Seit fünf Jahrzehnten ist der Mann mit der sonoren Stimme im ganzen Land als Zeitungsmacher bekannt. Und doch weiß man eigentlich wenig über Oscar Bronner, der nur selten preisgibt, was ihn antreibt. So muss er leicht indigniert Berichte lesen, wonach er "jetzt malt", als wäre das sein Seniorenhobby. Dabei war Künstlertum stets Teil seiner Identität.

Wenn er in Interviews sagt, dass für den "Standard" die "New York Times" das Vorbild war, finden im Online-Forum seiner Zeitung den Vergleich manche zum Totlachen. Dabei kennt niemand besser als Bronner den Unterschied, mit einem Zehntel an Journalisten in einem viel kleineren Markt Zeitung zu machen. Aber für ihn sind die Kriterien für "anständigen Journalismus" dieselben, egal ob bei der "Grey Lady" in New York oder beim Pink Paper in Wien: Unabhängigkeit, Überparteilichkeit, keinen versteckten Interessen dienend.

In der Szene des Café Hawelka

Doch gesellschaftliche Spaltungen um Fragen wie Klima, Krieg, Migration und Pandemie treffen auch Bronners rosa Blatt, das ja "der Haltung gewidmet" ist. Kritiker verlangen stattdessen einen Journalismus, der alle Meinungen neutral darstellt. Auch Ablehnung des Rechtsstaats und die Leugnung akribisch recherchierter Fakten? Bronner und sein Team werden wohl auch im rauer werdenden Sturm Haltung bewahren.

Um das zu verstehen, sollte man auf Bronners prägende Jahre zurückschauen. Am 14. Jänner 1943 wurde er in Haifa als Sohn des vor den Nazis geflüchteten Musikers Gerhard Bronner und dessen erster Frau Lisbeth Kreutzer geboren. 1948 kehrte die Familie zurück nach Wien, wo Gerhard Bronner eine internationale Karriere als Kabarettist und Entertainer begann. Für Oscar hieß das häufige Orts- und Schulwechsel, ständige Umstellungen auf neue Lebenssituationen.

Mitte der 1960er Jahre tauchte er mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein in die kreative Atmosphäre des Wiener Café Hawelka ein, damals Tummelplatz von Poeten und Künstlern. Einer von ihnen, der Maler Kurt Moldovan (1918-1977), gab ihm Tipps und weckte das Verlangen nach künstlerischer Betätigung.

Bronner arbeitete aber zunächst als Journalist, unter anderem für "AZ" und "Kurier", und wirkte hinter den Kulissen im Kabarett seines Vaters mit. Bekannt ist die Episode, wie ihm übergebene Mitschriften mit scharf antisemitischen Aussagen des Welthandelsprofessors Taras Borodajkewycz als sarkastischer TV-Sketch zu einem tragischen Riesenwirbel und zur Pensionierung des Professors führten.

Als aufklärerischer Aktionist gab sich Oscar Bronner in der Wiener Innenstadt als Spendensammler für den verurteilten Nazi-Kriegsverbrecher Franz Novak aus und schrieb 1965 in der Zeitschrift "Forum" über das Mitleid von Passanten für "Eichmanns Fahrdienstleiter". Zusätzlich fand der 22-Jährige heraus, dass etliche Richter der Nazizeit noch immer amtierten. Paul Lendvai, nach 1956 aus Ungarn gekommener Journalist mit internationalen Kontakten, verbreitete Bronners Berichte in der englischsprachigen Welt.

Dann nahm sich Bronner des "Falls Kupferblum" an, eines jüdischen Anwalts, den windige Zeugen die Teilnahme an einer Betrugsaffäre anhängten. Als sich Gerszon Kupferblum juristisch wehrte, wurden Haft und Psychiatrie gegen ihn aufgefahren, auch dabei von früheren Nazis. Erreicht hat Bronner damals nichts, aber er vergaß auch nicht. Im April 2022 forderte Bronner bei einem Vortrag über den Fall die Justizministerin Alma Zadić auf, Gerszon Kupferblum posthum zu rehabilitieren.

In den späten 60er Jahren reifte in Bronner die Überzeugung, dass er selbst eine Zeitschrift gründen müsse, um freie Berichte über Missstände zu ermöglichen. Es war von einem "österreichischen Spiegel" die Rede, aber das deutsche "Sturmgeschütz der Demokratie" war nur eine Inspiration. Von einer US-Reise hatte Bronner das leichtfüßigere "New York Magazine" mitgebracht, das mit kreativer Grafik und literarischen Reportagen auch Lesegenuss versprach. Mit vor allem moralischer Unterstützung von Karl Schwarzenberg, damals ein Hawelka-Habitué, startete Bronner das "profil". Er war 27 Jahre alt, die "älteren" Mitarbeiter waren um die 30, "jüngere" wie ich Anfang 20. Nur Jens Tschebull, der vom "Kurier" kommende Chefredakteur, war fast 40.

Die Branche witzelte, wie auch bei der Gründung des "trend", über "Micky-Maus-Hefte", doch das Publikum reagierte positiv. Damals war es einfach, Zeitungen beschlagnahmen zu lassen. Wiens kritisierter Bürgermeister Felix Slavik machte davon reichlich Gebrauch, doch "profil" druckte Hefte nach.

Das erregte Aufsehen, war aber teuer. Mit knapper Not schaffte es Bronner, seinen Verlag über Wasser zu halten, und konnte dann sogar expandieren: Erstklassige Journalistinnen verstärkten die Redaktion. Nicht alle Männer waren begeistert, Streit schwächte den Teamgeist. Gleichzeitig weckte der Erfolg bei der Leserschaft den Neid der Konkurrenz. "Krone" und "Kurier" projektierten eigene Magazine und warben "profil"-Leute ab. Bronner und die verbliebene Redaktion gaben den Widerstand auf und verkauften an den "Kurier". Das Magazin blieb unter Peter Michael Lingens und dann noch Jahre auf Erfolgskurs, machte aber etliche Metamorphosen durch.

Ein Pionier im World Wide Web

Bronner verfolgte sie nur aus der Ferne. Er ging nun als Künstler nach New York, ins Szeneviertel SoHo, wo neue Stars wie Jean-Michel Basquiat aufblitzten. Bronner schuf kühl reduzierte Plastiken und Acrylgemälde, die er in US-Galerien, aber auch in Deutschland ausstellte. In Österreich ging das an den meisten vorbei.

Es wurde aber der Verleger Bronner vermisst, weil im Zuge der Waldheim-Affäre 1986 Toleranz und Diskussionsfreude wieder einmal knapp waren. Emissäre ermunterten ihn, eine liberale Tageszeitung zu gründen. Bronner nahm die Herausforderung an und fand für den Start einen finanzstarken Partner: den Axel-Springer-Verlag, der zwar als rechts gilt, aber manchmal auch eher progressive Projekte unterstützt. Im Oktober 1988 erschien der erste "Standard". Das Personal dafür kam, wie Chefredakteur Gerfried Sperl, vom eben eingestellten steirischen ÖVP-Blatt "Südost-Tagespost", von der roten "AZ" oder von der jungen Stadtzeitung "Falter". Auch bei diesem Projekt Bronners mangelte es trotz Auflagenerfolgs nicht an Krisen, wenn Konjunkturflauten das Inseratengeschäft trübten.

Als bei Verkündung eines Sparprogramms eine Journalistin beklagte, dass das "nicht motivierend" sei, wurde Bronner ausnahmsweise emotional. Sie könne gleich "ihre Papiere abholen", knurrte er. (Einige tausend Ausgaben später arbeitet diese Journalistin noch immer beim "Standard".) Von den Mitarbeitern erwartete der Herausgeber, dass sie begeistert mitmachen - oder es lassen.

Dafür war er für verrückte Ideen zu haben. Als ihm das Archiv-Team vorschlug, die Zeitungstexte ins neue Internet zu stellen, stimmte Bronner zu. Im Februar 1995 war derStandard.at als eine der ersten deutschsprachigen Zeitungen online. Statt den Niedergang der Printmedien zu beklagen, wollte Bronner bei den neuesten Entwicklungen ganz vorne mit dabei sein. Inzwischen leitet Bronners ältester Sohn den Verlag, die Redaktion produziert zusätzlich Podcasts und Videos, auch für soziale Netze wie TikTok.

Mit 80 plant Oscar Bronner keine neuen Medienprojekte mehr. Doch das Land könnte auf etlichen Gebieten mutige Nachahmer - nach außen kühl, aber mit innerem Feuer - gut gebrauchen.