Den Job als Universitätsbibliothekar hat Peter Klien an den Nagel gehängt und sich im zweiten Berufsweg als Kabarettist selbigen geholt: genauer gesagt den Neulingsnagel 2009 beim Goldenen Kleinkunstnagel. Es folgten Einsätze als Gagschreiber und satirischer Außenreporter für "Willkommen Österreich" sowie "Die Tagespresse Show" und weitere Kabarettprogramme.

2019 bekam Klien dann seine eigene ORF-Sendung "Gute Nacht Österreich", deren Quoten beeindruckend sind: Mit einem weitesten Seherkreis von fast drei Millionen erreichte er im Jahr 2022 ganze 39 Prozent der österreichischen TV-Bevölkerung und einen Marktanteil von 18 Prozent am Hauptsendeplatz am Freitag kurz vor Mitternacht (bei den 12- bis 29-Jährigen sogar 23 Prozent) und immerhin 12 Prozent bei der Wiederholung Dienstagnacht.

Für andere Projekte hat er nun allerdings kaum noch Zeit, sagt er - außer, sie sind wirklich wichtig. So wie die Rettung der "Wiener Zeitung", für die er sich bei einem Solidaritätsabend am 22. Jänner in der Wiener Kulisse zu Josef Hader, Erika Pluhar, Pizzera & Jaus und anderen auf die Bühne stellt. Die Gratiskarten sind alle vergeben, aber der Abend wird für Youtube aufgezeichnet.

"Wiener Zeitung": Sie gestalten Woche für Woche eine halbstündige ORF-Sendung. Ist das anstrengender als Kabarett auf der Bühne?

Peter Klien: Die Bühne ist schon energieeffizienter. Da schreibt man einmal ein Programm, und das spielt man dann ein bis zwei Jahre und hat das Vergnügen, es überall hinzutragen, wo man möchte.

Andererseits könnte es auch langweilig sein, ständig denselben Text aufzusagen, oder?

Es wird eigentlich lustiger, je öfter man es spielt. Und auch nach 150 Auftritten macht es eine Riesenfreude. Bei "Gute Nacht Österreich" ist halt die Herausforderung, dass wir jede Woche quasi bei Null beginnen und ein halbes Kabarettprogramm schreiben. Das ist schon extrem fordernd. Wenn ich Glück habe, dann habe ich einen freien Tag pro Woche.

Manche Künstler sagen, politisches Kabarett werde immer schwieriger, weil die Politik selbst immer satirischer werde. Ist das eine Attitüde?

Nein, man hat das ja erst vorige Woche gesehen, als der niederösterreichische SPÖ-Chef Franz Schnabl erklärt hat, das Sujet mit ihm als "der rote hanni", das im Wahlkampf in den Sozialen Medien zu sehen war, sei ein Satireprojekt gewesen. Es verschwimmen also immer wieder die Grenzen zwischen der Satire und dem, was auf der politischen Bühne passiert. Das macht die Arbeit für Satiriker natürlich nicht leichter. Es ist schon gut, wenn es eine Politik gibt, die sich wahnsinnig ernst nimmt und sehr seriös auftritt - das kann man dann auch direkt angreifen. Ich glaube, der Bedarf nach humoristischer Zusammenfassung und satirischer Kommentierung ist ungebrochen.

Lebt nur die Satire von der Politik oder braucht auch die Politik die Satire als Reibebaum?

Ich habe schon den Eindruck, dass sich ganz schön viele Leute aus der Politik meine Sendung anschauen und sich natürlich in erster Linie freuen, wenn andere auf die Schaufel genommen werden. Und dass sie dabei in Kauf nehmen, dass ab und zu auch die eigene Partei dran glauben muss. Sie haben jedenfalls ganz schön viel Humor, Gott sei Dank.

Kann Satire die Politik verändern?

Es ist eine Stimme unter mehreren, die gehört werden. Ein Beispiel wäre Ulrike Lunacek, die nach dem sehr massiven, direkten Angriff von Lukas Resetarits als Staatssekretärin zurückgetreten ist. Aber ich glaube, es wäre übertrieben zu erwarten, dass das, was man da tut, unmittelbare Konsequenzen hat. Also, davon gehe ich gar nicht aus.

Glauben Sie grundsätzlich an das Gute im Politiker?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Aber es ist natürlich schon so, dass viele Systeme gut eingespielt sind, sagen wir es einmal so. Und in dem Moment, in dem man Teil eines Systems ist, ist man nicht mehr ganz so beweglich wie als Einzelperson. Dann hat man gewisse Verbindlichkeiten und kann nicht so frei agieren, wie man gerne möchte.

Sie waren und sind berüchtigt für Ihre "Überfälle" auf Politiker. Viel Überraschungseffekt ist da aber inzwischen nicht mehr dabei, oder?

Die kennen das natürlich mittlerweile alle. Es ist keine journalistische Partisanentour mehr, wo ich quasi aus dem Gebüsch herausspringe und sie erschrecke. Dieser Charakter ist jetzt weg. Ich glaube, der Letzte, der das Format nicht gekannt hat, war Franz Hörl. Der ist mir ins offene Messer gelaufen, das war dann sehr lustig. Er ist im Parlament dann noch dreimal über den Tag verteilt zu mir gekommen, um ein bisschen zu plaudern. Aber ansonsten sind alle darauf eingestellt. Es gibt natürlich Leute, die auch jetzt noch nicht mit mir reden wollen und mich abdrängen lassen. Andere freuen sich, wenn sie mit mir ein bisschen Schmäh führen können. Und es gibt die große Menge jener, die unsicher sind, wie sie damit zurechtkommen sollen. Die fürchten sich davor, einen Fehler zu machen.

Wer fehlt Ihnen noch in Ihrer Sammlung?

Donald Trump.

Und in Österreich?

Herbert Kickl weicht mir bisher erfolgreich aus. Aber ansonsten habe ich, glaube ich, mittlerweile alle vor der Kamera gehabt, die im Land eine Rolle spielen.

Was ist eigentlich Ihre Intention bei diesen Spontaninterviews? Hat sich die verändert im Laufe der Jahre?

Der ursprüngliche Ansatz war, ein paar Bomberln zu zünden. Aber es geht mir nicht um die reine Provokation. Ich möchte diese Interviews in einen Kontext stellen und auf etwas aufmerksam machen. Ich bin selbst politisch irrsinnig interessiert und lese sehr viel dazu. Insofern haben meine Fragen auch immer einen seriösen Hintergrund, auch wenn sie oberflächlich gesehen blöd wirken mögen. An diesem Konzept hat sich eigentlich nichts verändert. Dadurch, dass die Gegenüber mich jetzt schon kennen, bekommt es jetzt auch etwas Spielerisches. Früher haben sie mich oft einfach angestarrt und fassungslos herumgestottert, was auch lustig war. Jetzt versuchen sie halt darauf einzusteigen - oder abzutauchen, wenn sie mich sehen. Es sind jedenfalls gewisse Beziehungen zu den einzelnen Proponenten entstanden. Das hat einen anderen Charakter, der aber auch sehr lustig ist und ein ganz eigenes Bild auf die Politik wirft. In den Social Media, die für mich ein wichtiger Kompass und Gradmesser sind, schauen sich die Leute diese neuen Gespräche genauso gerne an. Positive ist auch: Mit höherer Frequenz wird natürlich auch mein Auftreten sicherer. Es war und ist aber auch für mich immer sehr aufregend, die Staatsspitzen zu treffen und mit ihnen persönlich zu plaudern. Ich war jetzt bei der Regierungsklausur in Mauerbach, und auch da gibt es immer noch schweißnasse Hände und eine gewisse Nervosität.

Manche vermissen Ihre freche "Zeitton"-Reihe gemeinsam mit Ihrem Bruder Volkmar Klien.

Das war eine Idee von Ö1, die super funktioniert hat. Es war ein Spaß für uns beide, diese 20 Folgen. Mit meiner TV-Sendung jetzt geht sich das leider nicht mehr aus, aber es ist nicht gesagt, dass wir da nicht irgendwann einmal wieder anknüpfen. Der Sender wäre jedenfalls sehr interessiert.

Wie sieht Ihr persönlicher Rückblick auf das Jahr 2022 aus?

Mein Grundempfinden ist dasselbe wie bei jedem anderen: Wir leben in einer sonderbaren Zeit, weil es seit ein paar Jahren nicht mehr aufhört. Dieses "es" ist eine gewisse Unruhe, die von verschiedenen Seiten in unser aller Leben drängt. Wir waren über Jahrzehnte ein ganz anderes Leben gewohnt. Ich bin Jahrgang 1970, und bis vor wenigen Jahren waren äußere Ereignisse für uns im Regelfall weit weg. Das hat sich geändert. Schwierig ist aus satirischer Sicht der Ukraine-Krieg. Als Zeitgenosse würde ich gerne mehr darüber reden, aber das kann man in einem Comedy-Format - und wir wollen ja eine Unterhaltungssendung sein - auch nicht jede Woche bringen.

Und was Corona betrifft: Ist das schon durchdiskutiert oder gibt es da noch Rede- und Zuhörbedarf?

Ich glaube, es sind alle froh, wenn sie nichts mehr davon hören. Da legt jeder schon ein bisschen die Ohren an. Die Menschen sind aber auch so gebaut, dass sie eher nach vorne schauen und alles Schlimme und Bedrückende zurücklassen. In der Psychologie heißt das Verdrängung. Verdrängung kann aber aus meiner Sicht auch positive Aspekte haben. Ich hoffe jedenfalls, dass da nicht mehr viel Neues kommen wird.

Sie stehen am 22. Jänner beim Solidaritätsabend für die "Wiener Zeitung" in der Kulisse auf der Bühne. Warum?

Weil ich die "Wiener Zeitung" viel lese. Ich schätze diese unösterreichische Art und Weise, eine Zeitung zu machen, nämlich sachorientiert, nüchtern, eigentlich wie Medien im angloamerikanischen Sprachraum funktionieren. Sie versuchen, mit einer nüchternen Sprache, aus einer gewissen Distanz heraus, Dinge zu benennen und zu analysieren. Mir gefällt das sehr gut, und ich lese die "Wiener Zeitung" mit Gewinn.•