Sie beschreibt Moderator Armin Wolf als "optisch eher durchschnittlich", lobt Kabarettist Omar Sarsam dafür, dass er für sein Alter noch recht viele Haare auf dem Kopf hat oder erkundigt sich bei Politiker Dominik Wlazny, ob seine biologische Uhr schon tickt. Im Podcast "Frauenfragen" konfrontiert Mari Lang ihre männlichen Gäste spielerisch mit provokanten Fragen, die in dieser Form eigentlich nur Frauen gestellt werden, und regt zum Nachdenken an. Dieses Konzept kommt in Österreich gut an, das beweisen zumindest die Zweitplatzierung bei den Ö3-Podcast-Awards 2022 sowie die hohen Rankings in Charts. Im Interview lässt Mari Lang die vier Staffeln Revue passieren, spricht über ihren Wunschgast und erklärt, was Mutterschaft und Kirche mit ihrem feministischen Weltbild zu tun haben.

"Wiener Zeitung": Frau Lang, welche beruflichen Vorsätze haben Sie für das neue Jahr?

Mari Lang: Ich möchte gerne wieder ein Buch schreiben und meine Tätigkeit als Keynote-Speakerin (Hauptrednerin auf Veranstaltungen, Anm.) ausbauen. Dabei will ich mich auf meine Herzensthemen Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit fokussieren und auf jeden Fall mit dem Podcast weitermachen. Durch den großen Zuspruch merke ich, dass es einen Bedarf gibt, diese wichtigen Gesellschaftsfragen zu behandeln - auch auf eine Art und Weise, in der ich das tue: Mit Lockerheit und Humor. Ich glaube, dass das neuen Schwung reinbringt und dafür sorgt, dass Feminismus ein bisschen breitenwirksamer wird und seinen Schrecken verliert.

Viele Männer haben ein Problem damit, sich als Feministen zu bezeichnen. Warum?

Zum einen liegt es wahrscheinlich daran, dass es in unserer Gesellschaft durch Social Media immer schwerer wird, sich wirklich auf eine Seite zu stellen, weil man mit einem Shitstorm rechnen muss. Zum anderen brachte die Geschichte der Frauenbewegung auch sehr radikale Strömungen mit sich, mit denen einige nicht können. Das Problem ist leider meistens, dass diejenigen, die am lautesten schreien, am stärksten gehört werden. Daher ist die Vorstellung geblieben, dass Feminismus Männer benachteiligen und aus dem Patriarchat ein Matriarchat schaffen möchte. In meinen Augen geht das völlig am feministischen Grundgedanken vorbei. Im Endeffekt geht es dabei doch um Menschenrechte.

Was hat Sie an den Gesprächen mit Ihren Gästen bisher am meisten überrascht?

Überrascht hat mich vor allem, dass Männer in einer völlig anderen Lebensrealität leben können als Frauen, ohne es zu merken. Selbst, wenn sie Partner, Ehemänner und Väter sind! Viele ihrer Privilegien, wie etwa höherer Lohn oder weniger Probleme in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sind ihnen gar nicht bewusst. Auch die Bewertung des Aussehens sind Männer in der Form nicht gewohnt. Ich werde oft gefragt: "Warum stellen Sie auch Männern diese Fragen? So etwas sollte doch besser überhaupt nicht mehr gefragt werden." Stimmt, bei manchen Themen sehe ich das auch so. Aber oft merkt man erst in der Realitätenumkehr, also wenn zum Beispiel auch ein Mann auf sein Äußeres reduziert wird, wie unpassend und indiskret solche Fragen sind.

Was konnten Sie von Ihren Gästen lernen?

Bei Omar Sarsam (Anm.: Folge 35), der in seinem Kabarett durchgängig gendert, hatte ich in Bezug auf das Thema Inklusion in der Sprache einen kleinen Aha-Moment. Sarsam meinte, dass Gendern wie das Erlernen einer Fremdsprache sei und dass es Sprachbegabten deshalb wahrscheinlich leichter falle. Menschen, die sich weigern, Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen, machen das also vielleicht nicht immer, weil sie Gegner der Gleichberechtigung sind, sondern weil es ihnen schwerer fällt, Gelerntes wieder zu verlernen.

Welchen Mann würden Sie gerne als nächsten interviewen?

Am liebsten Gott, um dann herauszufinden, dass er gar nicht männlich ist. (lacht) Nein, im Ernst. Den Papst zu Gleichstellungsfragen zu interviewen, wäre schon toll. Ich glaube ja, dass mich die katholische Kirche zur Feministin gemacht hat - das ist mir erst vor kurzem bewusst geworden. Als Kind empfand ich die christliche Gemeinschaft und die katholische Kirche nämlich als sehr positiv. Doch als ich eine Frau wurde und erlebte, dass mir allein aufgrund meines Geschlechts manche Räume und Ämter verwehrt bleiben werden, gab es einen großen Bruch. Wir denken, dass wir in unserer westlichen Kultur total aufgeklärt und modern wären, aber diese basiert nach wie vor auf Ideologien und Traditionen der katholischen Kirche, in der das Patriarchat offenbar immer noch ein Heiligtum ist, das bewahrt werden muss.

Im Laufe des Podcasts wollten Sie sich auch mit eigenen Geschlechterklischees auseinandersetzen. Worüber denken Sie jetzt anders?

Darüber, was es heißt, eine "gute Mutter" zu sein. Als ich vor neun Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, hatte ich sehr fixe, althergebrachte Vorstellungen zu dieser Rolle. Eine "gute Mutter" opfert sich für ihre Kinder auf und erfüllt zuerst einmal die Bedürfnisse aller anderen, bevor sie selbst dran kommt. Wenn ich heute einfach nur Pizza bestelle oder mir phasenweise mehr Zeit für meine Arbeit als für meine Familie nehme, bekomme ich manchmal noch ein schlechtes Gewissen. Doch zum Glück hält das nur mehr kurz an. Denn ich weiß mittlerweile, dass meine Familie rein gar nichts davon hat, wenn es mir selbst nicht gut geht.

Wie hat die Mutterschaft Sie in feministischer Hinsicht geprägt?

Mein Mutterwerden hat mein feministisches Bild komplett verändert und war für mich ein Erweckungsmoment. Ich habe an der Uni viel von bedeutenden Feministinnen gelesen und aus den Texten geschlussfolgert, dass ich als Frau alles erreichen kann, wenn ich mich nur anstrenge. Das machte mich zur Einzelkämpferin, die versucht hat, alles typisch Weibliche abzulegen, um in der Welt der Männer zu bestehen. Dann wurde ich Mutter und merkte, dass das so nicht mehr funktioniert. Das hat stark an meiner Identität gerüttelt und ich musste mich erst einmal neu finden. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass wir als Gesellschaft endlich erkennen sollten, wie wertvoll all die Eigenschaften sind, die Frauen zugeschrieben werden - Empathie, Kreativität, Fürsorge. Ohne Sorgearbeit funktioniert unser gesamtes System nicht mehr, wie uns auch die Pandemie gelehrt hat. Diese Arbeit gehört jedoch finanziell entlohnt und aufgewertet. Dafür sollten wir kämpfen. Und das am besten gemeinsam - Frauen und Männer!