink noch davon ausgegangen, dass das Internet zwar kaputt, aber noch zu reparieren sei. Das habe sich jetzt aber geändert. Den Punkt ohne Wiederkehr sieht der Wissenschafter bald erreicht, weil zunehmend auch der normale Durchschnittsnutzer den Preis für ihre Abhängigkeit vom Internet und die Sucht nach sozialen Medien und Apps zahlen müssten. Der zu zahlende Preis seien ein verzerrtes Selbstbild und Angststörungen sowie die Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses.

Das Ende der Netzneutralität - alle Inhalte im Internet haben den gleichen Wert - ist nur mehr ein weiterer Schritt im Sterbenskampf. Nur noch Konsum und Berieselung, Kommerz, Porno und Bots. Der Kampf von Elon Musk gegen die Twitter-Bots ist die erste große Schlacht im Netz der Großkonzerne, Milliardäre und der Algorithmen. Es geht nicht um den Menschen, sondern um Deutungshoheit, Macht und Geld.

Zudem, so Lovink in seinem Essay, nähmen die soziale Kontrolle und die Überwachung im Internet zu. Das bedrohe zum einen die Meinungsfreiheit, weil Menschen sich nicht mehr trauen würden, vom "Mainstream" abweichende Meinungen zu veröffentlichen, wie Lovink behauptet. Wohlgemerkt ist damit das lauteste Geschrei, die angsterfüllte Panikmache und das faktenfreie Pseudowissen gemeint, das einen Diskurs per se verunmöglicht. An den Beispielen China (soziales Punktesystem) und USA (Angaben für Visavergabe) macht der Professor zudem die gestiegene Kontrolle einzelner Nutzer fest. Die Folge sei, dass sich die Anwender zunehmend aus dem Internet zurückziehen würden. Die großen Konzerne hätten das schon realisiert, daher auch das Engagement von Mark Zuckerberg für seine Metaverse-Idee. Einen Schlussstrich ziehen und einfach etwas Neues beginnen funktioniere aber nicht, so Lovink. Schon gar nicht, wenn wieder die Online-Giganten die Kontrolle hätten. Auch virtuelle Währungen verstärken nur die Abhängigkeiten, anstatt neue Chancen zu eröffnen. Er sieht das Ende für das Internet aber ohnehin als Möglichkeit, sich aus dessen Fängen zu befreien. "Ich denke, es ist möglich, dass wir uns davon entwöhnen. Es könnten unterschiedliche Software oder andere Konstrukte entstehen, die uns weniger abhängig machen", so Lovink. Für die Zukunft sieht er jedenfalls gar nicht so schwarz. Letztendlich sagt Lovink, dass er glaubt, dass "die Menschen beginnen werden, Technologie zu meiden", da diese Preise, die hauptsächlich psychologischer Natur sind, für den durchschnittlichen Benutzer zu viel kosten. Es ist eine verlockende Theorie, aber es ist doch schwer vorstellbar, dass sich eine ernsthafte Anzahl von Menschen jemals von etwas so Süchtigmachendem befreit, egal wie schädlich es wird.

Alternativen gesucht

Das "neue Internet" muss auf den bereits erzielten Errungenschaften basieren, die das bestehende WWW nicht mehr retten konnten, weil sie zu spät kamen: Das wären etwa die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), Initiativen gegen Hass im Netz und eine Lösung für digitale Ausweise und Verträge. Zudem ist es auch längst an der Zeit, neue technologische Ansätze und Entwicklungen voranzutreiben, die weniger Umweltschäden und geringeren Energieverbrauch ermöglichen.

Der unglaubliche Datenhunger scheint kein Ende mehr zu finden. Ohne Daten gibt es auch keine Innovation. Die Herausforderung dabei ist der datenschutzkonforme Umgang. Synthetische Daten können das Risiko für Datenschutzverstöße signifikant senken, meinen Experten. Unterschiedliche rechtliche Regelwerke sind eine Herausforderung, doch auch Talentdefizite, Datenverfügbarkeit, Inkonsistenz oder voreingenommenen Datensätzen bereiten Probleme.

Forscher von Data Science Nigeria stellten letztes Jahr fest, dass Ingenieure, die Computer-Algorithmen trainieren wollten, aus einer Fülle von Datensätzen mit westlicher Kleidung auswählen konnten, aber es gab keine für afrikanische Kleidung. Das Team ging auf das Ungleichgewicht ein, indem es künstliche Intelligenz (KI) nutzte, um künstliche Bilder afrikanischer Mode zu erzeugen - ein von Grund auf neuer Datensatz. Solche synthetischen Datensätze - computergenerierte Muster mit den gleichen statistischen Eigenschaften wie der echte Artikel - werden in der datenhungrigen Welt des maschinellen Lernens immer häufiger. Diese Nachbildungen können verwendet werden, um KIs in Bereichen zu trainieren, in denen echte Daten knapp oder zu sensibel sind, um sie zu verwenden, wie im Fall von Krankenakten oder persönlichen Finanzdaten.

Je mehr Dinge über das Internet miteinander kommunizieren - wie ferngesteuerte Haussicherheitssysteme, selbstfahrende Autos, die mit Sensoren ausgestattet sind und temperaturgesteuerte Fabrikanlagen -, desto höher der Energieverbrauch. Die aktuellen Batterietechnologien sind kostspielig und umweltschädlich. Auch die Lithiumproduktion wird nicht mit der Nachfrage mitkommen, es ist daher wesentlich, dass es neue "grünere" Technologien gibt, die das Energiedilemma lösen - für eine positive Internetzukunft.