Türkische Hochzeiten werden in Hochzeitssälen gefeiert, von denen es in Wien etliche gibt. Foto: Kilic
Türkische Hochzeiten werden in Hochzeitssälen gefeiert, von denen es in Wien etliche gibt. Foto: Kilic

Von Beschneidungsfeiern über Verlobungen und Henna-Abenden bis hin zur Hochzeit wird alles für verhinderte Gäste via WWW ins Wohnzimmer gebracht. Auch Fremde können somit einen Blick in türkische Festlichkeiten erhaschen. Wer sich allerdings viele kulturelle Einsichten erhofft, wird bald enttäuscht sein, hat sich in Europa schon lange eine eigene Hochzeitskultur entwickelt.

Das behauptet zumindest jemand, der es wissen muss. Organisator Aydin Kilic ist seit 15 Jahren in dem Geschäft und hat schon einige Hochzeiten organisiert. "Türkische Hochzeiten können eigentlich unterschiedlicher nicht sein. Jede Provinz bringt eigene Traditionen und Bräuche mit." Nicht so in Europa. Hier beobachtet der Vater von fünf Kindern eine Entwicklung, die mit Tradition und Vielfalt nichts mehr zu tun hat. "Es geht bei den meisten Türken in der europäischen Diaspora nur noch darum, so wenig wie möglich in die Hochzeit zu investieren. Die meisten Hochzeiten laufen deshalb immer gleich ab."

Tatsächlich genügen ein paar Einblicke in das Hochzeitsfernsehen, das über Satellit empfangen werden kann, um diese Feststellung zu bestätigen. Egal, aus welcher türkischen Provinz das Paar ursprünglich stammt, der Ablauf ist meist derselbe. Zuerst werden Gäste empfangen, deren Zahl die Fünfhundertermarke problemlos überschreitet. Nach einem Tanz des Brautpaares werden nun auch die Gäste von einem Moderator aufs Parkett beordert. Dieser ist es auch, der in Begleitung eines Orchesters gesanglich durch den Abend führt. Pausiert wird lediglich, wenn die Kellner das Essen servieren. Auch hier ist von den reichen türkischen Kulinaritäten wenig zu sehen. Neben Cola, Fanta und Mineralwasser, die in Plastikbechern serviert werden, gibt es oft Kebabscheiben mit ein paar Salatblättern und Reis. "Ein halbes Hähnchen ist da schon Luxus", bedauert der türkische Weddingplanner die Nachlässigkeit seiner Landsleute und vergleicht diese mit der ex-jugoslawischen Community. "Ich habe mich geniert, als ich zu Gast auf einer ex-jugoslawischen Hochzeit gewesen bin. Da lacht einem schon beim Eingang das reiche Buffet entgegen. Von Fleisch, Obst und Säften über köstliche Spieße bis hin zu verschiedenen Torten ist alles dabei. Das ist bei unseren Hochzeiten leider eine Seltenheit."

Obwohl die türkische Community sehr vielfältig ist und die Hochzeit eines der wichtigsten Ereignisse im Leben darstellt, wird oft kein großer Wert auf die Qualität gelegt. "Hauptsache die Leute tanzen und haben Spaß", meint Ahmet Kilic, der im Hochzeitssaal "Mozaik" im 21. Wiener Gemeindebezirk ebenfalls verschiedene Feste organisiert. Er begründet diese neue Hochzeitskultur in der steigenden Anzahl der Organisatoren: "In den letzten zehn Jahren ist der Konkurrenzdruck enorm gestiegen. Säle schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Brautleute suchen nach dem billigsten Anbieter. Überall wird nur noch gefeilscht, anstatt auf die Qualität zu setzen. Die meisten sind sogar mit 5000 Euro Kosten für die gesamte Planung und Organisation für meist mehr als 600 Menschen unzufrieden. Sie versuchen die Preise zu drücken, indem sie drohen, zur Konkurrenz zu gehen."

Gäste, die man nicht kennt

Auch dass die Gäste auf jeder Hochzeit zur selben Musik tanzen, scheint diese nicht zu stören. Regionale Unterschiede sind auch hier kaum zu entdecken. Planer Aydin Kilic, der neben seiner Tätigkeit auch mit seinem Orchester für die Musik sorgt, weist auch hier auf Mängel hin. "Die türkische Musik ist so reich an Klängen und Instrumenten. Doch egal, woher die Leute kommen - ob aus Samsun, Yozgat, Erzincan oder Bingöl -, sie tanzen auf jeder Hochzeit stets zur selben Musik."

Die Musik und die Speisen machen der angehenden Braut Duygu, 18, weniger Sorgen als die Bescherung. "Auf meiner Hochzeit werde ich viele Gäste gar nicht kennen. Das ist so, als würde ich die Leute nur einladen, damit sie mich beschenken. Außerdem dauert das viel zu lange." Tatsächlich wartet man ein bis zwei Stunden, bis der Moderator die Vertreter einzelner Familien in der langen Warteschlange, die sich vor dem Brautpaar formiert hat, einzeln hervor bittet. Diese übergeben meist Geldbeträge von 50 bis 500 Euro, welche vom Moderator je nach Betrag mehr oder weniger lautstark verlesen werden. Selbst Spenden nicht anwesender Gäste werden per Nachricht verlesen und auf Band festgehalten, was dank Dügün TV von Letzteren genau nachvollzogen werden kann. Bei hunderten Gästen kommt eine beträchtliche Summe zusammen, die im schlimmsten Fall die Hochzeitskosten deckt. Der Rest wird beiseitegelegt oder in die Wohnungseinrichtung investiert.

Doch kein Brautgeschenk ist je vergessen. Schließlich heiratet bestimmt einmal jemand aus einer geladenen Familie, welche wiederum mit entsprechenden Gaben bereichert werden muss. "Mein Vater ist jedes Wochenende auf mindestens zwei Hochzeiten geladen. Jedes Mal beschenkt er das Brautpaar, wobei 50 Euro das Mindeste sind. Wenn meine Schwester und ich heiraten, kommt aber alles wieder zu ihm zurück. Ärgerlich für ihn, dass wir so bald jedoch nicht ans Heiraten denken", scherzt Sinem, 26.