Wien. Wenn ein Mann auf YouTube wahllos auf Kinder schießt, eine massakrierte Leiche mit Fleischwunden aufgebahrt ist oder ein Kind misshandelt wird, dann haben wir das nicht selbst erlebt. Es sind aber auch keine Szenen aus einem Film. Es sind reale Bilder, von Medien übermittelt, die der Betrachter verarbeiten muss.

Fast in allen Ländern ist YouTube unzensuriert zugänglich. - © © Imaginechina/Corbis
Fast in allen Ländern ist YouTube unzensuriert zugänglich. - © © Imaginechina/Corbis

Die Neuen Medien, wie das Google-Videoportal YouTube, machen vieles möglich. Sie öffnen Türen in öffentliche und private Räume und sie vertreten ein hohes Gut in unserer Gesellschaft, die freie Meinungsäußerung. Jeder kann hochladen, was er möchte, und konsumieren, was ihm gefällt. Zwischen Sender und Empfänger, Experte und Laie wird kein Unterschied gemacht.

Heimlich gefilmt

Die Szene, die den Anschlag auf den US-Präsidenten J. F. Kennedy, der im Auto sitzt und angeschossen wird, zeigt, haben wir noch im Kopf, doch heute kommen viel öfter schockierende Bilder, der Zugang dazu ist leichter und vor allem unzensuriert. Das Attentat von Oslo ist auch noch ein halbes Jahr nach dem Geschehen auf YouTube zu sehen; die regungslosen Körper, die auf Booten transportiert werden, am Ufer liegen oder von Helfenden zugedeckt werden. Jemand hat sein persönliches Video mit den Bildern des Massakers zusammengestellt und mit Musik unterlegt.

Auch zum Thema Kindesmisshandlung finden sich unzählige Videos. Jemand hat heimlich in einem Kinderheim gefilmt und will das Leid von sich und seinem kleinen Bruder aufdecken. Die Urheber der Videos sind alle mit Nicknames versehen. Die Authentizität der Inhalte ist oft schwierig zu beurteilen. In einem anderen Video wird ein Baby über mehrere Monate gefilmt. Es soll zeigen, wie ein Kind nach einiger Zeit auf keine Reize mehr von außen reagiert, wenn man ihm keinerlei Zuwendung schenkt. Das Kind liegt regungslos in einem Spitalsbett und schaut ins Leere. Ort und Zeit des Geschehens sind unklar.

"Wenn ich etwas bewusst suche, kann ich bereits innerlich Barrieren aufbauen, damit mir die Bilder nicht allzu nahe gehen", erklärt die Wiener Psychologin Sandra Gerö. "Wenn aber dramatische Bilder völlig unvorbereitet kommen, dann können sie traumatisch sein, egal, ob ich es selbst erlebt habe oder ob ich es nur sehe", sagt sie zur "Wiener Zeitung". "Wenn dann für das Kind oder den Jugendlichen keine Vertrauensperson erreichbar ist, können die Bilder bleibende Sorgen und Ängste verursachen."

Die Videos auf YouTube zeigen Ausschnitte und keine Zusammenhänge. Im Fall des Videos mit dem Baby, um das sich niemand kümmert, klärt immerhin eine Expertin später auf. Der sogenannte Hospitalismus wurde vor allem in den 70er Jahren erforscht und zeigte auf, dass Kinder in Spitälern und Heimen aufgrund von zu wenig Zuneigung sich nicht normal entwickeln können. Dennoch bleibt die Frage, welchen Sinn es macht, solche Videos völlig unkommentiert im Netz zu haben.

Auf YouTube wird nur gelöscht, wenn sich ein Dritter meldet und sich an einem Inhalt stößt. Doch auch dann wird meistens das Video nicht gänzlich hinausgenommen, sondern für registrierte Nutzer zur Verfügung gestellt. Dass sich allerdings jeder auf YouTube registrieren kann, egal welchen Alters, rief schon viele Jugendschützer auf den Plan.

Gelernte Medienkompetenz

Für Psychologin Gerö macht es allerdings keinen Sinn, die Neuen Medien zu zensurieren. "Wir sind gefordert, zu lernen, mit den Neuen Medien umzugehen, sie nicht zu verteufeln, aber auch nicht grenzenlos in sie einzutauchen. Bei Gewaltdarstellungen ist es wichtig zu unterscheiden, was strafrechtlich relevant sein könnte, und was Unterhaltung sein soll. Erwachsene können Kindern helfen, mit den gesehenen Inhalten umzugehen", sagt sie. Eltern sollten ihre Kinder begleiten und beobachten, nicht tadeln.

Kinder lernen Medienkompetenz von Beginn an, indem sie beim Fernsehen nach und nach verstehen, wie die Bilder zusammenhängen und was echt ist und was nicht. "Kinder reagieren auf das Verhalten von Erwachsenen", sagt Gerö. "Wenn die Eltern bei Szenen lachen, dann lachen sie auch, wenn die Eltern Angst haben, dann kriegen die Kinder auch Angst." Schreckliche Bilder, die unbesprochen bleiben, könnten zu Schlafstörungen, Albträumen und Ängsten führen. Die Welt wird mit YouTube durchsichtiger. Eine Jugendliche hatte ihren Vater gefilmt, als er sie vor sieben Jahren mit dem Gürtel züchtigte. Sie stellte das Video kürzlich auf YouTube. Der Vater, der zufällig auch ein prominenter Familienrichter in den USA ist, wurde suspendiert.

"Einfach wegschauen"

Dass ein Bild mehr sagt als 1000 Worte ist ein alter Spruch, der noch immer gilt. "Bilder, die durch Sprache entstehen, können sofort verarbeitet werden, ein Bild ohne Sprache kann traumatisieren", sagt die Psychologin Sandra Gerö. Und vor allem für Jugendliche sollte gelten: "Du musst nicht alles anschauen. Einfach wegschauen."