Wien.

Schlechte Arbeitsbedingungen für Journalisten. - © © Ocean/Corbis
Schlechte Arbeitsbedingungen für Journalisten. - © © Ocean/Corbis
An die 120 Neueinsteiger würden im österreichischen Journalismus im Jahr gebraucht, um die natürlichen Abgänge wettzumachen. In den Markt drängen sieben Mal so viele. Mehr denn je gilt Journalismus bei jungen Menschen als Traumberuf - weniger denn je ist dieses Bild mit der Realität in Einklang zu bringen. Das ist die Kernaussage der Studie "Medienkarrieren im Umbruch", die von Roland Hummel und Susanne Kirchhoff vom Salzburger Institut für Kommunikationswissenschaft veröffentlicht wurde.

"Wahrhaft abstruse Erwartungshaltungen führen zu einem verklärten Journalismus-Bild", erklärt Hummel. Der Studie zufolge sehen sich angehende Journalisten noch immer in der Rolle von neutralen Informationsvermittlern, die komplexe Sachverhalte ausgewogen und verständlich für aufbereiten. Kreativität, kritische Reflexion und gutes Formulieren sind ihre Qualitätskriterien.

In der Praxis treffen sie auf einen Markt, wo die Vermittlung von Inhalten dem Diktat der Wirtschaft hintangestellt wird. Ein Markt, wo technologisch beschleunigte Produktionsbedingungen Stress und Belastung signifikant erhöht haben und weniger Zeit für Recherchen bleibt und wo über vielen Arbeitsplätzen das Damoklesschwert hängt und "freie" Dienstverhältnisse dramatisch zunehmen; 40 Prozent der österreichischen Journalisten arbeiten ohne fixe Anstellung; von diesen muss mehr als ein Drittel mit weniger als 2000 Euro Bruttoverdienst im Monat auskommen.

Der Druck der Wirtschaft auf die Medien steigt unaufhaltsam. Immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus im klassischen Sinn und PR-Arbeit. Die Unsicherheit des Arbeitsplatzes angesichts des Zulaufs in den Markt "überzeugt" Journalisten, "auch Geschichten zu machen, die vom Berufsethos her nicht hundertprozentig vertretbar sind" (Hummel). "Das sind unausgesprochene im Raum stehende Vorgaben, die mir zutiefst widerstreben. Das betrifft die Landesregierung, einen Energiekonzern, ein Handelsunternehmen, einzelne Mitglieder der Landesregierung. Ja, das sind Dinge, die mir überhaupt nicht taugen, aber letztendlich beuge ich mich dem, was der Sender vorgibt", wird in der Studie eine 36-jährige angestellte Privatradiojournalistin zitiert.

Zu den unausgesprochenen Regeln in vielen Redaktionen gehört laut Studie die Prämisse, Anzeigenkunden nicht zu kritisieren. In manchen Verlagen sollte man auch Kollisionen mit Eigentümer-Präferenzen tunlichst vermeiden. "Ich kann mir keine Jagd-kritische Geschichte im ,profil vorstellen", lacht Franz C. Bauer, Präsident der Journalistengewerkschaft und als "profil"-Redakteur dem Imperium des bekanntermaßen waidbegeisterten Raiffeisen-Generals Christian Konrad untertan. "Raiffeisen ist der Kirche eng verbunden. Es war aber sehr wohl möglich, kirchenkritische Geschichten zu bringen", beeilt Bauer sich hinzuzufügen.

Der grassierende Stellenabbau und der ökonomische Druck auf die Medien potenzieren sich in die verkehrte Richtung - nämlich nach unten - auf der qualitativen Ebene. "Wenn wir Mechanismen, die in der Wirtschaft gelten", warnt Fritz Wendl, Vorsitzender des ORF-Redakteursrats, "zu sehr in die Medien hineinlassen, dann fehlen uns irgendwann die Ressourcen, unserer Funktion als vierte Gewalt im Staat nachzukommen."

Doch wenige Anzeichen deuten auf eine Trendumkehr. Zwar steigt die Zahl der Ausbildungsmöglichkeiten in Fachhochschulen. Die damit verbundenen Pflichtpraktika finden jedoch bei Brancheninsidern wenig Beifall. Oftmals unbezahlt, maximal mit 500 Euro entlohnt, unterliefen sie arbeitsrechtliche Bestimmungen, verstellten freien Journalisten mögliche Arbeitsgelegenheiten und bereiteten nicht ausreichend auf die journalistische Arbeit vor. "Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, die Pflichtpraktika abzuschaffen", so Wolfgang Katzian, Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten Druck Journalismus Papier. Auch die Presseförderung steht in Kritik. "In der Presseförderung ist eine Ausbildungsförderung enthalten. Es ist aber weder kontrollierbar, welche Ausbildung gefördert wird, noch ob sie stattfindet. Es gibt Verlage, die stecken das Geld einfach ein", sagt Bauer."