Vorreiter USA und Bundesrepublik

Offene Kanäle kennt man in den USA seit 1971 unter dem Namen public access. Inzwischen gibt es dort schon über 2.2000 public access channels. Auch in der Bundesrepublik Deutschland wird den Bürgern bereits seit 1984 - als in Ludwigshafen (Vorderpfalz) ein Pilotprojekt startete - die Möglichkeit geboten, selbst produzierte Beiträge in ausschließlich dafür vorgesehenen Fernsehkanälen kostenlos zu senden.

Seit der Einführung des Kabelfernsehens sind auch die dafür benötigten Kapazitäten kein Problem mehr. Nachdem im Jahr 1987 der "Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens" von den Ministerpräsidenten der Bundesländer unterzeichnet worden ist, ist in unserem Nachbarland auch die Finanzierung Offener Kanäle gesichert. Zwei Prozent der Rundfunkgebühr können demnach für die Förderung Offener Kanäle verwendet werden.

Auf der Grundlage dieser Regelung haben die Offenen Kanäle in Deutschland einen rasanten Siegeszug angetreten. (die aktuelle Zahl findet man unter http:// www.ok-dortmund.de/adressen.htm ). Allein im Pionierland Rheinland-Pfalz gibt es bereits 27 Offene Kanäle. "Früher habe ich viel Fernsehen gekuckt", meint etwa ein junger Arbeiter in Dortmund. "Jetzt kucke ich kaum noch Fernsehen, ich mache Fernsehen."

Ergänzung des dualen medialen System

Mit der Einführung der Offenen Kanäle wird dem Grundrecht auf Freiheit der Meinungsäußerung, das für alle gilt, Rechnung getragen. Offene Kanäle sind demnach die unverzichtbare dritte Säule, die das duale System aus öffentliche-rechtlichen und kommerziell-privaten Sendeanstalten ergänzt.

Auch in anderen europäischen Ländern haben die Offenen Kanäle inzwischen längst Einzug gehalten. So wurden in Schweden rund 30 lokale Offene Kanäle eingerichtet. Über die aktuelle Situation in Ländern wie Dänemark, Finnland, die Niederlande, Großbritannien und Irland informiert http://www.openchannel.se/vat bzw. der dachverband "Open Channels for Europe (http://www.openchannel.se/euro/index.htm .

Projekt Offener

Kanal Wien

In Österreich war derlei bis jetzt noch Zukunftsmusik: Angesichts des deutlich zeitverzögerten heimischen TV-Markts auch kein Wunder. Doch das soll ab 2003 anders werden. Die Initiative dafür hat die Bundeshauptstadt Wien übernommen wo der "Offene Kanal" als Teil einer gemeinsamen Projektreihe der Wiener Grünen mit der Wiener SPÖ initiiert worden ist. Der Verein "Arbeitskreis Offene Kanäle Österreich" (http://www.offenerkanal.at ) wurde damit beauftragt, in einem ersten Schritt eine Machbarkeitsstudie zu erarbeiten, in der die Möglichkeiten für einen Offenen Kanal in Wien sondiert und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen erforscht werden (http://www.ok-wien.at ).

Die Studie liegt inzwischen vor. Anders als in Deutschland, wo Offene Kanäle vor allem über die Rundfunkgebühren finanziert werden, soll demnach der Kanal Wien in einer ersten Phase von der Stadt Wien gefördert werden. Um die Kernkompetenz eines Offenen Kanals abzudecken, wird von den Studienautoren Johannes Schütz (Obmann des Vereins "Arbeitskreis Offene Kanäle Österreichs), Alf Altendorf (Mitbegründer von TIV) und Robert Stachl (Radio Orange) ein Betrag von rund 600.000 Euro bis 900.000 Euro veranschlagt, In der zweiten Phase müsste dann aber ein Bundesgesetz die weitere Finanzierung regeln.

Gründe für Einrichtung von Offenen Kanälen

Die Gründe, die für die Einrichtung Offener Kanäle in Österreich sprechen, werden von den Studienautoren eingehend analysiert. An erster Stelle nennen sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit im Informationszeitalter. Medienkompetenz sei demnach zu einer Schlüsselqualifikation geworden, die es zu fördern gelte. Offene Kanäle ließen sich hier mit Gewinn einsetzen. Besonders gut könnte damit die wichtige Zielgruppe Kinder und Jugendliche erreicht werden. So wurden etwa in Deutschland erfolgreiche Projekte in Zusammenarbeit mit Schulen entwickelt. Österreich, so die Autoren, habe bisher auf Offene Kanäle verzichtet - und müsse sich bereits heute strukturelle Nachteile in Ausbildung, Weiterbildung und ganz allgemein der Qualifizierung der Bevölkerung eingestehen.

Informationsvermittlung: Die Kenntnis von Recherchetechniken sei in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Kriterium der Qualifikation geworden. In Offenen Kanälen könne die nötige Kompetenz vermittelt werden. Dies geschehe im Rahmen praktischer Projektarbeit, die zunehmend ein bedeutsames didaktisches Modell im Zeichen einer neuen Wissenskultur darstelle.

Verringerung der Wissenskluft: Einer Untersuchung des IMAS-Instituts aus dem Jahr 2000 zufolge fühlen sich 54 Prozent der Österreicher durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien überfordert. Offene Kanäle seien hier ein idealer Ort der Vermittlung, der auch sozialen Randgruppen eine Chance gebe.

Medienpädagogische Ziele: Die größere Transparenz des Mediums, die sich den Nutzern der Offenen Kanäle biete, führe laut Studie nachweislich zu Emanzipationseffekten beim Fernsehkonsum und fördere die soziale Integration. Das gelte für alle Randgruppen, auch für Langzeitsarbeitslose, die im Offenen Kanal neues Selbstvertrauen und eine bessere Darstellungsweise erlangen könnten.