Wien.

Amateurfilmer stellten Dutzende Videos der Anschläge in Norwegen ins Netz. - © dpa
Amateurfilmer stellten Dutzende Videos der Anschläge in Norwegen ins Netz. - © dpa
Wer auf der Video-Plattform Youtube das Suchwort "Norway massacre" eingibt, den führt gleich der erste Treffer zum Ergebnis: Ein 50-sekündiger Clip, offenbar von einem Amateur gefilmt mit einer Handykamera, zeigt das Ufer der kleinen Insel Utöya, an dem Leichen wie Mikadostäbchen verstreut herumliegen. Mitten unter ihnen streift der Attentäter umher, auf der Suche nach weiteren Opfern. Das Video gibt keine Quelle und keinen Urheber an, die Youtube-Community hat es allerdings bereits als "potenziell unangemessen" eingestuft, was seine Betrachtung aber nicht einschränkt.


Link-Tipps
Website Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien
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Zwei Klicks weiter gibt es Dutzende Handyvideos von Passanten, die die Momente nach der Bombenexplosion in Oslo festhielten - Zerstörung und Blut auf der Straße inklusive. Auf Facebook und Twitter verbreiteten sich die Nachrichten selbsternannter Reporter wie ein Lauffeuer. Und auch auf der "Enzyklopädie" Wikipedia standen Stunden nach dem Attentat bereits seitenlange Berichte zum Geschehen, obwohl viele dieser "Fakten" noch nicht einmal verifiziert worden waren.

Die meisten Menschen besitzen heute Handys mit Foto- oder Videofunktion. Der "Leser-Reporter", er ist in den letzten Jahren zu einem fixen Bestandteil der Medienwelt geworden, für manche ein Segen, für andere ein Fluch. Denn während Boulevard-Medien wie die "Bild"-Zeitung ihre Leser sogar dazu animieren, Bilder und Videos von hautnah miterlebten Ereignissen einzusenden, leidet darunter die Seriosität des Journalismus insgesamt. "Bild"-Videos von einer Katze, die von einem Baum gerettet werden muss, mögen ja noch einen recht niedlichen Actionfaktor ohne große Auswirkungen auf die Welt haben, doch bei fundamentalen Ereignissen wie den Anschlägen in Norwegen trifft die subjektive Sicht der Amateure mit dem objektiven Profiblick von Reportern aufeinander.

"Dieser Graswurzel-Journalismus ist per se eine weitere Informationsquelle im Internet", versucht Manfred Bobrowsky, Professor am Wiener Publizistikinstitut, eine Einordnung. "Jedoch sind diese Quellen mit großer Vorsicht zu genießen." Bei selbstgedrehten Videos, bei Amateurfotos und blogartig verfassten Berichten selbsternannter Journalisten fehle jede Möglichkeit einer Qualitätskontrolle, so Bobrowsky. "Das Problem ist, dass der normale Leser das möglicherweise nicht bedenkt und solchen Quellen Glauben schenkt."

Anhand der Zunahme von lesergeneriertem Content, der auf Facebook oder Twitter verbreitet wird, sei der Medienwandel abzusehen. "Solche subjektiven Infokanäle sind sehr gefährlich", warnt Bobrowsky. Subjektive Erlebnisse würden immer wieder als objektive Fakten dargestellt.

Der klassische Journalismus lässt sich dabei immer öfter von den spektakulären Bildern der Leser verführen, nicht nur die "Bild"-Zeitung; der TV-Sender CNN, der sich selbst als "The World’s News Leader" bezeichnet, zeigt seit geraumer Zeit Seher-Videos in seiner Rubrik "CNN iReport". "Welche Medien auf diese User-Inhalte zurückgreifen, wird künftig seriöse von Boulevardmedien unterscheiden", so Bobrowsky. "Problematisch wird es allerdings, wenn die Bürger nur mehr den Boulevard konsumieren."

Auch Wikipedia ist ein heikler Fall: Was dort von den Usern als Faktensammlung präsentiert wird, muss noch lange nicht tatsächlich wahr sein. "Es ist eine Sammlung subjektiver Eindrücke. Wikipedia ist deshalb für meine Studenten an der Uni eine unzulässige Quelle und darf nicht verwendet werden", sagt Bobrowsky.

Die Wissenschaft plädiert daher für eine umfassende Medienausbildung schon in der Schule. Bobrowsky: "Damit die Leser zu mündigen Bürgern werden und selbst unterscheiden können, welche Quellen vertrauenswürdig sind."