Das Jahr 2023 könnte wahr machen, was Unkenrufer seit zwanzig Jahre sagen: "Print ist tot" hieß es schon unmittelbar, nachdem klar war, dass den Printmedien in der euphorischen Frühphase des World Wide Web ein folgenschwerer Geburtsfehler unterlaufen war. Sie hatten die Inhalte, für die der Leser und die Leserin im Abo und in der Trafik einen Preis gezahlt haben, gratis im Netz angeboten. Hauptsache Reichweite, hieß es damals, das holt die Werbung dann locker wieder rein. Auf diesen Tag der Amortisierung warten die Verlage freilich auch zwei Jahrzehnte später immer noch.

Wie auch immer, die Kuh war aus dem Stall und kaum einem österreichischen Medium ist es gelungen, sie dort wieder reinzubekommen. Nun nähert sich also der Tag des Abschieds von der gedruckten Tageszeitung, und es könnte sehr wohl das Jahr 2023 sein, in dem die Dämme endgültig brechen. Denn die Print-Aktivitäten der österreichischen Verlage sind gleich mehrfach unter Druck. Die enorme Teuerungswelle und da vor allem die Energiepreise machen den Druck erheblich teurer, als er ohnehin schon war. Zudem haben sich die Preise für Papier in den vergangenen Jahren vervielfacht - und zwar in einer stark steigenden Kurve, da auch die Papierproduktion erheblich von Energie abhängig ist. Die Produktion von gedruckten Produkten hat sich daher in den vergangenen Monaten stark verteuert. Sie sind so teuer, dass man die Steigerung kaum weitergeben kann - wer kauft schon eine Tageszeitung um sechs Euro oder ein Magazin für 15 Euro?

Zudem sind konjunkturbedingt auch die Werbe-Einnahmen unter Druck. Die Situation ist derart schlimm, dass auch an sich kerngesunde Verlage zu harten Spamaßnahmen gezwungen werden. Auch in den Redaktionen. Und es werden dabei mehr als kosemetische Maßnahme nötig sein. Beim "Standard" wurden vor einigen Wochen befristete Verträge zunächst nicht, dann doch wieder verlängert - befristet. Bei der "Kleinen Zeitung" in Graz war zuletzt von Personalabbau im zweistelligen Bereich die Rede. Bei der "Presse" in Wien gab es den Vorschlag, die Funktion des zurückgetretenen Chefredakteurs und Herausgebers Rainer Nowak nicht nachzubesetzen, sondern auf drei leitende Redakteure des Hauses aufzuteilen. Somit könne man Kündigungen zumindest hinausschieben. Der Verlag dürfte dem zwar nicht nähertreten, aber es zeigt, wohin die Reise geht. Der Herausgeber des chronisch defizitären "profil" musste kürzlich gehen, die neue Chefredakteurin soll die Funktion deutlich günstiger und wohl auch moderner ausfüllen, so zumindest der Plan. Gleichzeitig wurde bekannt, dass vier prominente Redaktionsmitglieder gehen werden müssen. Auch hier wird man wohl billiger nachbesetzen, sofern es überhaupt dazu kommt.

Kurzum: Es gibt keinen Verlag, in dem momentan nicht jeder Stein nach Einsparungsmöglichkeiten umgedreht wird. Kein Wunder, dass da auch der große Kostenfaktor Druck und Vertrieb ganz oben auf der Spar-Liste steht. Schon länger wird als Variante ventiliert, dass die gedruckten Zeitungen nur mehr am Wochenende erscheinen und unter der Woche endgültig das Feld den Apps, Websites und den anderen digitalen Vertriebskanälen überlassen. Das hat den Charme, dass die Kürzungen in den Redaktionen auch nicht umgehend auffallen. Eine gedruckte Tageszeitung ist unter einem gewissen Mindest-Stab nicht zu machen. Das Internet ist da geduldiger, wenngleich auch da jedes Minus an Journalismus sich in den nackten Zugriffszahlen zuschlägt. Kein Wunder, dass etwa der "Kurier" auf der gnadenlosen Klick-Jagd Promi-Meldungen aus der C-Kategorie bringt, die die Society-Spalte früher nicht einmal mit der Kneifzange angegriffen hätte.

Der Domino-Stein fällt

Wenige wissen, dass der Print-Abbau koordiniert erfolgen muss und nicht ein Verlag vorpreschen kann. Die Hauszustellung der Zeitungen, wie teils der Druck, erfolgt gemeinsam. Bricht ein Marktteilnehmer weg, würde es für die anderen teurer. Sprich: Das System kippt und alle anderen müssen nachziehen. Es kann daher also 2023 das Jahr werden, in dem der Fall eines Dominosteins eine fatale Kettenreaktion in Gang setzt.

Bei der "Wiener Zeitung" droht nun genau das zu passieren: Die Bundesregierung hat ein Gesetz in Vorbereitung, das die gedruckte Tageszeitung im 320. Jahr ihres Bestehens ab der Jahresmitte 2023 einstellt. Übrig bleiben dürften bestenfalls ein Monatsheft und ein, nach im Gesetz genannten Vorgaben, neu zu entwickelndes Online-Medium, das sich jedoch deutlich von der gewohnten Online-Tageszeitung unterscheiden dürfte. Da das Budget, das dafür laut Bundesregierung zur Verfügung steht, deutlich kleiner ist als bisher, ist ein erheblicher Personalabbau in Redaktion und Verlag zu befürchten. Gegen diese Pläne gibt es massive Proteste in der breiten Öffentlichkeit und auch gutes Zureden der Medienbranche. Ob und mit welchen Änderungen das Gesetz kommt, ist derzeit offen.

Die neue Medienförderung, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat, war mit ihren mehr als 20 Millionen Euro schon vor der Energiekrise zu knapp bemessen, um den heimischen Journalismus krisenfest zu machen. Nun, da die Budgets überall bei weitem nicht mehr reichen, droht sie, wie ein Tropfen auf dem heißen Stein zu verpuffen. Dass der heimische Journalismus ohne deutliche Ausweitung der Subventionen nicht zu halten sein wird, war schon vorher klar: Der Markt gibt es leider nicht mehr her. Gerade die Pandemie und die damit verbundene Fake-News-Epidemie haben gezeigt, wie wichtig verlässliche, von Experten verifizierte Informationen im Kampf gegen Schwurbler, Leugner und Verweigerer sind. Die Demokratie ist bei weitem nicht so unverwundbar, wie wir alle dachten. Die logische Folge daraus müsste mehr Journalismus sein, nicht weniger. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Es muss aber auch klar sein, dass man es nicht länger tolerieren kann, wenn weite Teile der Bevölkerung Journalistinnen und Journalisten per se als verlängerten Arm der Politik abtun. Die skandalöse Verhaberung, die sich zwischen manchem Politiker und manchem Journalisten aufgetan hat, war dabei sicher nicht hilfreich. Wenn jene, die der Politik auf die Finger schauen sollen, allzu leicht als Teil des Systems oder zumindest derselben elitären Gruppe wahrgenommen werden, müssen alle Alarmglocken schrillen. Unabhängiger Journalismus ist eine der wenigen Verteidigungslinien, die zwischen Demokratie und Diktatur stehen. Journalismusförderung ist daher keine unwichtige Nebensache, sondern eine Investition in die Absicherung der Demokratie, ja sogar ihre Lebensversicherung.

Ein Schlag ins Gesicht

Das gilt auch für den ORF, der ähnliche Probleme hat. Auch dort wird die Unabhängigkeit immer wieder in Zweifel gezogen. Wenn der Chefredakteur dieser Institution per WhatsApp einen FPÖ-Spitzenpolitiker coacht, ist das ein Sündenfall. Dass der Journalist nach seinem Rücktritt kaum ein halbes Jahr später mit dem Amt des Sportchefs betraut werden soll, ist eine unnötige Provokation, die sich ORF-Generaldirektor Roland Weißmann eventuell noch einmal gründlich überlegen sollte.

Apropos ORF. Dieser ist auch von den Teuerungen überproportional betroffen, da auch dort durch das Gebührensystem mit fixen jährlichen Einnahmen agiert wird. Auch hier wird 2023 ein Schlüsseljahr. Eine kleine Reparatur des ORF-Gesetzes ist wegen eines Höchstgerichtsurteils zum Streaming notwendig. Gut möglich, wenngleich unwahrscheinlich, da ausgesprochen unpopulär, dass die Regierung das zu einer grundsätzlichen Reform der Gebühren hin zu einer Haushaltsabgabe nützt. Zudem muss der ORF von bestimmten anachronistischen digitalen Beschränkungen befreit werden, wenn man will, dass der ORF zumindest eine theoretische Chance hat, auch noch in zehn Jahren noch ein relevantes Medium zu sein. Die Zeit dafür drängt - und es ist unverständlich, wieso die Medienpolitik dieses Kapitel auf unbestimmte Zeit verschoben hat.

Ob die Verlage die Krise auch zur Kooperation nutzen werden und beispielsweise einen gemeinsamen Login und ein gemeinsames Abo für Online-Zeitungen in Angriff nehmen, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Der Journalismus ist zu wichtig, um ihn auf dem Altar des Energiepreises zu opfern. Denn dann hätte Putin ein weiteres Etappenziel in der Destabilisierung Europas erreicht.