Wien.

Wer kann etwas anderes noch besser? Beim Casting in Wien fanden sich vor allem Akrobaten, Jongleure und Sänger ein. Andreas Pessenlehner
Wer kann etwas anderes noch besser? Beim Casting in Wien fanden sich vor allem Akrobaten, Jongleure und Sänger ein. Andreas Pessenlehner
Was ist Talent? Man weiß es nicht - allein, es wird nicht reichen.
In Zeiten der Überhöhung der Klimax hin zum Megalativ sollte man zumindest über ein Supertalent verfügen, um im sogenannten Showgeschäft nicht unterzugehen. Als Feinde des Stars sind im Echtzeitalter vor allem Gewöhnungseffekte ins Feld zu führen. Kennt man schon, braucht man nicht. Hey, Leute: Wer kann etwas anderes noch besser?

Während das Wirtschaftswunder ausbleibt, der Absturz also viel näher ist als der Aufschwung, soll dabei aber auf eines nicht vergessen werden. Wir alle sind spätestens seit Durchschnittsbürgern wie Paul Potts oder Susan Boyle auch immer selbst der Superstar. Christina Aguilera mag aus der Distanz zur Hochglanzindustrie ja ganz nett anzusehen sein. Als Durchhalteparole in durchwegs nüchternen Zeiten darf das Privatfernsehen seiner Kernschicht aber durchaus auch Hoffnung spenden. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von sozialem Auftrag - genau!

Im Fahrwasser von Formaten wie "Pop Idol", das hierzulande als "Starmania" bekannt werden sollte, etablierten sich Castingshows als Quotenzugpferde nicht nur der Privaten. Im deutschsprachigen Raum zeichnet dafür vor allem der in Köln ansässige Fernsehproduzent Grundy Light Entertainment verantwortlich, der international zur FreMantleMedia ("Britain’s Got Talent") gehört. Mit Dieter Bohlen als Haus-und-Hof-Gesicht reüssierte das Unternehmen mit Produktionen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder eben "Das Supertalent". Aber auch der öffentlich-rechtliche Bereich wird nicht außen vor gelassen. "Das Quiz mit Jörg Pilawa" oder "Herzblatt" laufen in der ARD.

Sehen und staunen


Mit der 2007 erstmals ausgestrahlten RTL-Castingshow "Das Supertalent", die Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, egal, auf welchem Gebiet, präsentiert, wurden im Vorjahr bis zu 8,5 Millionen Zuseher pro Sendung erreicht. Die Aussicht auf Menschen mit tatsächlichen Talenten wurde dabei aber schnell nebensächlich. Die Lust am öffentlichen Scheitern mindertalentierter Teilnehmer, bei "DSDS" oder "Starmania" einst mit "Leider nein"-Clips bedient, wurde live in den Hauptabend gehoben. Von der Couch aus gesehen, sind die Depperten immer die anderen. Einerseits. Neben grotesken Attraktionen wie dem Penismaler Tim Patch, dessen Kunst man sich keineswegs als Hommage an das Vagina Painting einer Valie Export vorstellen darf, dem Kunstfurzer Mr. Methane oder Busty Heart, der Frau, die mit ihren Brüsten Bierdosen zertrümmerte, wurde andererseits aber bald auch der Faktor Mitleid ein Thema. Die detailliert ausgebreiteten Leidensgeschichten vieler Teilnehmer führten schließlich zum Reflexvoting. Die Teilnehmer selbst wurden - höchst erfolgreich - mit einer Siegesprämie von 100.000 Euro gelockt: Mehr als 40.700 Personen bewarben sich im Vorjahr für die Show.