Kaltenbrunner, Kraus, Karmasin (v.l.n.r.) präsentieren den Journalisten-Report III. Foto: Medienhaus Wien
Kaltenbrunner, Kraus, Karmasin (v.l.n.r.) präsentieren den Journalisten-Report III. Foto: Medienhaus Wien

Etwa 300 Politikjournalisten arbeiten in Österreichs Medien und 100 davon wurden für den von Daniela Kraus, Andy Kaltenbrunner und Matthias Karmasin herausgegeben Report befragt. Wie verhalten sich Politikjournalisten im Vergleich zu allen anderen Journalisten?

Kritiker von Missständen

Die Ergebnisse sind mehr oder weniger überraschend. Am auffälligsten ist die Tatsache, dass sich Österreichs Politikjournalisten im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen viel extremer als Kritiker von Missständen sehen. 97 Prozent der Politikjournalisten in Österreich sehen sich als "vierte Gewalt im Staat". In Deutschland tun dies nur 60 Prozent. Während in Österreich 56 Prozent angaben, dass es ihnen darum gehe, die Bereiche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu kontrollieren, waren es bei derselben Fragestellung unter deutschen Kollegen nur 32 Prozent. Ein überschätztes Selbstverständnis? "Nein", antwortete Karmasin. Es gehe vielmehr um eine vorhandene kritische Grundhaltung und nicht darum, ob man diese realisieren kann.

Befragt nach ihrer politischen Grundhaltung ordnen sich die Politikjournalisten überwiegend (63 Prozent) links der Mitte ein. Wenig überraschend, meint Kaltenbrunner, da sie sich selbst als kritisches Bewusstsein einschätzen. Links heiße aber nicht parteinahe. In der Mitte sehen sich 22 und politisch rechts 16 Prozent.

Wenn, dann grün

"Ich bin links. Ich bin kritisch", fasste Karmasin zusammen. Allerdings gaben ein Drittel der Politikjournalisten an, keine Nähe zu den Parteien zu haben. Am stärksten (28 Prozent) sympathisieren Österreichs Politikjournalisten noch mit den Grünen.

"Interessant und widersprüchlich" findet Kaltenbrunner das Ergebnis, dass zwar alle Befragten der Meinung waren, dass die "Kronen Zeitung" und der ORF die politische Tagesordnung am meisten beeinflussen, der Journalist selbst jedoch diese Medien nicht als "persönlich relevant" ansieht. Vielmehr zieht er die "Presse" (52 Prozent) oder den "Standard" (51 Prozent) hinzu, um am politischen Diskurs teilzunehmen. Die "Krone" (16 Prozent) spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Reißerisch kommt an. Für 57 Prozent der Befragten nimmt die Sensationalisierung im Politikjournalismus zu. Damit sei die "Eventisierung" als Folge der Medialisierung von Politik auch in Österreich angekommen, meinte Karmasin. Der "Human Touch" steht im Vordergrund, zeitaufwendige Recherchen werden seltener, was nicht zuletzt mit dem ökonomischen Druck zu tun hat.

Das hat auch Auswirkungen auf die Recherchestrategien der Journalisten. Es erstaunt natürlich nicht sehr, dass 95 Prozent der Befragten Google als wichtigste Suchmaschine angeben. Dabei wird meist nur die erste Ergebnisseite genutzt. "Die Recherchetiefe im Netz wird nicht ausgeschöpft", so Kraus. "Viele Quellen bleiben ungenutzt." Auch soziale Netzwerke werden kaum in die Recherche eingebunden.

Tálos kommentiert Wikipedia

Kaum eine Recherche findet jedoch ohne Wikipedia statt. Politikwissenschafter Emmerich Tálos weist anhand Wikipedia-Einträgen zu Sozialpartnerschaft und Bundesrat auf die Tücken der Online-Recherche hin. Die Einträge seien alles andere als zeitgemäß.

Als Problem erkennen Journalisten die "Verhaberung", das "Du-Wort", die Nähe zu Pressesprechern, um an Exklusiv-Infos zu kommen. Dadurch fehle die notwendige Distanz. Eine Lösung gebe es allerdings nicht, dafür sei Österreich einfach zu klein.