• vom 22.07.2004, 00:00 Uhr

Medien

Update: 30.03.2005, 14:27 Uhr

Die Doyenne der österreichischen Mediengeschichte - Marianne Lunzer feiert heute ihren 85. Geburtstag

Wegbereiterin in schwierigen Zeiten




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Von Wolfgang Duchkowitsch

  • Heute begeht Marianne Lunzer ihren 85. Geburtstag. Sie ist Wegbereiterin und Wegbeschreiterin der modernen Mediengeschichte in Österreich. Die erste Vorlesung, die ich bei ihr hörte, führte mich in die Freiheitswelt der Publizistik im Sturmjahr 1848, eine andere in die Geisteswelt der Parteienpresse und wiederum eine andere in die Konsumwelt der "Yellow Press" in den USA. Faszinierend waren sie alle.

Ihre wissenschaftliche Laufbahn begann Marianne Lunzer als "Verwalterin einer Assistentenstelle" im Wintersemester 1942/43 am eben erst eröffneten Institut für Zeitungswissenschaft der Universität Wien. 1944 zur "nicht-ständigen" Hochschulassistentin ernannt, betraute sie Institutsvorstand Karl Kurth, der freiwillig zur Deutschen Wehrmacht einrückte, mit seiner Stellvertretung. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus verblieb nur Lunzer am Institut, das seinen Sitz in der Heßgasse im 1. Wiener Gemeindebezirk hatte. Dank ihrer Initiative blieben die im Verlauf der Kampfhandlungen zu notdürftigen Unterkünften umgewandelten Institutsräume der Universität erhalten, so dass im März 1946 erste Vorlesungen und Übungen abgehalten werden konnten.


Diese und andere Aufbauarbeiten begleiteten den Werdegang von Marianne Lunzer während der schwierigen Nachkriegsjahre. Verpflichtungen in Lehre und Forschung nahmen in dieser Zeit ihre Kapazität voll in Anspruch und verzögerten ihre Habilitation. Erst 1954 erhielt sie die venia für Zeitungswissenschaft. Vier Jahre später wurde sie pragmatisiert. 1973 erfolgte Lunzers Ernennung zur a. o. Universitätsprofessorin neuen Typs.

Nach dem Tod von Kurt Paupié im Dezember 1981 übernahm sie die Leitung des Instituts, das seit den frühen siebziger Jahren die Bezeichnung Publizistikwissenschaft trug. In dieser Funktion wusste Lunzer die Gesamtkontinuität des Instituts in Lehre und Forschung nicht nur zu sichern, sondern auch zu vertiefen. Die eigene Forschung musste sie als Ordinaria etwas zurücknehmen. Der Medienpolitik in der Ersten Republik sowie der Frau als Leserin im 18. Jahrhundert galten ihre Schwerpunkte. Nie ging es ihr vornehmlich darum, nach außen präsent zu sein, sondern nach innen zu wirken. Stets daran interessiert, ein für jede Inividualität offenes und fruchtbares Klima zu schaffen, lag es Lunzer daran, ihre Forschungsergebnisse direkt in den Dienst der Lehre zu stellen; umweglos, in direkter Kommunikation mit den Studierenden, ihren Adressaten, zu vermitteln und auf Seminar- bzw. Forschungspraktikumsebene im Dialog zu vertiefen und verdichtend zu erweitern.

Lunzer hat auf diese Art sehr viele Impulse gesetzt. Gestaltete sie den Strom fachlicher Entwicklung mit, so nährte sie ihn gleichermaßen kontinuierlich durch Aufschließen neuer Quellen im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Wurde Medien- und Kommunikationsgeschichte durch sie mündig, so hat die von ihr mitgestaltete Einmündung des Fachs in das Gesamtfeld der Sozialwissenschaften reiche Konturierungschancen für die Forschungsarbeit nach ihrer Emeritierung eröffnet.

In Begegnung mit der Schnelllebigkeit unserer Informationsgeselllschaft mit ihren oft nur scheinbar rascher ablaufenden, schneller vergänglichen Phasen, zählt zu Marianne Lunzers großen Verdiensten, dass der Blick ihrer Studenten über die flüchtige Ebene der Tagesaktualität auf den Motivhorizont der Kommunikation gehoben und retrospektiv vertieft werden konnte.



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Dokument erstellt am 2004-07-22 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-30 14:27:00


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