• vom 14.07.2011, 17:14 Uhr

Medien

Update: 14.07.2011, 19:01 Uhr

Fernsehen

Der Tod des stillen Tycoons




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Von Bernhard Baumgartner

  • Legerer Machtmensch und Zampano ohne Drang zur Öffentlichkeit - Leo Kirch ist tot
  • Leo Kirch ermöglichte weite Teile des deutschen Privatfernsehens.
  • Einer der letzten Selfmade-Unternehmer des Medienbereichs.

Leo Kirch im März 2011 bei einem Berufungsverfahren gegen die Deutsche Bank. dpa - © EPA

Leo Kirch im März 2011 bei einem Berufungsverfahren gegen die Deutsche Bank. dpa © EPA

München. Weniger Interviews als Leo Kirch gab selten ein Mann, der gut von der Kommunikationsbranche lebte. Nur zweimal ging er in seinem Leben vor die Presse. Der Filmhändler und ehemalige deutsche Medienzampano starb am 14. Juli mit 84 Jahren in München.


Viel zu sagen hatte er in den Interviews ohnehin nicht - Kirch war immer eher ein Mann der Taten als der großen Ankündigungen gewesen. Einer, für den nüchterne Zahlen weniger Bedeutung als sein Bauchgefühl hatten, der Filmdeals aus G’spür heraus schloss und der auch gerne einmal in die Vollen ging, wenn es darum ging, einem anderen den Deal wegzuschnappen und die Lufthoheit am Stammtisch des Fernsehens zu behalten.

Kirch, der aus einfachen Würzburger Verhältnissen stammte, war einer der letzten deutschen Selfmade-Medienunternehmer in einer Reihe mit Axel Springer („Bild”) , Henri Nannen (Gruner+Jahr) oder Reinhard Mohn (Bertelsmann). In jungen Jahren erhielt der studierte Mathematiker 1956 von einem Studienkollegen den Tipp, sich Federico Fellinis „La Strada” anzusehen, für den keiner die deutschen Rechte gekauft hatte. Gemeinsam mit einem Freund fuhr Kirch nach Rom und kaufte die Rechte. Das Geld dazu war natürlich geborgt - ein Muster, das sich bei Kirchs Deals in den späteren Jahren immer wiederholen sollte. Kirch kaufte Filme mit Geld, das er nicht hatte, um später an den TV-Rechten gut zu verdienen. Ein riskantes Geschäft, aber sehr lukrativ.

Schließlich war Kirch damit über Jahrzehnte quasi Alleinherrscher über den deutschen Markt. Wollte jemand einen Film spielen, kam er an einer der vielen Firmen des verschachtelten Kirch-Imperiums kaum vorbei. Erst viel später in den Achtziger Jahren raffte sich die ARD auf, eigene Deals mit Hollywood zu machen.

Aber auch im direkten TV-Geschäft mischte Kirch richtig mit. Bei Sat1 stieg er ein, als es begann, Erfolg zu haben bei der Gründung von Pro7 war sein Sohn Thomas Kirch an vorderster Front mit dabei. Als Kirch zehn Prozent des Axel-Springer-Verlages („Bild”, „Welt”) kaufte, wurde vielen erst klar, wie mächtig sein Imperium geworden war.

Doch Kirch wollte noch mehr. Ihn reizte die Königsklasse des Fernsehens, ganz nach dem Modell des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch in Großbritannien. Er wollte Pay-TV in Deutschland einführen - in der festen Erwartung, eine Cashcow ungeahnter Größe zu erschaffen. Daher gründete er Mitte der 90er Jahre „DF1”, später unter dem Markennamen „Premiere” und auch heute als Sky Deutschland unter Murdochs Führung aktiv. Auch hier ging es dem oft leger mit Strickjacke auftretenden Kaufmann mehr um die Vormachstellung, das Bauchgefühl, den Geschäftssinn als um kühle Zahlen. Allen, die in ihren Business-Plänen nicht auf schwarze Zahlen kamen, wollte er es zeigen. Mit irren Summen kaufte er Sportrechte und andere Premium-Ware, um sein Pay-TV zu pushen.

Premiere, Fass ohne Boden
Doch was Kirch auch tat, „Premiere” blieb immer hinter den Erwartungen zurück. Im Unterschied zu den Italienern und Briten, die brav die Taschen von Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch füllen, waren die Deutschen kaum bereit, in einem Land mit einer hohen Anzahl erstklassiger frei zu empfangender Sender für Fernsehen extra zu bezahlen - ein bis heute kaum gelöstes Problem.

Das hatte zur Folge, dass Geld in Kirchs Unternehmen zur Mangelware wurde. Darüber, warum sein Imperium im April 2002 insolvent wurde, wird heute noch vor Gericht gestritten. Aus Kirchs Sicht hatten kritische öffentliche Aussagen des damaligen Chefs der Deutschen Bank hinsichtlich Kirchs Kreditwürdigkeit zum Zusammenbruch geführt. Das letzte Gerichtsurteil dazu wird Kirch nun nicht mehr erleben.

Die Filettierung seines Lebemswerks musste der von Diabetes nahezu blinde alte Mann, von dem es jahrzehntelang keine Fotos gab, hingegen miterleben. Die meisten seiner Produkte überlebten - als Kernstück etwa seine Rechtebibliothek, aus der noch immer weite Teile des Fernsehprogramms bespielt werden. Bis zuletzt war Kirch noch mit Deals aktiv -wie immer lieber hinter den Kulissen als davor.




Schlagwörter

Fernsehen, Leo Kirch, tot

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Dokument erstellt am 2011-07-14 17:20:09
Letzte Änderung am 2011-07-14 19:01:31



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