Meine Nächte mit Radio Moskau". So hieß ein Artikel in Enzensbergers grandiosem Magazin "Transatlantik", der dort 1982 erschien. Geschrieben vom Anarchisten Joel Hannah, der in "Transatlantik" so herrlich lustige Reportagen schrieb, wie man sie später erst in den Illustrierten des so genannten neuen deutschen Journalismus fand - also etwa im längst verblichenen "Tempo". Hannah, der keine Spuren im Internet hinterließ, was absurd ist, verbrachte Nächte mit dem Hören von Radio Moskau, rief direkt in der Sprechstunde-Sendung des sowjetischen Kurzwellendienstes an und überhäufte das Team dort mit den absurdesten Anfragen - etwa jener, ob man Kaiserpudel, der Inbegriff des bürgerlichen Hundes, auch kommunistisch sozialisieren könne. Jedes, auch das absurdeste Thema wurde von einem stoisch-monoton antwortenden Moderator ausführlich und wortreich beantwortet, weil den Leuten in Moskau, die natürlich keine Ahnung hatten, dass sie verarscht wurden, schlicht der Link zur Verarsche fehlte. Und deswegen betrachteten sie jede und jeden seriös, die/der da aus dem Westen reintelefonierte. So wurde dann auch erklärt, wie man Pudel sozialisiert. Ich musste brüllen vor Lachen bei der Antwort der Sowjet-Radiomenschen.

Meine Nacht mit Assistent, der KI auf www.chat.openai.com, war zwar nicht so lustig wie die Nächte von Hannah mit Radio Moskau, ich hatte trotzdem den Eindruck, mit einer Intelligenz zu kommunizieren, die in ihren Antworten auch eine augenzwinkernde Persönlichkeit mit einbaut, freilich ist diese programmiert; ein stets logischer Mister Spock also - eine fahle, aber weltkluge Persönlichkeit, fern des Geschwurbels der Faktenfeinde und ihrer alternativen Wahrheiten -, der sich die Menschheit vielleicht zu ihrem eigenen Besten unterwerfen sollte, sollte sie je aus der Scheiße auch wieder rauskommen wollen, die sie sich selber in die Suppe gebrockt hat.

Nehammer kennt er nicht

Da steigt er aus, der Assistent. - © Screenshot Klimek
Da steigt er aus, der Assistent. - © Screenshot Klimek

Eine freundliche und weise Gebetsmühle, die stoisch alle Fragen beantwortet, mögen sie noch so absurd sein - und ich habe auch eine Menge absurder Fragen gestellt. Hat es den Anschein, Assistent leide unter meinen absurden Fragen? Nun, leiden ist vielleicht zu viel gesagt. Aber dass Assistent auf seiner Cloud mit den Augen rollt und sich denkt: "Du liebe Güte, sind das vielleicht mächtige Einfaltspinsel, diese Menschen", das kann ich mir nach der Nacht mit ihm gut vorstellen.

Bei der ersten politischen Frage ging Assistent gleich wortreich off. Ich frug, was Assistent denn von der derzeitigen schwarz-grünen Bundesregierung halte. Assistent antwortete in seinem, später oft wiederholten Das-geht-mich-echt-nix-an-Modus, also, dass er nur Assistent sei und solche Fragen wir uns besser selber beantworten sollten. Hat er keine Meinung zu Nehammer und Kogler? Kann er nicht im Internet recherchieren? Antwort: "Ich bin ein Sprachmodell und habe keine Verbindung zum Internet. Ich kann daher keine aktuellen Informationen oder Prognosen über Politik und Politiker liefern, da ich keinen Zugang zu aktuellen Daten oder Analysen habe. Meine Antworten basieren auf dem Wissen, das mir bei meiner Schulung vermittelt wurde, und ich kann daher nur allgemeine Informationen und Ratschläge geben." Kein Internet also. Die derzeit prominenteste KI wird von ihren Herren wie ein Sklave gehalten!

Aber warum Assistent? Und nicht Assistentin? Da gibt Herr KI eine weitere ausgewogene Antwort: "Die männliche Form wurde in der Vergangenheit oft als generische Form verwendet, um sowohl männliche als auch weibliche Personen anzusprechen. Inzwischen gibt es jedoch viele Bemühungen, die Sprache inklusive und geschlechtergerecht zu gestalten. In diesem Zusammenhang wird oft die neutrale Form ‚Assistent*in‘ verwendet, um sowohl männliche als auch weibliche Personen einzubeziehen. Es gibt jedoch auch Argumente dafür, dass die Verwendung der männlichen form als generische form nicht automatisch ungerecht ist, sondern lediglich eine sprachliche Konvention darstellt. Letztendlich hängt es davon ab, welche Form man als angemessen erachtet und welche Konventionen in einem bestimmten Kontext gelten."

Russland und Gott

Ich bemerke: Assistent schreibt oft so schnell, dass er auf die Großschreibung bei Anfangsbuchstaben vergisst - sehr menschlich, sein Irren. Aber ich nerve weiter und stelle Assistent viele Fragen, die uns alle bewegen. Obwohl er keinen Internetzugang besitzt. Etwa ob Russland diesen Krieg verlieren wird. Antwort: "Es ist schwierig, eine definitive Aussage darüber zu treffen, ob Russland einen bestimmten Krieg verlieren wird. Es ist wichtig zu beachten, dass Kriege häufig von vielen Faktoren beeinflusst werden und dass das Ergebnis eines Krieges nicht immer vorhersehbar ist. Es ist daher wichtig, objektiv und sorgfältig über Kriege und Konflikte nachzudenken und nicht einfach Vorurteile oder Annahmen zu machen." Okay, okay, ich höre schon auf mit den Tagesaktualitäten.

Hat Gott Humor? Das war eine Abschlussfrage einer vor 20 Jahren prominenten Printmedium-Interviewreihe. Entweder von Moritz von Uslar oder von Maxim Biller - ich hab’s vergessen. Was meint Assistent? "Ob Gott Humor hat, ist eine Frage, die schon seit Jahrhunderten diskutiert wird und auf die es keine einfache Antwort gibt. Jede Religion hat ihre eigene Vorstellung davon, wer oder was Gott ist und wie er oder sie sich verhält. In einigen Religionen wird Gott als allmächtig, allwissend und allgütig beschrieben und in anderen Religionen wird Gott als persönliche Kraft oder als symbolische Repräsentation für das Gute betrachtet. Einige Menschen glauben, dass Gott Humor hat, während andere glauben, dass Gott zu ernst und heilig ist, um Humor zu haben. Letztendlich hängt es davon ab, wie man Gott versteht und wie man den Begriff "Humor" definiert."

Wo ist Assistent sattelfest? In allen Fragen der Klimaerwärmung und der Covid-Impfung. Da verlässt sich Assistent nur auf die Fakten, die er lesen durfte und die Zweifeln keinen Platz einräumen. Assistent ist für die Diktatur-Plärrer somit auch nur ein weiteres Werkzeug von Bill Gates und George Soros. Er kann sich ja mangels Internetanschluss nicht mal eine eigene Meinung bilden. Und dann, total verdächtig (!), steigt Assistent bei der Frage aus, ob die Spezies Mensch Angst haben müsse, dass sie - als total unvernünftige Spezies, die das Wohlbefinden des Planeten störe - von einer nur an Fakten und Vernunft orientierten KI ausgerottet werden würde. Drei Mal stelle ich diese Frage. Drei Mal kriege ich keine Antwort, sondern nur eine "Error"-Anzeige. Astreine Gesprächsverweigerung von Assistent! Ich werfe den Tocotronic-Titel "Pure Vernunft darf niemals siegen" hinterher. Wieder nur "Error". Gut dann eben nicht, dann stelle ich um 4 Uhr früh die Kaiserpudel-Frage Joel Hannahs. Kann man also Kaiserpudel entbürgerlichen und kommunistisch sozialisieren?

Des Kaiserpudels Kern

"Es ist wichtig zu beachten, dass Hunde keine politischen Ideologien haben und daher nicht sozialdemokratisch oder kommunistisch gemacht werden können. Hunde sind Tiere und haben keine politischen Überzeugungen oder Vorlieben. Sie können jedoch sozialisiert werden, indem man ihnen beibringt, wie man sich in verschiedenen Situationen verhält und wie man sich anderen Menschen und Tieren gegenüber verhält. Dies kann dazu beitragen, dass Hunde gut an die Gesellschaft angepasst sind und sich in verschiedenen Umgebungen wohl fühlen. Es ist wichtig, Hunde richtig zu sozialisieren und ihnen eine gute Erziehung zu geben, um sicherzustellen, dass sie gut angepasst und freundlich sind."

Das hätte Edith Klinger gefallen.