• vom 28.11.2002, 00:00 Uhr

Medien

Update: 07.04.2005, 16:28 Uhr

Das Festival "digitalBIEDERMEIER" im Wiener WUK zeigt Facetten der kleinbürgerlichen Netzkultur

Das "digitale Biedermeier" oder Die Eroberung der Welt vom Sofa aus




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Von Manfred A. Schmid

  • Während wir einerseits in einem Zeitalter der öffentlichen Inszenierung leben, findet gleichzeitig ein Rückzug in die privaten Räume statt. Eine gestern eröffnete Veranstaltung im Wiener WUK ist dem Rückzug ins Wohnzimmer gewidmet, von dem aus die digitale Welt und damit Öffentlichkeit erobert wird. Im Rahmen des Festivals "digitalBIEDERMEIER" wird ein umfangreiches Programm geboten, das den vielen Facetten und Ausprägungen dieses Phänomens auf den Grund geht. Dazu gehören Filmprogramm, ein international besetztes Symposium, ein Salon als Ort der Begegnung, eine Media Lounge mit ausgewählten CD-ROM- und Web-Projekten auf interaktiven Computer-Terminals, zwei große Partys und der tägliche [d]Club mit internationalen DJs aus Ost- und Westeuropa. Noch bis zum kommenden Sonntag ist das vom österreichischen Kulturverein [d]vision gestaltete Festival "digitalBIEDERMEIER" im Wiener WUK mitzuerleben.

Die modernen Technologien ermöglichen es, die vernetzte Welt vom Sofa aus zu erleben. Immer mehr Menschen drängen von dort auf den Bildschirm, um sich in intimsten Momenten öffentlich darzustellen. Die Kamera, die öffentliche Plätze überwacht, steht der privaten Webcam gegenüber. In unzähligen Talkshows wird private Schmutzwäsche gewachsen. Das Festival "digitalBIEDERMEIER: re/producing the private" thematisiert die Veränderungen des Privaten und Öffentlichen durch die Technologisierung. Öffentliche Räume sind längst technologische Räume geworden und scheinbar Privates zumindest hab öffentlich. Weblogs positionieren sich als neue Erzählform udn erlauben ebenso wir Webcams intime Einblicke in fremde Wohnzimmer.


Kollektive Vernetzung

In den eigenen vier Wänden frönt der technisch versierte Zeitgenosse seiner Selbstverwirklichung in der Gestaltung von Videotacgebüchern, Filmen, Musik und Ähnlichem. Oftmals ist diese individuelle "Indoor"-Freizeitgestaltung kein einsames Vergnügen, sondenr eine kollektiv betriebene Tätigkeit, die in lose zusammengewürfelten Gruppen stattfindet. Die Vernetzung mobiler Geräte verbindet uns auch unterwegs mit Freunden oder Arbeitsplatz. Und auch wer alleine zu Hause arbeitet, bewegt sich doch meist in einem sozialen Netzwerk gleich Gesinnter. In welchen Räumen findet das Private statt und welche Treffpunkte schaffen sich Communities? Das Biedermeier dient als Metapher für die offensichtliche Verschiebung der Grenzen von Privatem und Öffentlichem, und nicht zuletzt dem Entstehen einer kleinbürgerlichen Netzkultur.

Kulturelles und gesellschaftliches Potenzial

Dem massiven kulturellen und gesellschaftspolitischen Potential dieser Räume stehen Wirtschaft und Politik hilfosx gegenüber. Längst sind es nicht mehr nur die Produkte der Unternehmen, die von Usern nach ihren Vorstellungen modifiziert werden. Vielmehr bieteh diese neuen Kulturfabrikanten inzwischen vom Sofa aus ernst zu nehmende Alternativen an. Von Software, Musik oder Film bis hin zu Information und Foren des politischen Diskurses finden sich abseits des Mainstreams ebensxo vielfältige wie brauchbare Angebote. Und es werden bereits Alternativen zur politischen Realität gefordert. Die Politik begegnet den NGOs, Überwachung stößt auf Gegenüberwachung, kommerzielle Software auf pen Source und Hochkultur auf Amateurkultur. Und kann in der dezentralen Struktur orivater Initiativen Diskurs, Kulturoproduktion und Wissensverteilung nicht effizienter sxtattfinden als in den langsamen und hierarchisch organisierten Strukturen von Universitäten, Konzernen, Theatern und Parlamenten?

Das Festival-Programm digitalBIEDERMEIER

Das Programm des Festivals "digitalBIEDERMEIER" rund um Paranoia & Gemütlichkeit, Voyeurismus & Exhibitionismus wurde in einer weltweiten Internet-Ausschreibung selektiert und erwartet die Besucher in der eigens gestalteten Wohnzimmer-Kulisse der Museumsräume im WUK.

Das Filmprogramm zeigt über 40 Arbeiten aus 23 Ländern und präsentiert zahlreiche Digitalfilmproduktionen und Videos über Widerstand und Migration, Amateurkultur, Internet-Communities, Videotagebücher sowie Mitschnitte aus Überwachungskameras und Szenen von der Penetration der Intimsphäre. Insgesamt bietet das Programm fast ausschließlich österreichische Erstaufführungen.

Im Rahmen des Festivals findet ein dreitägiges Symposium mit zehn Referenten aus Kanada, Rumänien, Deutschland und Österreich statt. Im Mittelpunkt der englisch- und deutschsprachigen Beiträge stehen die Themen Geschichte des Privaten, Liebe und Technologie, Exhibitionismus und Voyeurismus, Überwachung, Privatsphäre und Datenschutz.

Internationale Gäste aus New York (Todd Verow, der "Godfather of digital Underground"), Hof KOng, Rumänien u.a. vereichern den in einen vergrößerten Livingroom verwandelten großen Saal des WUK.

Detailinfo und Programm: http://2002.dvision.at/files/digitalBIEDERMEIER.pdf



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2002-11-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-07 16:28:00

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