Urich Weinzierl starb am Freitag, 13. Jänner, vermutlich an einer Rauchgasvergiftung, verursacht durch den Wohnungsbrand in seinem Wiener Heim im 8. Bezirk, Kochgasse 30. Anscheinend wurde dieser Brand durch eine Zigarette des Vielrauchers Weinzierl ausgelöst – es besteht eine Parallelität zum Tode von Ingeborg Bachmann, die ebenfalls ein Opfer ihrer Nikotinabhängigkeit wurde.

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. 
- © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.

- © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Mit Weinzierls Ableben verlieren seine Freunde, Bekannten und Weggefährten – vor allem sein langjähriger Partner Roman Halpern – einen liebenswürdigen, feinsinnigen, hochgebildeten Menschen, der lange als Kritiker im Mittelpunkt der deutschsprachigen Literatur und Kultur stand. Erst in den letzten Jahren hat sich Weinzierl in Folge seiner Erkrankungen zurückgezogen und kommunizierte nur mit wenigen, ihm besonders nahestehenden Menschen. Krankheit und Vereinsamung verursachten einen Circulus vitiosus, der nur schwer zu durchbrechen war. Mehrfach habe ich Weinzierl ersucht, seine literarische Arbeit fortzusetzen und über Josef Roth zu schreiben. Er stimmte zu, meinte aber, im Moment sei er durch die Krankheit geschwächt und müde.

Ulrich Weinzierl ist 68-jährig verstorben. 
- © apa / Zolnay Verlag

Ulrich Weinzierl ist 68-jährig verstorben.

- © apa / Zolnay Verlag

Ein "Homo Eruditus"

Weinzierl, geboren am 7. März 1954 in Wien, entstammte einer berühmten österreichischen Gelehrtenfamilie. Sein früh verstorbener Vater war Ordinarius für Experimentalphysik an der Universität Wien, und seine Mutter, Professor Erika Weinzierl, der ich in enger Freundschaft zugetan war, war die Doyenne der österreichischen Zeitgeschichte und viele Jahre gemeinsam mit Kardinal Franz König Symbolfigur für das Gewissen in Österreich. Ihr Buch "Zu wenig Gerechte" thematisierte Hilfe für die während des Nationalsozialismus verfolgten Juden.

Weinzierl war Germanist, Kulturhistoriker, Essayist, Buchautor und Literatur- und Kulturkorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (1973 bis 1997), und in Folge in gleicher Funktion bei der deutschen Zeitung "Die Welt". Er war ein "homme des lettres" par excellence, ein "Homo Eruditus", geprägt von altösterreichischer Kultur. Seine unzähligen Publikationen – Artikel, Glossen, Rezensionen und Essays – waren literarisch-kulturelle, kostbare Miniaturen. Er war ein Virtuose des Formulierens und ähnlich Alfred Polgar und Karl Kraus ein Meister pointierter Aperçus und Bonmots.

Weinzierl war polyglott, beherrschte Latein und hatte eine umfassende Bildung und ein immenses Wissen in fast allen Gebieten der Geisteswissenschaften. Von seiner Natur her war er ein Gelehrter, der nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Erkenntnis strebte. Über den Beruf des Kritikers war ihm ein Wort von Balzac wichtig: "Die alten Kritiker sind sanft und gütig, die jungen erbarmungslos!" Als ich ihn daraufhin mit Alfred Kerr verglich, der der bedeutendste Theater- und Literaturkritiker der Weimarer Republik war, winkte er ab und meinte, Alfred Kerr zitierend: "Kritiker zu sein, ist ein dummer Beruf, wenn man nichts ist, was darüber hinausgeht."

Riesige Bibliothek

Er besaß eine Bibliothek von tausenden Büchern – er hatte die meisten gelesen und wissenschaftlich bearbeitet, und seine Wohnung ging über in Zeitungen, Büchern und Kostbarkeiten –, Bildern, Aquarelle österreichischer Meister und wunderschöner Biedermeiermöbel. All dies trug vermutlich letztlich zum Wohnungsbrand bei, der UIrich das Leben kostete.

Er hatte Marcel Reich-Ranicki als Freund und Mentor und gab mit diesem die Werke Alfred Polgars heraus. Er schrieb einfühlsame Biografien über Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Marlene Dietrich, die mit Polgar eine zeitlang verbunden war. Er gab im Auftrag der Darmstädter Akademie der Wissenschaften ein vierbändiges Werk über die österreichische Dichterin Hermynia Zur Mühlen heraus, das 2019 im Zsolnay-Verlag erschien. Die kommunistische Aristokratin war eine bedeutende Schriftstellerin und Kämpferin gegen den Nationalsozialismus. Ulrich entriss sie der Vergessenheit und setzte ihr mit diesem vierbändigen Werk ein immerwährendes Denkmal. Eine gewisse Geistes- und Seelenverwandtschaft zu Hermynia Zur Mühlen bestand bei Ulrich in dessen Weltanschauung.

Ein bürgerlicher Linksintellektueller

Weinzierl war ein bürgerlicher Linksintellektueller - dennoch meist auf Distanz zur aktuellen Politik der Linken und Grünen- , ein Gentleman der alten Schule mit den Manieren eines altösterreichischen Aristokraten – er war mit einem Wort ein Herr aus dem Innersten seiner Seele und seines Denkens, ein Mann, der nie die captatio benevolentiae wichtiger politischer Menschen und Mäzene suchte, aber mit gleichbleibender Höflichkeit die Reinigungskraft und den Minister behandelte. Von Goethe stammt das Wort, dass ein echter Herr sich zwar vor keinem Menschen beuge, aber niemals auf einen Wurm treten würde.
Weinzierl war von Erich Kästners Wort überzeugt: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Und er zitierte gerne Nestroy: "Der Mensch ist gut, aber die Leut san a Gsindl."

Weinzierl war ein Humanist, ein Citoyen, und ein vielseitig begabter Mensch, dessen Generosität leicht den Übergang zur Verschwendung fand. Er hatte zahlreiche Literaturpreise erworben und nahm auf seinen Reisen seinen langjährigen, treuen Gefährten Poldi mit, einen Rauhhaardackel, der gelegentlich sein Herrchen durch Defäkation auf kostbaren Teppichen, wenn dieser allzu streng Poldis Diätetik betrieb, bestrafte.

Wir – eine kleine Gruppe von engen Freunden – hatten viele Jahre einen jour fixe, verbunden mit einem tour d'horizon, im Hotel Stefanie, dem ältesten Hotel Wiens. Wenn ich bei diesen Gelegenheiten Poldi Leckerbissen zusteckte, ermahnte mich Ulrich mit ironischer Ernsthaftigkeit und versuchte, auf höfliche Weise mich auch weiterhin abzuhalten, Poldi zu verwöhnen. Dafür wurde er dann abends von Poldi bestraft. Ulrich besaß auch einen Erpel namens Melchior, den er ins Kaffeehaus mitnahm und der brav der Zeitungslektüre Ulrichs beiwohnte.

Ein gläubiger Atheist

Ulrich hatte ein großes Interesse an der Bibel – er war ein gläubiger Atheist, ein Skeptiker par excellence voller "naiver" Überzeugung, dass mit Güte und beharrlicher Hilfsbereitschaft, der Mensch zum Besseren gewandelt werden könnte, – und zeigte ein großes Interesse für das Judentum. Aus den "Pirkei Awot" (Sprüche der Väter) gefielen ihm zwei Sentenzen besonders gut. Es wird gefragt, wer weise sei. Die Antwort: "Wer vom Geringsten lernt! Es wird gefragt, wer stark sei. Stark ist Jener, der sich selbst besiegt!"

Der Genussmensch Ulrich hat sich leider nicht selbst besiegt, was ihm zum Verhängnis wurde. Ein Gedanke Rainer Maria Rilkes erinnert mich besonders an Ulrich: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn."