Vampire sind bekannterweise unsterblich. Und auch filmisch sind sie nicht tot zu bekommen. Zwar mag die Welle der "Twilight"-Imitate vorbei sein. Doch hier präsentiert sich eine Serie, die nicht nur die Blutsauger erneut ins Zentrum stellt, sondern sich auch dem Trend unterwirft, Nostalgie neu aufzukochen. "Anne Rice’s Interview with the Vampire" nimmt ein bekanntes Buch aus den 70ern, das noch immer von seiner populären 90er-Adaption mit Tom Cruise und Brad Pitt zehrt, und macht daraus einen überraschenden Serienhit.

Konzipiert von Rolin Jones, ist die Serie ein Beispiel dafür, wie man Quellmaterial nehmen und darauf mit modernen Befindlichkeiten aufbauen kann. Die Ausgangslage ist dieselbe: ein Interview zwischen einem Vampir und einem Journalisten. Der Interviewer ist erneut Daniel Molloy (Eric Bogosian), der hier aber kein jugendlicher Idealist mehr ist, sondern ein bitterer Veteran seiner Zunft. Das erste Interview mit Louis de Pointe du Lac (Jacob Anderson) in San Francisco 48 Jahre zuvor hat ihn mit Narben, nicht nur an seinem Hals, hinterlassen.

Diesmal ein ehrliches Interview

Und doch, vielleicht weil der gefühlte Weltuntergang der Covid-Pandemie sowie Molloys Parkinson-Erkrankung mit in das Szenario spielen, geht der Journalist einer Einladung von Louis nach, es noch einmal mit einem Interview zu versuchen. Molloy reist nach Dubai, und Louis beginnt erneut seine Lebens-Untoten-Geschichte zu erzählen. Diesmal ehrlicher und reflektierter, wie er verspricht.

Hier setzen die ersten wichtigen Unterschiede zur Vorlage ein. Louis, eigentlich ein Sklavenbesitzer im Louisiana des Jahres 1791, ist nun ein kreolischer Bordellbetreiber im New Orleans der 1910er-Jahre. Hier herrscht noch Diskriminierung gegen Schwarze. So sehr sich Louis auch bemüht, etwas aus sich zu machen, er wird immer daran erinnert, dass er "anders" ist.

So entwickelt sich auch die Dynamik mit Lestat de Lioncourt (Sam Reid) anders. Nicht nur, dass die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Lestat als Louis’ Schöpfer und Louis als seinen Spielball, zwischen Missbraucher und Missbrauchten aufkommen. Auch die Tatsache, dass Lestat weiß ist, lädt die Beziehung mit gesellschaftlichen Diskursen auf. Er wandelt als Untoter durch eine Welt, die es ihm immer leichter machen wird als Louis, der sich zu emanzipieren versucht.

Ebenso inkludiert die Serie die homosexuellen Elemente der Vorlage, die der Film höchstens durch "Queer Coding" angedeutet hatte. Die Beziehung zwischen Lestat und Louis wird ohne Abstriche auf den Bildschirm gebannt, ist mit ihrem Trauma und ihrer Manipulation, in den Worten Molloys, eine "abgefuckte gotische Romanze". Sie beginnt dann zu zerbrechen, als das Vampirkind Claudia (Bailey Bass) der instabilen Familie beitritt.

Befreit von menschlichen Zwängen

"Interview with the Vampire" versucht dabei nie, Louis’ Identität als Verwandlung durch den Vampirismus zu inszenieren. Vielmehr ist es die Geschichte des Ausdrucks eines tieferen Selbst, das befreit von menschlichen Zwängen an die Oberfläche treten kann. Viel dieser Entwicklung ergibt sich durch das Spiel der beiden Hauptdarsteller. Deren Chemie sowie ihre Einfühlsamkeit und Exzentrik erheben sie weit über die oft blasse Darbietung eines Tom Cruise.

Bogosians Daniel greift ebenso aktiv in die Geschichte ein, stellt kritische Fragen, wiederholt, manchmal zu plakativ, die wichtigsten Punkte der Erzählung. Und doch macht sein schmissiger Stil Spaß. So gelingt es "Interview with the Vampire", auf der einen Seite feinfühlig Gesellschaftskritik zu betreiben und auf der anderen blutrünstige Gelüste zu befriedigen, wenn die Vampire Menschen zerfetzen und leersaugen.

Das Wiedersehen mit Lestat und Louis dürfte übrigens nicht das Ende sein. Der Sender AMC hat sich im Mai 2020 die Rechte an 18 Anne-Rice-Büchern gesichert. "Interview with the Vampire" ist dabei nur der Auftakt eines "Immortal Universe". Denn auch hier geht die Serie mit den Trends der Zeit. Alles ist inzwischen ein "Shared Universe".