Dieser Text, den sie gerade lesen, wurde von einem Menschen geschrieben. Das Bild, das sie sehen, wurde von einem Menschen angefertigt und als passende Illustration des Themas ausgewählt. Und der Artikel wurde zunächst gedruckt, ist erst in einer österreichweit erscheinenden Tageszeitung erschienen und danach auch im Internet veröffentlicht worden. Wenn sie nun all die bisher genannten Faktoren streichen oder Mensch durch Maschine ersetzen, dann haben Sie schon einen wesentlichen Aspekt jener Veränderungen vor sich, die dem Journalismus im kommenden Jahr blühen werden.

Von Maschinen und Menschen

So vermeldet das Reuters Institute der Universität Oxford in seinem aktuellen Report mit dem Titel "Journalism, media, and technology trends and predictions 2023", dass Künstliche Intelligenz (KI) in den Redaktionen dieser Welt verstärkt und stillschweigend Einzug halten wird, um personalisiertere Erlebnisse zu bieten. Fast drei von zehn Befragten (28 Prozent) geben an, dass dies inzwischen ein fester Bestandteil ihrer Aktivitäten ist, und weitere 39 Prozent berichten, dass sie Experimente in diesem Bereich durchgeführt haben.

Neue Anwendungen wie ChatGPT und DALL-E 2 veranschaulichten bereits in diesem Jahr ebenfalls Möglichkeiten für Produktionseffizienz und die Erstellung neuer Arten von halbautomatischen Inhalten. Diese Tools erschaffen aufgrund von schriftlichen Eingaben, Bilder oder Texte. Wie so oft in der Branche geht es dabei eher nicht um das Austesten von Innovation, sondern um Kosteneinsparungen. Doch auch mehr persönliche Informationen und Formate für das Publikum sollen so bereitgestellt werden, um Kanalfragmentierung und Informationsüberflutung zu bewältigen. Aber diese neuen Technologien werden auch existenzielle und ethische Fragen aufwerfen - zusammen mit mehr Deep Fakes, Deep Porn und anderen synthetischen Medien.

Apropos Kosten - ja, auch dies wird 2023 noch ein großes Problem für die Medienlandschaft werden. Aus einem Füllhorn finanzieller Möglichkeiten können ohnehin nur sehr wenige Verlage schöpfen, der Rest muss schauen, wie Energie- und Druckkosten noch zu stemmen sind. Preiserhöhungen der Produkte - um die wahren Kosten für ein Printprodukt abschätzen zu können, multiplizieren sie den Kaufpreis mit dem Faktor 10 - werden hier zu einem "Luxusprodukt Zeitung" führen, das nur mehr wenige Käuferschichten adressiert. Auch die Logistik steht vor massiven Herausforderungen, eine Zustellung der Medien wird immer schwerer und auch kostenintensiver. Personalabbau scheint daher vorprogrammiert, kann allerdings ebenso nur bis zu einem gewissen Ausmaß Abhilfe schaffen und führt wohl eher nicht zu Qualitätssteigerungen. Fernseh- und Rundfunknachrichten werden bei journalistischem Personalabbau an vorderster Front stehen, da das Publikum von Nachrichtenmüdigkeit und Konkurrenz durch Streamer betroffen ist, urteilt der Reuters Report.

Weiters wird in diesem Jahr eine deutliche Abkehr von den "alten Hasen" unter den sozialen Netzwerken zu verzeichnen sein. Publisher sagen, dass sie Facebook und Twitter viel weniger Aufmerksamkeit schenken und stattdessen TikTok, Instagram und YouTube stärker forcieren werden. Podcasts, Videos und der Wunsch, mit unter 25-Jährigen in Kontakt zu treten und mit vertikalem Video-Storytelling zu experimentieren, trotz Bedenken hinsichtlich der Monetarisierung, der Datensicherheit und der weiteren Auswirkungen des chinesischen Eigentums, werden 2023 prägen.

Eine interessante Geschlossenheit zeigt sich in der Branche, wenn man sich die kurzfristigen Pläne für Innovation ansieht - Newsletter, Diskurs, Video, Podcast, Klimaberichterstattung und journalistische Ausbildung sind im letzten Jahr bei vielen Verlagen aufgetaucht. Doch was fehlt - und dies scheint eine grundsätzliche Problematik im Journalismus darzustellen -, ist eine durchdachte Strategie dahinter.

Klima- und Kulturwandel

Oder, anders formuliert, das eigene Unternehmen wird nicht hinterfragt. Da die Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher werden, hat die Nachrichtenbranche überlegt, wie sie diese komplexe und facettenreiche Geschichte behandelt. Etwa die Hälfte (49 Prozent) gibt an, ein spezialisiertes Klimateam geschaffen zu haben, um die Abdeckung zu stärken, und ein Drittel stellt mehr Personal ein (31 Prozent). Knapp die Hälfte (44 Prozent) gibt an, Dimensionen der Klimadebatte in andere Berichterstattungen (etwa in Wirtschaft und Sport) zu integrieren, und drei von zehn (30 Prozent) haben eine Klimaschutzstrategie für ihr Unternehmen entwickelt.

Wer allerdings hinter die bekannten "Greenwashing"-Initiativen blickt, stellt schnell fest, dass es eher um weniger Papierverbrauch, weniger Drucker oder einfaches Recycling im Unternehmen geht als um echtes regeneratives Wirtschaften. Es wäre allerdings keineswegs schlecht, würde sich das Verlagswesen um eine echte Vorreiterrolle bemühen. Nicht weniger Ressourcenverbrauch, sondern der Umwelt mehr geben, als man nimmt - das wäre eine Möglichkeit die jungen Menschen anzusprechen.

Abseits der technischen Aspekte und der Frage nach der richtigen Plattform gibt es jedoch auch ein viel breiteres und weiteres Feld des Journalismus, das sich ebenfalls ändern muss.

Es geht um die gesellschaftspolitische Bedeutung des Journalismus, der eine Demokratie erst ermöglicht, und die Rückgewinnung von Vertrauen. Wer Diskurs mitgestalten will, muss internen Diskurs zulassen. Wer Diversität fördern will, muss gegen die unterschiedliche Bezahlung in seinen Häusern vorgehen und auf diverse Teams setzen, nicht auf alte Strukturen und Denkmodelle. Das Aufbrechen der hierarchischen Führungsstrukturen hin zu agilen, flexiblen Teams, echte Diversität im gesamten Unternehmen - wie viele Chefredakteurinnen kennen Sie? -, das sind Themen, die es ebenso zu behandeln gilt. Auch Kollektive und Kleinstunternehmen könnten ein neuer Trend für 2023 sein.

Gerade auch was Transparenz und Vertrauensbildung betrifft. Und weil das Thema Ausbildung schon gefallen ist: Es ist zwar fein, wenn man Videos schneiden und Podcasts erstellen kann, aber ebenso sollte journalistische Ethik wieder auf die Lehrpläne kommen. Und nicht nur bei den Jungen. Wer einen Blick auf die Ereignisse des Jahres 2022 wirft, dem muss wohl die Frage von unabhängigem Journalismus für die Leserschaft und nicht zur Festigung von Macht und toxischen Strukturen in den Sinn kommen. Nicht die Yacht am Wörthersee, zur Bestätigung der Bünde um Einfluss und Macht, nicht die Verweildauer und die Auflagenstärke sind die zentralen Aufgaben des Journalismus, es geht um viel mehr.

Um Verantwortung, Demokratie und eine Gesellschaft, in der alle Menschen Entscheidungen treffen können, weil der Journalismus hier wesentliche Arbeit leistet. Und am Ende auch um Konsumenten, die bereit sind, dafür zu zahlen.