Der letzte große Start ist noch keine acht Wochen her. Da schaltete Paramount+ seinen Streaming-Dienst auch für die Kunden in Europa frei, die bisher das Nachsehen hatten. Damit gibt es nun auch in Europa sechs große Streaming-Dienste, die um die Gunst und das Geld der zahlenden Kundschaft rittern: Apple+, Amazon Prime, Disney+, Paramount+, Netflix und Sky. Man kann die letzten zehn Jahre also mit Fug und Recht so zusammenfassen: Es hat lange bis zur Akzeptanz gedauert, aber Pay-TV ist mittlerweile zum Standard geworden, zumindest wenn man das lineare Fernsehen, also jenes über Antenne, Kabel und Sat, einmal außen vor lässt.

Und das passiert vor allen in der Zielgruppe unter 40 Jahren immer mehr. Wer von Fernsehen spricht, meint heute immer mehr die Summe der Angebote der Streaming-Dienste. Sie sind immer da, wenn man Zeit hat und fernsehen möchte. Sie haben immer das richtige Programm, denn der User selbst ist der Programmdirektor. Und die Algorithmen sorgen dafür, dass man eine Vorauswahl bekommt, die die eignen Interessen in den Vordergrund stellt. Wobei das freilich von Anbieterseite ein zweischneidiges Schwert ist: Läuft man doch Gefahr, mit einem zu engen Algorithmus den Effekt zu erzielen, dass der User den Dienst als "durchgeschaut" empfindet, obwohl noch hunderttausende Streaming-Minuten in anderen Genres vorrätig wären, von denen die Maschine nur nicht glaubt, dass sie gefallen könnten. Doch wie geht es der Branche mit dem Wachstum? Trägt der Markt überhaupt sechs Bezahldienste?

Auch auf diese Frage könnte das Jahr 2023 eine Antwort bieten. Die Zahlen sehen zumindest beim Branchenprimus Netflix immer noch gut aus. Vor der Pandemie zählte man 151 Millionen Abonnenten. Ihre Zahl explodierte förmlich auf 213 Millionen Ende des Jahres 2021. Das Jahr 2022, in dem die Covid-Maßnahmen immer mehr zurückgeschraubt wurden, war dann wieder von Rückgang und Stagnation geprägt. Im letzten Quartal konnte man mit 230 Millionen jedoch wieder einen neuen Rekord vermelden. Das mag auch an neuem Material liegen: Neben "Harry & Meghan" konnte der Videodienst auch mit der Hit-Serie "Wednesday" sowie den Filmen "Troll" und "Glass Onion" voll punkten. Auch mit dem Start des günstigeren werbefinanzierten Abos, das seit November verfügbar ist, zeigte sich Netflix zufrieden. Zudem dürften sich langsam die Maßnahmen zur Eindämmung des Konto-Sharings auswirken. Statt auf Netflix zu verzichten, bucht man offenbar lieber selbst.

Netflix-Gewinn bricht ein

Weniger gut lesen sich die Zahlen zum Gewinn. Die Erlöse wuchsen zwar im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund zwei Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn brach jedoch von 607 Millionen auf 55 Millionen Dollar ein. Zwar prognostiziert der Konzern einen neuen Rekordgewinn für 2023, aber den muss man erst liefern. Zudem hat sich Firmengründer Reed Hastings nun aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Zu seinem Nachfolger als Co-Chef beförderte Netflix Greg Peters.

Ähnlich sieht es beim Konkurrenten Disney+ aus, der auf Top-Content wie Marvel und das Star-Wars-Franchise mit vielen einschlägigen Neuproduktionen zurückgreifen kann. Für viele Fans offenbar ein zugkräftiges Argument. Verbuchte man im ersten Quartal 2020 noch 26 Millionen Abonnenten, steht der Dienst am Jahresende 2022 mit 164 Millionen zahlenden Benutzern da. Ein solider Anstieg mit kontinuierlichem Wachstum seit dem Start. Netflix hat man damit freilich noch lange nicht überholen können. Fraglich ob das den erfolgsverwöhnten Disney-Konzern zufriedenstellen kann.

Bei Amazon Prime Video hält man derzeit ebenso bei etwas über 160 Millionen zahlenden Benutzern, also in etwa so viel wie bei Disney. Allerdings ist das nicht überall so, im deutschsprachigen Raum hat Amazon Netflix bereits 2021 überholt und ist im Streaming-Segment Marktführer. Allerdings sehen die eigenen Prognosen für die kommenden Jahre ein Ende des Booms voraus. Für 2025 rechnet man mit 170 Millionen Abonnenten. Wobei Amazon Prime Video im Content eher in die Breite geht. So kann man dort Staffeln von Serien und Filme, die an sich nicht im Programm inkludiert sind, dazukaufen. Damit positioniert sich Amazon durchaus nachvollziehbarerweise als eine Art Basisdienst, den man nicht unbedingt nur wegen seinem neuen Content hat. Zudem hängt er ja auch noch immer am Angebot von Amazon Prime, das eine Bevorzugung beim Versand von Waren mit sich bringt.

Daher sind die Zahlen schwierig zu interpretieren. Zudem verlief das Jahr 2022 bei Prime Video nicht unbedingt nach Wunsch. Die Akzeptanz der als Straßenfeger teuer produzierten "Herr der Ringe"-Serie "Ringe der Macht" erwies sich dann doch als ernüchternd. Sie hätte als Zugpferd für eignen Content für fünf Jahre dienen sollen. Ob die Serie so lange durchhält, wird man erst sehen.

Apple enttäuscht

Bislang nur wenig vom Boom profitieren kann Apple tv+. Aktuelle Zahlen sind schwer zu bekommen, dürften sich aber auf mehr als 25 Millionen zahlende Abonnenten belaufen. Analysten gehen jedoch davon aus, dass weltweit zusätzlich rund 50 Millionen Abonnenten den Dienst mittels Gratis-Promotions nutzen. Apple fährt eine andere Strategie und hat verhältnismäßig wenige Premieren am Start, dafür aber ausschließlich mit eigenproduziertem Content. Völlig klar: Damit kann man bei Apple nicht zufrieden sein.

Bisher war es so, dass das Auftauchen neuer Dienste im Streaming keinen deutlichen Einbruch bei den bisherigen Anbietern mit sich brachte. Wer einen Dienst abonniert, abonniert ohne Murren auch zwei oder drei. Ob das in der Teuerungskrise auch so bleibt, ist eine andere Frage. Gut möglich, dass 2023 das Ende des Booms einläutet.