Es war die erste Woche des noch neuen Jahres 1993 und damit ein eher ungewöhnlicher Starttermin für eine neue Serie. Und dennoch: Am 2. Jänner 1993 liefen mit dem zweiteiligen Pilotfilm "The Emissary" die ersten eineinhalb Stunden der neuen Serie "Star Trek - Deep Space Nine". Sie war gänzlich anders als alles, was man bis dahin von "Star Trek" gewohnt war. Ging es doch nicht um die Abenteuer eines Schiffes, das jede Woche andere Welten erkundete, sondern um eine Raumstation, eben "Deep Space Nine" ("DS9"), einen entlegenen Außenposten im Bajor-Sektor. Nicht die erste Wahl für den neuen Commander, der den Job am liebsten gleich wieder loswerden will.

Doch danach passiert etwas, womit keiner gerechnet hat. Neben der Station taucht ein stabiles Wurmloch auf, das einen Zugang zum Gamma-Quadranten der Galaxis bietet, einer bisher unerforschten Region. Und das bringt die Raumstation quasi ins Zentrum des Interesses, als letzten Posten, bevor es in unbekanntes Territorium geht. Und damit auch in neue Erzählstrukturen und Entwicklungsmöglichkeiten, die die Serienmacher gierig aufnahmen und die "DS9" für nicht wenige Fans zur besten "Star Trek"-Serie aller Zeiten machten.

"Deep Space Nine" lebt von seinen Figuren, etwa dem zwielichtigen Ferengi-Barbesitzer Quark (Armin Shimerman), der immer wieder Einblick in die Kultur der Ferengi gibt. - © Paramount
"Deep Space Nine" lebt von seinen Figuren, etwa dem zwielichtigen Ferengi-Barbesitzer Quark (Armin Shimerman), der immer wieder Einblick in die Kultur der Ferengi gibt. - © Paramount

"DS9", die dritte "Star Trek"-Serie, war als Spin-off des extrem erfolgreichen "Star Trek - Next Generation" mit Patrick Stewart gedacht, die den Erfolg im TV weitertragen sollte, während sich "Next Generation" den Kinofilmen zuwandte. Nach dem Tod von "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry nutzten die Entwickler rum um Rick Berman und Ira Steven Behr die gewonnene Freiheit und führten "DS9" in eine andere Richtung: dunkler, mit dem Dominion als über allem lauerndem Bösen und einem handfesten Krieg, der mit der sonst üblichen "Friede, Freude, Eierkuchen"-Doktrin von "Star Trek" so gar nicht harmonierte.

Vielschichtige Figuren

Und doch machte genau das möglich, was sonst nicht möglich war: die Entwicklung der Charaktere und eine nie da gewesene Beziehung der Zuschauer zu den Figuren. Sieben Staffeln und 176 Folgen sind eine lange Zeit, die uns die heutigen Serienproduktionen nicht mehr geben. Hier war noch echte Bindung ans Serienpersonal möglich. Von der ersten bis zur letzten Episode. Nie zuvor und nie danach erreichten "Star Trek"-Figuren einen derart vielschichtigen Hintergrund.

"Deep Space Nine" ist zudem eine Raumstation an der Front eines Krieges. Das macht die Serie episodenweise traurig und düster. Aber es macht auch etwas mit dem Figuren-Ensemble. Statt glänzender, makelloser Oberflächen gibt es hier plötzlich Ambivalenz. Statt Heldentum plötzlich Zweifel. Statt des Hollywood-Dualismus "Gut oder Böse" muss man hier manchmal mit dem faulen Kompromiss vorliebnehmen, den keiner wollte. Themen wie Kriegsverbrechen, Gefangenschaft und Terror werden verhandelt. Wenn der Captain in der Früh als erstes die Verlustliste des Krieges durchgeht und die Faust ballt, weil er wieder Namen von Freunden darauf sieht, verschafft das der unschuldigen Utopie früherer "Star Trek"-Serien einen Dämpfer.

Ja, in "DS9" wird nicht von der Gesellschaft der Zukunft geträumt, ohne Geld und unter Führung von Fortschritt und Wissenschaft. Etwa wenn der zwielichtige Ferengi-Barbesitzer Quark (Armin Shimerman) wieder einmal seine Glücksspieltische manipuliert, um den Gästen ihr goldgepresstes Latinum aus der Tasche zu ziehen. Und dabei so sympathisch rüberkommt wie kaum eine Figur zuvor.

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass "DS9" ambivalenterweise auch Humor auf ein ganz anderes Niveau hebt. Das Spiel mit Gegenpolen, etwa zwischen Sicherheitschef Odo (René Auberjonois) und Quark, führt zu den lustigsten Dialogen, die es im "Star Trek"-Kanon gibt. Sogar reine Nebenfiguren bekommen hier eine eigene Hintergrundfolge, etwa Morn, der Alien, der stets in Quarks Bar sitzt und nie etwas sagt. Das tut er auch in seiner eigenen Folge "Who mourns for Morn?" nicht - und dennoch ist die Folge ausgesprochen amüsant.

Schon damals "woke"

Dass der Commander der Station, Benjamin Sisko (Avery Brooks), schwarz ist, bedarf heute keiner eigenen Erwähnung mehr. 1993 war das für manchen in Hollywood noch progressiv. Und das schuf etwa die Möglichkeit, in der bekannten Folge "Far Beyond the Stars" mit einem Rückgriff in die Vergangenheit das Thema Rassismus zu verhandeln. Dass es mit der Trill-Offizierin Jadzia Dax (Terry Ferrell) eine Figur gab, die sowohl weibliche als auch männliche Seiten hatte, fügte sich harmonisch ins Bild einer schon damals diversen Crew ein. Dass man sich 25 Jahre später mit einer ähnlichen Figur in der Serie "Discovery" öffentliche Kritik einhandelte, muss daher wohl eher an der übertriebenen Darstellung als an der Grundkonstruktion der Figur liegen. In den 1990ern war man schon "woke", noch bevor es den Begriff gab.

Und nicht zuletzt hat man es "DS9" zu verdanken, dass Alien-Rassen wie Klingonen, Romulaner oder Cardassianer nicht mehr wie bisher als reichlich eindimensionale Abziehbilder daherkommen, die alle gleich aussehen und gleich denken. Hier gibt es plötzlich unterschiedliche Meinungen und Ansätze, Vorlieben und Charaktere der Figuren bildet sich aus. Geschichte, Religion, Traditionen dieser Rassen wurden erst in "DS9" herausgebildet und entwickeln ein munteres Eigenleben, wenn wir etwa eine klingonische Hochzeit erleben oder tiefe Einblicke ins politische System der Ferengi bekommen. Das geht in den Produktionen von heute natürlich nicht mehr. Wer nur eine Handvoll Folgen pro Staffel produziert, hat für schmuckes Beiwerk weder Zeit noch Platz. Vielleicht wirkt "Discovery" auch deshalb so seelenlos: Zügig heruntererzählt kann eben nur schwer Begeisterung entfachen.

Serien-Schreiben revolutioniert

Und so kommt es, dass "Deep Space Nine" an nicht wenigen Tagen immer noch das Beste ist, das man sich im Fernsehen ansehen kann. Sicher, es ist nur in SD. Und in 4:3. Teile des Bildschirms bleiben daher schwarz. Aber selbst damit schlägt "DS9" noch immer etliche Serien, die uns in 4K um die Ohren gedroschen werden. Dazu kommt, dass "Deep Space Nine" etwas tut, was für das Fernsehen der 1990er Jahre undenkbar war: Es gibt eine sich aufbauende Handlung, die sich über die ganze Staffel, ja über die ganze Serie zieht. Das war von oben ungewollt, wurde die Serie doch in die ganze Welt verkauft. Daher wollte man Stand-alone-Folgen, die für sich selbst abgeschlossen stehen können. Den Gefallen hat "DS9" seinen Kunden aber nie getan. Man kann keinen Krieg erzählen, wenn die Uhr alle 45 Minuten wieder auf null gestellt werden soll. Und so hat dass große Finale in der siebenten Staffel zehn Teile.

Heute ist das ganz normal, im Zeitalter des Streaming werden alle Serien so erzählt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum "Deep Space Nine" mit seiner Streaming-kompatiblen Erzählstruktur immer noch frisch daherkommt und auch von den Themen her kaum gealtert ist. Umso unverständlicher ist es, dass im neuen "Star Trek" unter Kurzmann und Co. immer noch eher zögerlich mit Referenzen auf "DS9" umgegangen wird. Immerhin hat man den Fans in der dritten Staffel der animierten Serie "Star Trek Lower Decks" eine großartige "DS9"-Folge spendiert. Und Gerüchte besagen: Da kommt noch was.